Mit Einschüchterung zum Freispruch

In diesem Casino in der Seesener Marktstraße soll sich die Körperverletzung im August vergangenen Jahres abgespielt haben. Nun wollten die Zeugen, die bei ihre Festnahme noch von einer türkischen Mafia gesprochen haben, nichts mehr von den geäußerten Vorwürfen wissen.

Türkischer Spielhallenbetreiber (38) wird des Verdachts der Körperverletzung freigesprochen / „Mafiöse Strukturen“

Mit einem Freispruch kam am Mittwoch ein 38-jähriger Türke aus Northeim davon, der sich wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung vor dem Seesener Amtsgericht verantworten musste. Es war eine denkwürdige Verhandlung, denn die Vorgeschichte deutete auf einen anderen Urteilsspruch hin.
Die Körperverletzung, die dem Türken und einem Mittäter, den Ärzte aber aus Gesundheitsgründen als verhandlungsunfähig einstuften, vorgeworfen wurde, steht im engen Zusammenhang mit einer Serie von Spielhallenüberfällen, die sich im vergangenen Sommer in Seesen und der weiteren Region ereigneten.
Die Spielhallenräuber sind inzwischen gefasst und wurden vom Landgericht Braunschweig zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Einer der verurteilten Täter, ein 23-jähriger Kosovo-Albaner, ist auf Raten seines Anwalts in Revision gegangen, sein Komplize, ein 26-jähriger Mann von der niederländischen Insel Curacao, muss seine Haftstrafe am 6. Mai antreten.

Verurteilte Diebe treten
als wichtige Zeugen auf

Der Kosovo-Albaner und der Niederländer spielten in der Verhandlung die entscheidende Rolle. Es waren ihre Aussagen bei der Polizei, die überhaupt dazu geführt hatten, dass der 38-jährige Türke angeklagt wurde. Die nun verhandelte Körperverletzung soll sich am 8. August vergangenen Jahres zugetragen haben.
Der Angeklagte und sein Mittäter, ein Türke aus Kassel, betreiben in Südniedersachsen insgesamt elf Casinos, darunter auch eines in Seesen. Am besagten Tag soll ihre Spielhalle „Casino Royal“ in der Marktstraße überfallen worden sein. Die Betreiber hatten auch schnell einen Verdacht, wer für diesen Raub in Frage kommt. Sie schnappten sich deshalb den Kosovo-Albaner und den Niederländer, um Selbstjustiz zu üben und herauszufinden, ob die beiden etwas mit dem Überfall zu tun haben.
Dabei sollen die Spielhallenbetreiber äußerst brutal vorgegangen sein. Während sie den Niederländer mit Faustschlägen ins Gesicht malträtierten, wurde der Kosovo-Albaner gezwungen sich brennende Zigaretten in der Handfläche auszudrücken. Diese Geschichte tischten die Diebe, nachdem ihre Taten aufgeflogen waren, den Polizisten und Richter Frank Rüger bei ihrer Festnahme auf.

Zeuge wollte über türkische Mafia in Seesen auspacken


In dem Gespräch soll der 23-jährige Kosovo-Albaner, der in Lüchow-Dannenberg lebt, von einer türkischen Mafia gesprochen haben, die auch in Seesen operiert. Damals kündigte er an, vermutlich auch im Glauben eine mildere Strafe zu bekommen, über die mafiösen Strukturen auszupacken und so eine Menge ans Licht zu bringen.
Am Mittwoch in der Verhandlung wollte der verurteilte Räuber nichts mehr von diesem Gespräch wissen. Der 38-jährige Angeklagte habe nach seinen Schilderungen nichts mit der Körperverletzung zu tun gehabt, und wurde sogar als eine Art Kumpel beschrieben, mit dem er sich immer bestens verstanden habe.
Dem Kosovo-Albaner war im Zeugenstand seine Nervosität und Angst anzumerken, während der Spielhallenbetreiber fortlaufend grinste und sich seiner Sache ziemlich sicher schien. Die Frage von Richter Rüger, ob er Angst habe die Wahrheit zu sagen, und ob Druck auf ihn ausgeübt wurde, verneinte der Zeuge stets den Blick des Angeklagten suchend.
Der 26-jährige Niederländer, der ebenso wie der 38-jährige Türke vor Gericht gedolmetscht wurde, wollte auch nichts mehr von den Vorfällen am 8. August 2012 wissen. Auch er sagte, dass der Mann auf der Anklagebank nichts mit der Körperverletzung zu tun habe. Die Verletzungen hätte ihnen ein bulliger Unbekannter türkischer Abstammung zugefügt.
Bemerkenswert war auch das Verhalten des Angeklagten während der gesamten Verhandlung. Der 38-jährige Türke erweckte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, eine Verurteilung befürchten zu müssen. Dem Richter sagte er zudem, dass er gar nicht Betreiber der Spielhallen sei, sondern lediglich Geschäftsführer von zwei Filialen. Sein monatliches Nettoeinkommen läge bei etwa 800 Euro, was ein Blick auf seine Kleidung, sein Mobiltelefon und seine Armbanduhr jedoch als sehr unglaubwürdig erschien.
Bei der Vernehmung der Polizei hatte dies alles noch ganz anders geklungen. Dort erklärte er zusammen mit seinem Kassler Partner eine ganze Reihe von Spielcasinos in Südniedersachsen zu betreiben. Die Aussage vor Gericht erweckte dann vielmehr einen kalkulierenden Charakter. Der 38-Jährige wollte sich Richter und Staatsanwalt als arme „Kirchenmaus“ verkaufen, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann.
Bei seinem Urteil blieb Richter Rüger am Ende nichts weiteres übrig, als den Angeklagten aus Mangel an Beweisen frei zu sprechen. Ein für Richter Rüger unbefriedigendes Verhandlungsergebnis, da die Indizien vor Prozessbeginn anders lagen.

Eingeschüchtert wie
zwei kleine Schuljungen


Nach der Verhandlung konnte der Redakteur dieser Zeitung wenige Meter vom Gerichtsgebäude entfernt ein Gespräch des 38-Jährigen und den beiden Zeugen beobachten. In diesem Aufeinandertreffen wurde deutlich, wer die Richtung bestimmt. Die beiden Spielhallenräuber, die ihrer Optik nach auch in Gangster-Rap-Videos mitspielen könnten, standen wie zwei kleine Schuljungen an eine Wand gelehnt und ließen die Standpauke über sich ergehen. Warum sich die drei auf einmal auf Deutsch unterhalten konnten ist merkwürdig, da der Angeklagte dem Richter noch versicherte nur sehr wenig zu verstehen und noch weniger sprechen könne.