Mit Bären auf Tuchfühlung: Zwei Seesener allein in der letzten Wildnis Europas

Nach gut 2.300 Kilometer mit dem Auto begann die rund 150 Kilometer Trekkingtour im Sarek Nationalpark. Die beiden Seesener Michael Schwerdtfeger und Tim Böstge machen sich auf den Weg.
 
Ein besonderes Erlebnis: Zwei Braunbären in freier Wildnis, nur wenige Meter entfernt.

Faszinierende Trekkingtour durch den Sarek Nationalpark in Schweden – teilweise hart am Limit. Rund 5.000 Kilometer mit dem Auto und per Pedes in gut zwei Wochen hinter sich gebracht. Lavinenunglück nur knapp entgangen - Braunbären hautnah erlebt.

Von Antonio Mateo, Seesen

Kurz nach Ihrer Rückkehr aus Schweden berichteten mir die zwei Seesener Tim Böstge und Michael Schwerdtfeger von ihren Erlebnissen im Sarek Nationalpark. Die beeindruckenden Bilder, die sie mir präsentierten und die Schilderungen von Gefahrensituationen beeindruckten mich sehr, so dass ich mich dazu entschloss, über deren Erfahrungen zu berichten.

Ende Mai startete die Tour in Seesen, wo sie auch genau 15 Tage später enden sollte. Bewaffnet mit Karte, Kompass, Zelt, Fotoapparat, Videokamera und Proviant ging es erst mal daran, die gut 2.300 Kilometer mit dem Auto zu bewältigen. Am Sarek Nationalpark begann das große Abenteuer und die gut 150 Kilometer Trekkingtour mit der Durchquerung von dichten Wäldern, reißenden Flüssen und hohen Bergen. Die Rucksäcken, jeweils rund 35 Kilo schwer, machten nur ein langsames und beschwerliches vorankommen im tiefen Schnee möglich. Keine Wege, keine Brücken und keine Hütten weit und breit. Es war die pure Wildnis und die letzte Wildnis in Europe.

Ganz besonders den 9. - und 11. .Juni werden die zwei Abenteurer in guter Erinnerung behalten. Als sie nach dem Frühstück in Richtung Hochgebirge aufbrachen, fanden sie nach kurzer Zeit, ein erst kürzlich gerissenes Rentier. Ihnen war klar, der oder die „Jäger“ könnten noch nicht weit sein. Nur eine Stunde später fanden sie auf einem Hügel frische Bärenspuren. Sie überquerten den Hügel und erblickten an einem Fluss zwei ausgewachsene Braunbären. Es ist äußerst selten, europäische Braunbären in freier Wildbahn, zu beobachten. Deshalb zögerten sie nicht lange und schnappten sich die Foto- und Videoausrüstung und pirschten sich langsam und unbemerkt bis auf 25 Meter an die Bären heran. Der Wind stand günstig, so dass die Tiere die zwei Seesener nicht wittern konnten. Nach dem jede Menge tolle Fotos und Filme entstanden waren zogen sich die Bären, wie auf Kommando, langsam in die Berge zurück. „Etwas mulmig war es schon, insbesondere in dem Augenblick, als die Bären ihre Blicke zu uns richteten, als wenn sie uns gesehen hätten“, erklärt der 25-jährige Tim. Der 20-jährige Michael fügte ergänzend hinzu: „Den Tag darauf haben wir zu unserem neuen Geburtstag erkoren, denn die Gefahr bei der Bärenbeobachtung war hoch, aber dass, was uns am 10. Juni wiederfahren ist, machte uns sehr nachdenklich“. Obwohl die beiden Feuerwehrmänner wissen, dass die eigene Sicherheit immer Vorrang hat, unterschätzten sie an diesem Tag eine Situation, die auch hätte Tödlich enden können. An diesem Tage schneite es und die Temperaturen waren ständig unter dem Gefrierpunkt. Sie kämpften sich rund sechs Stunden durch tiefen Schnee und brachen dann die Etappe auf Grund des schlechten Wetters sowie der extremen Temperaturen ab. Sie schlugen ihr Lager auf und warteten auf den nächsten Morgen und natürlich auf Wetterbesserung.

Am Morgen des 11. Juni schien die Sonne und die Temperaturen lagen erstmals deutlich über dem Gefrierpunkt. Sie hatten ein gutes Gefühl. Die hohen Temperaturen hatten jedoch zur Folge, dass von den Bergen um sie herum ständig Lawinen abgingen. Ihre Route führte sie in den Lawinen gefährdeten Bereich. Sie erreichten einen etwa drei Meter hohen Schneeüberhang den sie für ein Weiterkommen überqueren mussten. Da es ihnen nicht möglich war den Überhang mit Gepäck zu überwinden, kletterte Tim ohne Rucksack vor und zog die Ausrüstung per Seil nach. Michael folgte unmittelbar. Sie pausierten auf einem 50 Meter höher gelegenen Felsvorsprung und genossen die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Nur eine viertel Stunde später rutschte dann der überwundene Schneeüberhang mit einem Höllenlärm ins Tal ab. „Unsere Blicke trafen sich und uns wurde in diesem Augenblick klar, wir hatten sehr viel Glück diese sehr gefährliche Situation unbeschadet überstanden zu haben“ betont der Ältere von den beiden.

Doch diese beiden Situationen waren nicht die einzigen Gefahren, denen sich die zwei Abenteurer ausgesetzt haben. In der Wildnis, allein, ohne Funkkontakt zur Außenwelt reicht bereits eine Verletzung oder eintretende Krankheit um die Beiden vor neue Herausforderungen zu stellen. Doch die zwei Seesener schildern mit Glitzern in den Augen ihre Erlebnisse in der Wildnis. „Wenn man Angst hat, sollte man solche Touren lieber nicht machen“, erklärt Michael. Trotz der Kälte und der nassen Kleidung nach Flussüberquerungen empfanden sie das Outdoorleben am Lagerfeuer als ein nachhaltiges Erlebnis. Nicht einen Menschen haben sie auf ihrer 150 Kilometer langen Tour gesehen. Das mitgebrachte Essen und Trinken gut eingeteilt, hatten beide dennoch rund 5 Kilo an Gewicht verloren. Trotz guter Ausrüstung mussten sie auf dem unwegsamen Gelände des Öfteren die Touren unterbrechen, weil entweder die Fußzehen blau wurden oder einfach die Erschöpfung ein Weitergehen unmöglich machte. Doch alle Strapazen der Tour haben sich für die zwei Seesener gelohnt - die in der Kneipe bei einem gemeinsamen Bier geborene Idee wurde erfolgreich umgesetzt. Und: "Es wird eine Wiederholung geben".