Nach zwei Stunden Podium wirklich schlauer?

     

Intensive Diskussionsrunde mit den drei Bürgermeisterkandidaten / Parteienvertreter gingen eher unter

Die interessanteste Aufgabe wartete auf die drei Bürgermeisterkandidaten ganz zum Schluss der Podiumsdiskussion. Da sollten sie eine Wahlempfehlung abgeben, jedoch nicht für sich selbst, sondern jeweils für einen der anderen Kandidaten. Firat Savgat machte hier den Anfang, und erklärte, dass Erik Homann als 1. Stadtrat ja doch sehr kompetent sei. Homann wisse, „wo es brennt“ und würde als Bürgermeister Seesens die Aufgaben sicher sehr gut bewältigen. Man hätte den Eindruck gewinnen können,der parteilose Außenseiter Savgat selbst habe für einen kurzen Moment vergessen, dass er selbst ja auch noch kandidiere.Schwieriger hatte es da wohl Erik Homann, steckte er doch ein wenig in der Klemme. Warum Hanna Kopischke wählen, wurde er gefragt? „Vielleicht weil sie eine nette Frau ist und schon fast visionäre Vorschläge hat“, so der Bürgermeisterkandidat der CDU, der sich bei dieser Frage nicht aus der Reserve locken ließ. Dennoch wurde deutlich, dass dieser Rat an die Wähler nicht ganz ernst gemeint sein konnte.
Hanna Kopischke durfte schließlich ihr Plädoyer für Firat Savgat abgeben, sicherlich im Vergleich zu Erik Homanns Aufgabe aufgrund der ungleichen Konstellation ein Leichtes.Sie lobte zurecht den Mut, mit dem Firat Savgat auftrete und dass er durch sein Engagement erreicht habe, dass man nun unter drei Personen die Wahlentscheidung treffen könne.
Nicht immer wurden amMittwochnachmittag im Bürgerhaus während der Podiumsdiskussion so viele Nettigkeiten ausgetauscht. Da wurde gestritten, beispielsweise über die Ansiedlung von Gewerbegebieten, wie der prognostizierte Bevölkerungsschwund inSeesen gestoppt werden könne und wie man die Stadt lebens- und liebenswerter machen kann, und mitunter wurden die drei Kandidaten von den Bürgern während der Fragerunde schon recht ruppig angegangen.
Die Diskussionsrunde dauerte rund zwei Stunden lang, doch viele Fragen blieben am Ende doch auch unbeantwortet.Das lag vielleicht mit daran, dass die Gewerkschaft ver.di in Seesen, die die Podiumsdiskussion initiiert hatte, neben den drei Bürgemeisterkandidaten Homann (CDU), Kopischke (SPD) und Savgat (parteilos) mit Berndt Theuser (Die LINKE), Reimar Mahn (FDP) und Karl-Heinz Weidanz (Bündnis 90 Die Grünen) zusätzlich noch drei Vertreter der für den Stadtrat kandidierenden Parteien eingeladen hatte. Vielleicht ein wenig zu viel des Guten, eine reine Kandidatenrunde hätte sicherlich mehr Zeit gelassen, sich ein noch besseres Bild über Ziele, Ideen und Vorstellungen für das Bürgermeisteramt in Seesen zu machen. Dafür konnten die Bürger andererseits einen Eindruck gewinnen, welche Sichtweise die drei Par­teien, die außer CDU und SPD aufgestellt sind, vertreten.
Zurück zu den drei Kandidaten und ihren Statements: Auf Realismus setzte allen voran Erik Homann. Er erklärte, dass der Bevölkerungsverlust sicher das größte Problem Seesens sei. Wirtschaftsfreundliche Politik, niedrige Hebesätze bei den Realsteuern, günstige Verkehrsanbindungen, ein schnelles Internet sowie eine flexible und freundliche Verwaltung seien die Vorraussetzung, um Seesen attraktiv zu machen. Als 1. Stadtrat wisse er, wo Spielraum sei und wo man mit Fördermaßnahmen etwas erreichen könne.
Auf Nachfrage von Moderator Sebastian Wertmüller, der durch die Podiumsdiskussion leitete und fragte wie man neue Industrie und Dienstleistungen nach Seesen bekomme, erklärte Homann, dass man auf dem Boden der Tatsachen bleiben müsse, wenn es um die Frage nach neuenUnternehmen ginge. Was man aber tun könne, sei, sich intensiv um die derzeit Gewerbetreibenden vor Ort zu kümmern. Bei den Hebesätzen liege Seesen noch unter dem Landesdurchschnitt.
