„Nach langer Reise endlich da, wo ich hingehöre“

Günter Ahrens: ein treuer Fan von Eintracht Braunschweig.

Günter Ahrens (78) erzählt von einem spannenden Leben rund um den Globus und dem Beginn einer großen Liebe

Günter Ahrens aus Seesen ist schon seit Jahren ein riesen großer Fußball-Fan, der mit viel Herzblut für Eintracht Braunschweig jubelt. Im April wurde dann sogar seine bewegende Lebensgeschichte im Printmagazin „abseits“ veröffentlicht. „abseits“ ist ein Magazin für die regionale Fußballszene in und um Braunschweig. Hier erzählt Ahrens von seinem Weg von Argentinien, über New York, seinen ersten Schritten auf deutschem Boden und dem Beginn seiner Liebe zu Eintracht Braunschweig.

„Mein Name ist Günter Ahrens und ich bin 78 Jahre alt. Mein Leben ist gezeichnet von langen Reisen durch viele Länder dieser Erde, an deren Ende ich mich da wiederfinde, wo ich hingehöre: Bei der Eintracht.

„Die Gestapo wollte meinen Vater abholen.“

Vor meiner Geburt herrschte in Deutschland eine angespannte Zeit: die NSDAP war an die Macht gekommen und sollte das Land ein paar Jahre später in ein schlimmes Schicksal führen. Mein Vater kam aus Aschersleben und war Lehrer. 1935 flüchtete er weil er in der SPD war und nicht mehr geduldet wurde. Einen Tag nach der Flucht stand die Gestapo vor der Tür und wollte meinen Vater abholen. Doch er war bereits über alle Berge. Mit der Familie ging es nach Frankreich und da bin ich im März 1936 geboren. Auf der Flucht, ungefähr zwei Jahre vor meiner Geburt, ist meine Schwester nach einer schweren Krankheit gestorben und es war eine schwere Zeit für meine Eltern. Im Dezember nach meiner Geburt sind wir nach Südamerika ausgewandert, weil mein Vater geahnt hatte, das es Krieg geben würde. Niemand glaubte ihm damals.
In Südamerika ging es erst nach Paraguay, wo wir ein Jahr im Urwald lebten, bevor wir weitergingen nach Argentinien. Dort bin ich aufgewachsen. Wir Deutschen waren zu der Zeit nicht sonderlich beliebt, aber in Argentinien waren wir auch angesehen für unsere gute Arbeit und unsere Pünktlichkeit. Es gab kaum andere deutsche Familien, ich habe nur mit argentinischen Jungs Fußball gespielt. Deutsch habe ich nur zuhause gelernt, ansonsten sprach man spanisch. Natürlich waren wir alle Fans vom Club Atlètico Boca Junniors.

„Fans und Spieler waren temperamentvoller als in Deutschland.“

Beinahe alle zwei Wochen war ich mit den anderen Jugendlichen im Stadion. Immer zu den Heimspielen. Da haben wird sie gesehen: Vacca im Tor, Marante und Sosa und wie sie alle hießen. Damals spielte man mit nur zwei Verteidigern. Aber mit fünf Stürmern! Die Fans wie die Spieler waren temperamentvoller als heute in Deutschland. Ihre Stimmung kann man teilweise mit der, der Anhänger von Eintracht Braunschweig vergleichen, aber die Zuschauer waren alle noch bekloppter und standen noch fanatischer hinter ihrem Verein. Randale gab es dagegen selten. Zu der Zeit war das zumindest so, ich war um die zwölf Jahre alt. Gefährlich war es zwar nicht, aber man musste immer aufpassen.
Vor dem großen Stadion standen immer Verkäufer mit Apfelsinen. Aber die waren nicht zum Essen da. Wenn der Schiedsrichter mal schlecht gepfiffen hat, bekam er das gleich zu spüren. Wir haben auch versucht, mal wen abzuwerfen, aber da unsere Stehplätze so weit oben waren, hatten wir weniger Erfolg. Boca Juniors gehörte schon immer zu den Vereinen an der Spitze des argentinischen Vereinsfußballs und ich habe noch die Mannschaft von damals im Kopf.
Ich hatte schon immer ein gutes Gedächtnis für den Fußball. Besonders für den argentinischen. Zwölf Jahre lebten wir in Buenos Aires, in der Nähe des zoologischen Gartens, erst 1949 ging es Richtung Deutschland.
Direkt nach dem Krieg hatte sich mein Vater bei den Engländern gemeldet, weil er wieder zurück nach Deutschland wollte. Doch damals war Juan Domingo Peròn an der Macht, und man wollte uns nicht einfach abwandern lassen. Gott sei Dank machten die Engländer mächtig Krach bei der argentinischen Regierung und wir bekamen doch noch die Abreisegenehmigung 1949.
Also verließen wir Buenos Aires mit dem Zug über die Anden. Über Santiago de Chile mit der Bahn und den Panama-Kanal mit dem Dampfer; immer in Richtung New York. Als wir dort ankamen, nahmen wir ein Schiff, das uns nach Bremerhaven brachte, wo ich zum ersten Mal deutschen Boden betreten sollte.
Insgesamt waren wir vier Wochen unterwegs. Ich bin auf der Flucht nach Argentinien geboren und kannte Deutschland nur vom Hörensagen. Noch wusste ich nicht, was überhaupt vor mir lag.

