Nichts ist wichtiger, als für die Wahrheit zu kämpfen

Schulleiterin Annegret Tuchtfeld begrüßte vor den Schülerinnen und Schülern Sally Perel, der zum Auftakt seiner Reise durch Deutschland in der Realschule Seesen Station machte.
 
Zahlreiche Schüler ließen sich Perels Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ signieren.

„Ich war Hitlerjunge Salomon“: Zeitzeuge Sally Perel (88) aus Tel Aviv besucht die Realschule Seesen

von Karsten Knoblich
Seesen. Mucksmäuschenstill ist es, als Sally Perel in der zum Vortragssaal umfunktionierten Mensa der Realschule Seesen mit seinem Vortrag beginnt; das bleibt auch so während der nächsten gut eineinhalb Stunden. „Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer“, sagt der 88-Jährige, und er ist einer der letzten. Perel war in Braunschweig vier Jahre lang in der Hitlerjugend aktiv – unerkannt als Jude, während der Wirren des Zweiten Weltkrieges und inmitten des nationalsozialistischen Rassenwahns; tagtäglich mit der Angst lebend, entdeckt und getötet zu werden. „Diese vier Jahre kamen mir vor wie vier Ewigkeiten“, sagt der Gast aus Tel Aviv.
Aus der Geschichte lasse sich lernen, was in Deutschland damals falsch gemacht wurde. Diese Fehler dürften sich nicht wiederholen. „Wer heute Auschwitz leugnet, weil er es nicht besser weiß, der ist ein Dummkopf; wer aber Auschwitz leugnet, obwohl er es besser weiß, der ist ein Verbrecher“, sagt Sally Perel mit starker Stimme. Sechs Millionen Juden seien aus rassischen Gründen ermordet wurden. Diesen Massenmord habe er aber nicht unter seinen Glaubensbrüdern, sondern „versteckt unter der Haut des Feindes miterlebt“. Doch aufgegeben oder gar an Selbstmord gedacht habe er niemals. „Stets habe ich mir fest eingeredet: ‘Sie werden dich nicht entdecken’“, berichtet er. Dabei hätten zwei Seelen in seiner Brust geschlagen. „Ich war ein begeisterter Hitlerjunge und wollte sogar den Endsieg des Dritten Reiches; andererseits wollte ich aber auch die Seele meines jüdischen Ursprungs bewahren. Das hat mich an die Grenze des Selbsthasses gebracht. Warum bin ich nur als Jude geboren worden und warum hat man mich beschnitten, fragte ich mich.“ Auch wenn Sally Perel, der sich damals Josef nannte und von seinen Kameraden „Jupp“ genannt wurde, die NS-Ideologie immer mehr verinnerlichte: mit einem war er ganz und gar nicht einverstanden, und zwar mit der Vernichtung des jüdischen Volkes. Ich bin 16 Jahre alt, ich will leben, so lautete damals seine Devise.
Wie gebannt hören die Schülerinnen und Schüler zu, als der 88-Jährige davon erzählt, wie er sich vor den deutschen Soldaten erklären musste. Die Antwort auf die Frage, ob er Jude sei, würde schließlich über sein Leben entscheiden. Sein Vater gab ihm mit auf den Weg: „Vergiss nie, wer du bist“. „Sally, du sollst leben“, lauteten dagegen die Worte seiner Mutter, als er sich im Ghetto in Lodz/Polen von ihnen für immer verabschiedete. Entweder für den Glauben sterben oder das Leben wählen. Er entschied sich dafür, auf seine Mutter zu hören. Und so erklärte er den Soldaten, ein Volksdeutscher zu sein.
„Ich musste so handeln; ich musste lügen, um zu überleben. Das Menschenleben ist das Heiligste“, erläuterte Perel, der seine Autobiografie unter dem Titel „Ich war Hitlerjunge Salomon“ verfasste. Sein Buch wurde 1990 verfilmt. Die Realschüler hatten sich mit dem Streifen zuvor im Unterricht intensiv beschäftigt. „Wenn ich nur einen einzigen jungen Menschen mit rechter Gesinnung zur Umkehr bewegen kann, dann habe ich meinen Auftrag erfüllt. Hitler wurde vielleicht militärisch besiegt, aber geistig noch lange nicht“, sagt Perel. Seine größte Enttäuschung nach der NS-Zeit sei es gewesen, wieder Nazi-Aufmärsche erleben zu müssen in Deutschland.
Geschichtslehrerin Svenja Rüffer hatte den Kontakt zu dem besonderen Zeitzeugen hergestellt und den Termin in Seesen perfekt gemacht. Und auch Schulleiterin Annegret Tuchtfeld war es eine besondere Ehre, den immer noch voller Energie ste-ckenden Sally Perel begrüßen zu können. Übrigens war dieser Besuch der Auftakt zur aktuellen Lesereise Perels in Deutschland. Gleich im Anschluss ging es weiter zur Oberschule nach Bockenem. Nach dem Vortrag ließen sich viele der Schüler das Buch mit persönlicher Widmung signieren.