Hanna Kopischke erklärte, dass gerade die Wirtschaftsförderung ihr Thema sei. „Unternehmen zu stützen, Hemmnisse abbauen und Großaufträge im Ort zu lassen, seien wichtig, würden aber nur den Status Quo bilden. Man müsse, ähnlich wie die Städte Hildesheim und Göttingen das tun, die hervorragende Anbindung zur Autobahn nutzen. Direkt an der A7 könnten Gewerbeflächen entstehen, im Bereich der Autobahnmeisterei beispielsweise, wo dann auch ein Hotel gebaut werden könnte.
Homann stimmte seiner Rivalin zu, dass die A7 ein Pfund sei, mit dem man wuchern könne, man aber auch nur realisierbare Dinge anpacken sollte. Man habe bereits ein Über­angebot von Gewerbeflächen in der Triftstraße, und man müsse schließlich zudem Betriebe erst einmal überzeugen, nach Seesen zu kommen. Eine Wiese zu nehmen, und daraus ein Gewerbegebiet zu machen, so einfach geht das nicht,“ so Homann. Dem stimmte auchFirat Savgat zu: „Wir müssen das halten, was wir hier haben!“, nicht immer nach dem Motto „Neu, neu, neu...“ agieren.
Wie man Seesen lebenswerter machen könne, war eine andere Frage, die an die Kandidaten gerichtet wurde. Hanna Kopischke verwies darauf, dass Seesen durchaus sehr attraktiv sei, sie erinnerte da beispielsweise auf die sehusa wasserwelt, die vielen Freizeitangebote, die Möglichkeiten für Radfahrer im Sommer oder Skiläufer im Winter. Man habe nette Restaurants und schöne Hütten im Vorharz, man müsse da beispielsweise das Radwegenetz auf den Prüfstand stellen und attraktiver machen.
Dem stimmte Erik Homann erneut zu, ergänzte aber, man müsse hier doch ein wenig konkreter werden und fragen, was den Leuten wichtig sei.Die Antwort gab er schnell selbst. Beispielsweise sei es wichtig, eine funktionierende Kinderbetreuung vorzuhalten und machte dies am Modell der Tagespflege fest, wichtig sei zudem, dass Seesen als Schulstandort einen guten Ruf genieße, das Freizeitangebot für Jugendliche müsse verbessert werden.
Ein Thema, das Firat Savgat nahezu unter den Nägeln brannte. „Wir haben hier noch nicht einmal eine Discothek, die Jugend wird imStich gelassen“, formulierte er. Als Arbeitsuchender wisse er wovon er spreche. Zudem wäre es schön, wenn man abends noch weggehen könnte. Insgesamt waren sich die Kandidaten als auch die meisten Anwesenden beim Thema Kultur indes einig, dass Seesen hier gut aufgestellt sei.
Apropos Anwesende: Moderator Sebastian Wertmüller gab zwischendurch auch immer wieder den interessierten Seesenern die Möglichkeit, den Bürgermeisterkandidaten, aber auch den Vertretern der Parteien, Fragen zu stellen. Meist gingen die Fragen dann aber doch gezielt an Hanna Kopischke oder Erik Homann.

Heike Hammer-Gerries wollte dabei als erstes wissen, warum sie vor Jahren Seesen verlassen habe, wenn es hier doch so toll sei. „Ich liebe Seesen, aber als Leiterin einer Berufsschule war es ebenso wichtig, am Standort Bad Harzburg zu sein." Das Pendeln sei auf Dauer keine Lösung gewesen, erwiderte Kopischke entspannt. Sie hatte mit derlei Vorwürfen schon gerechnet, blieb aber sehr souverän und verteidigte ihren Standpunkt durchaus logisch.
Eine inhaltliche Frage zur Wirtschaftsförderung beantwortete Erik Homann. Dem Fragesteller aus dem Publikum waren die Aussagen der Kandidaten insgesamt zu ungenau, und er wollte konkretere Beispiele zu den Themen Wirtschaftsföderung und der Schulpolitik.