„Mit 15 Jahren spielte ich schon in der ersten Mannschaft!“

In Deutschland änderte sich vieles. Aber Fußballspielen konnte man hier auch. Ich war immer etwas besser als die anderen in meiner Altersklasse und habe mit 15 Jahren schon in der ersten Mannschaft gespielt. Das lag vielleicht daran, dass ich als Kind diesen temperamentvollen, argentinischen Fußball spielen lernte. Eigentlich durfte man in dem Alter noch nicht in der ersten Mannschaft spielen, ich hatte aber einen falschen Pass bekommen, damit es doch klappte. 1951 trat ich Schwarz-Weiß Harriehausen bei, wo ich auch heute immer noch Mitglied bin. Ich ging in Deutschland zur Schule und lernte ein Mädchen kennen. Und ihren Bruder. Und ihren Vater. Und alle drei hatten etwas gemeinsam: Die Liebe zu einem deutschen Fußballverein, der zufällig in den gleichen Farben spielte wie Boca Juniors, nämlich in blau-gelb.
Und so kam es, dass ich seit den Sechzigern regelmäßig zur Eintracht ins Stadion an die Hamburger Straße fahre. Seit ungefähr zwanzig Jahren habe ich auch eine Dauerkarte. Auf einem anderen Weg kommt man heutzutage ja auch kaum noch an die Karten.
Nach meinem Schulabschluss und einem Examen in Spanisch bekam ich einen Bürojob und wurde langsam zu einem echten Bürohengst. Heute bin ich ein wohlgeformter Rentner. Ich bin seit vielen Jahren verheiratet und habe zwei Töchter und einen Enkelsohn. Eine meiner Töchter begleitet mich zum Fußball, seit sie klein war. Manchmal auch zu Auswärtsspielen. Die Liebe zur Eintracht konnte ich leider nicht an meinen Enkel weitergeben. Der ist Bayern-Fan. Ich hab ihn trotzdem lieb.

„Der deutsche Fußball ist besser geworden!“

Ich muss ehrlich sagen, damals war der argentinische Fußball temperamentvoller. Wenn ich heute aber die beiden Ländermannschaften vergleiche, würde ich zu den Deutschen tendieren. Der Fußball ist besser geworden, durch die gute Jugendarbeit.
Ab und zu sehe ich mich im Internet um, wie es um den Club Atlètico Boca Juniors steht. Aber wirklichen Kontakt habe ich nicht mehr. Ich habe vor vielen Jahren einen Brief geschrieben, weil ich die Mitgliedschaft nicht mehr bezahlen konnte. Tatsächlich hat sich jemand aus Buenos Aires gefunden, der den Beitrag bezahlt hat. Deshalb bin ich auch noch immer Mitglied des Vereins. Vor einem halben Jahr hat sich sogar der Eintracht-Fanclub aus der argentinischen Hauptstadt bei mir gemeldet und mir Bilder von unserem alten Haus zugesendet. Darüber habe ich mich sehr gefreut.
Der Fußball der Boca Juniors war damals schon sehr gut. Ich würde das Gleiche über die Eintracht sagen, aber augenblicklich tut es manchmal weh, die Mannschaft verlieren zu sehen. für mich ist es kein Thema, als Fan zu einem anderen Verein zu wechseln. Wenn sie ein junges Mädchen kennenlernen, sich verlieben, sie heiraten und so wie ich schon 52 Jahre verheiratet sind, würden sie auch nicht wechseln, wenn es mal nicht ganz rund läuft. Das ist eine alte Liebe. Und diese alte Liebe wird mich bis zu meinem Grab begleiten. Es kann sein, dass wir wieder absteigen, so Leid mir es tut, aber trotzdem werde ich immer Braunschweiger bleiben. Das ist Liebe. Verrückter Fußball.“

Anmerkung der Redaktion: Günter Ahrens’ Hoffnung, dass Eintracht Braunschweig nicht absteigt hat sich nicht erfüllt. Die Braunschweiger spielen nun wieder in Liga 2. Die treuen Fans der Mannschaft, so wie auch Dieter Ahrens werden ihre Mannschaft dennoch weiterhin bejubeln. Seit einem halben Jahr zählen Günter Ahrens und Tochter Anja auch zu den Mitgliedern des Gandersheimer Fanclubs „GandeLöwen“.