Mit dem Elektromotorrad durch den Harz

Während Matze Schmidt den Stecker bei Christian Degenhardt in die Kabeltrommel stecken möchte, um das Elektro-Motorrad zu laden, bleibt Marion Schmidt ruhig auf der Maschine sitzen und Sascha Kiekenap beobachtet entspannt die Szene. Foto: Kluge (Foto: Kluge)

Deutschlandweit einmalig / Motorradschutzgebiet Harz setzt auf neue technische Ansätze

Seesen/Osterode (cfk) Friedlich äst eine kleine Gruppe Rehe an der Straße Richtung Torfhaus. Gemütlich kreuzen einige die Straße. Die heranrauschenden zwölf elektronisch betriebenen Motorräder hören sie erst, als der vorderste Fahrer auf die Hupe drückt. Und schon rauschen die Elektro-Motorräder lautlos an der Stelle vorbei, wo gerade noch das Rudel Rehe stand. Zukunftsmusik? Nicht wirklich.
Mit elf solchen Motorrädern startet jetzt im September das „Motorradschutzgebiet“ auf seine beliebten geführten Touren. Berechtigter Stolz schwingt in der Stimme von Matthias „Matze“ Schmidt mit, dem Chef und kreativen Kopf des „Motorradschutzgebiet“, wenn er berichtet, dass „Wir in ganz Europa die Ers­ten sind, die ein solches Konzept mit Elektro-Motorrädern umsetzen.“ Eine solche Maschine stellten „Motorradschutzgebiet“ und Christian Degenhardt, Chef von Diggi Moto und der IFT, in Claus­thal-Zellerfeld nun einer kleinen Gruppe von Motorradfreunden vor.
Die nackten Zahlen sind schon einmal beeindruckend. Spitzengeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern, eine Reichweite je nach Fahrweise und Gelände zwischen gut 40 und etwa 100 Kilometern sowie ein Gewicht von nur 100 Kilogramm sind für ein Akku betriebenes Gefährt ganz ordentlich. Auch das Fahrverhalten ist prima. Die Maschine fährt sich wie ein Automatik-Motorrad, zieht ordentlich an. Lediglich die Bremse muss hier öfter betätigt werden, da beim Gas wegnehmen keine Motorbremse eine Verzögerung einleitet, sondern das Gefährt einfach weiterrollt.
Hersteller des Gefährts ist die Firma Zero. „Die sitzen im Silicon Valley und deren Chef war Ingenieur bei der NASA“, verrät Degenhardt. Doch sind „Matze“ Schmidt und Degenhardt nicht in die Vereinigten Staaten geflogen, sondern waren in den Niederlanden bei der Europa-Niederlassung und haben dort in Alkmar die letzten Feinheiten für ihr Projekt in Zusammenhang mit den Maschinen geregelt. „Nur neun Kilo wiegt der Rahmen“, sagt Schmidt, „und der Akku 25“, ergänzt Degenhardt. Dabei ist der Ladevorgang absolut simple, eine Steckdose, wie sie jeder zu Hause hat, genügt. Auch muss der Akku nicht völlig leer sein, um neu geladen zu werden; er kann auch zwischendurch geladen werden ohne Speicherverlust. „Eine Garantie über 112.000 Kilometer gibt es auf die Akkus“, sagt Schmidt.
Spätestens im September will Schmidt dann mit nicht ganz einem Dutzend solcher lautlos dahin schnurrenden Elektro-Motorräder seine beliebten Touren durch die Harzer Berge führen. Um die Anschaffungskosten zu senken, hat er sich schon ein Marketingmodell ausgeguckt. Denn dass Zero ein Hingucker ist, der selbst nicht Motorradfahrer anspricht, weiß Schmidt. Also sollen möglichst Harzer Orte mit ihrer Werbung auf den Maschinen locken. „Ist doch gut, wenn die Leute sagen, heute hat mich die Oste­rode überholt, weil die Stadt mit ihrem Logo auf der Maschine prangt“, erläutert Schmidt. Auch hat es bereits viele Gespräche mit verschiedenen Orten in der Region gegeben, denn gerade für den Stadtverkehr sind die Maschinen auch gut geeignet, lautlos und ohne Emission. Diese Eigenschaften schmecken aber auch dem Nationalpark. „Friedhart Knolle war regelrecht begeistert von dem Projekt“, schildert Schmidt die Reaktion des Nationalpark-Sprechers.
Positiver Nebeneffekt dieses umweltschonenden Projekts ist der Image-Effekt, den die Region einmal mehr erfährt. Innovativ und zukunftsweisend dürften Schlagworte sein, die demnächst diesbezüglich die Region begleiten. Denn für den September ist ein großes Event geplant, wo nicht nur die Idee des „Motorradschutzgebietes“ Journalisten aus ganz Deutschland vorgestellt wird, sondern auch Hersteller Zero einige Motorräder aus diesem Anlass herbeischafft. Dann schon mit leistungsfähigeren Akkus und sogar als Enduro-Version mit Austausch-Akku.