Homann erklärte, dass man Unternehmen zum Beispiel behiflich sein müsse, die richtige Ansprechpartner zu finden. „Wir müssen in der Verwaltung die Floskel „Ich bin nicht zuständig“ aus dem Vokabular streichen“, die Kommune sei als Unterstützer gefragt. Als Jurist wisse er, welche Ermessensspielräume es gibt. Zudem machte er beim Thema Bildungsstandort Seesen deutlich, dass die Stadt zwar nur für Belange der Grundschulen zuständig sei, aber durch Maßnahmen auch andere Schulen von einer guten Politik gewinnen könnten. So zum Beispiel, wenn man – wie in einem Fall bereits geschehen – spezielle Sportmatten für ein Unterrichtsprojekt anschaffe.
Hanna Kopiscke wiederum wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, als Kandidatin zu viel zu versprechen, der Bürgermeister sei schließlich lediglich das ausführende Organ und könne wohl kaum Entscheidungen allein treffen. Sie, Hanna Kopischke, erklärte, dass sie die Bürgerinnen und Bürger an den Entscheidungen mehr teilhaben lassen möchte. Das sei auch ihre Erfahrung, die sie bei den Hausbesuchen im Rahmen ihres Wahlkampfes gemacht habe. Gelder müssten projektweise eingesetzt werden, und es müsse eine Kultur der Mitmenschlichkeit gefördert werden. Das Ehrenamt bringe die Stadt voran, und schließlich müsse man die Jugend von der Krippe bis zum Abitur bedarfsgerecht fördern und motivieren.
Firat Savgat sprach sich gar dafür aus, das Ehrenamt lukrativer zu machen, beispielsweise durch Förderungen von Geldern in diesemBereich. Seine Chance, sich mit frischen Ideen einzubringen, nutzte er nur wenig. An einigen Stellen schien er überfragt, an anderer Stelle gab er sich zwar Mühe, ohne wirklich zu zeigen, dass sein Profil für das Amt eines Bürgemeisters ausreicht. So fixierte sich alles mehr und mehr auf die beiden Kandidaten Erik Homann und Hanna Kopischke.
Das Thema Motivation hatte zuvor die Seesenerin Tanja Pilster aufs Tapet gebracht. Sie habe feststellen müssen, dass die Motivation etwas anzupacken, in Seesen immer mehr sinke, und dass es oft an Perspektiven für junge Menschen fehle. Hanna Kopischke versprach, dass Ehrenamt noch mehr in denFokus zu rücken. Zudem kämpfe sie für Ausbildungsplätze und wolle den Schülern Perspektiven aufzeigen. Als Schulleiterin wisse sie um die schwierige Lage in Sachen Ausbildungsplätze. Hier gelte es, anzusetzen.
Engelades SPD-Ortsbürgermeisterin Doris Fischer fühlte dann noch einmal CDU-Mann Erik Homann auf denZahn. Sie wollte wissen, wie er sich zum Schwerlastverkehr inEngelade positioniere und, wie er die Ortsräte mehr in die Politik einbinden wolle. Homann berichtete, dass er zum einen zum Thema Schwerlastverkehr Gespräche geführt und Beschwerden von Mitbürgern an die Polizei weitergegebn habe, zum anderen sei durch das neue Kommunalverfassungsgesetz, das ab dem 1. November 2011 mit der neuen Legislaturperiode in Kraft trete, weitreichende Verbesserungen für die Ortsräte geschaffen wurden. Er habe bewusst darauf verzichtet, mit Ausnahme des Ortsrats Ildehausens, in Vorfeld diese Gremien als 1.Stadtrat zu besuchen, weil ihm dies als purer Wahlkampf ausgelegt worden wäre. Er versprach Doris Fischer in die Hand, dass er den Orstrat Engelade als neuer Bürgermeister selbstverständlich besuchen werde. „Dafür müssen Sie mich aber auch wählen“, ergänzte Homann am Ende.
Zu diesem Zeitpunkt waren die zwei Stunden, die für die Podiusmsdiskussion eingelpant waren, schon längst überschritten, und Moderator Sebastian Wertmüller bat die drei Parteivertreter daher um ein ab­schlie­ßendes Wort und die dreiKandidaten um die eingangs angeführte Wahlempfehlung.
Die meisten Besucher im bis auf den letzten Platz gefüllten Bürgerhaus hatten sich ihr Bild machen können, ver.di-Vorsitzender Charly Gottschalk bedankte sich bei den Kandidaten und vor allem beim Publikum, dass es bei heißen Sommertemperaturen so lange ausgehalten habe. Zeige dies doch, dass das Interesse an der Kommunal- und der damit einhergehenden Bürgermeisterwahl doch groß sei.