„Niemand darf sich jetzt in Sicherheit wiegen!“

   

380-kV-Höchstspannungsleitung könnte an Seesen und Lutter vorbeiführen – Aber: „Keine Entwarnung!“

Wer wird am Ende der große Verlierer im Poker um den Trassenverlauf sein? Wer kommt mit einem blauen Auge davon? Wie kann doch noch die Erdverkabelung kommen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich derzeit die Menschen in der Region. Zumindest die, denen Netzbetreiber transpower eine Hochspannungsleitung vor die Nase setzen will. Dass es doch noch zur Erdverkabelung kommt, davon gehen Experten kaum noch aus. Kämpfen wollen sie trotzdem dafür. Mit fünf Trassenvarianten, die wie ein Venengeflecht die Region durchziehen, ist das Unternehmen in das Raumordnungsverfahren bei der Regierungsvertretung in Braunschweig gegangen. Drei der fünf Varianten schließt die Firma aber (angeblich) schon vorher aus, und eine der beiden übriggebliebenen gilt nun als „Favorit“.
Dabei handelt es sich um die sogenannte Trassenvariante 2, die das Seesener Stadtgebiet und auch den Landkreis Goslar nicht mehr tangieren würde. Wie gesagt: Würde und damit im Konjunktiv geschrieben. Denn sicher sein kann sich niemand, wie Frank Ebbighausen, Sprecher der Bürgerinitiative „Der Ambergau wehrt sich“ noch einmal verdeutlichte. „Dazu haben wir schon zuviel erlebt, als das wir an feste Zusagen oder geplante Vorhaben glauben.“
Nachdem durch das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung das Raumordnungsverfahren für den geplanten Bau der 380 kV-Höchstspannungsstrasse von Wahle (Niedersachsen) nach Mecklar (Hessen) eingeleitet wurde, hatte die Bürgerinitiative „Der Ambergau wehrt sich“ am Montag zu einer weiteren Bürgerversammlung eigeladen. Mit dabei waren von der Stadt Seesen Bürgermeis­ter Hubert Jahns und Fachbereichsleiter Alexander Nickel.
Neben Frank Ebbighausen von der Bürgerinitiative sowie seinen Mitstreitern Bernd Theuser und Frank Jesse, die sich weiterhin vehement für eine Erdverkabelung der 380-kV-Leitung einsetzen, ergriff auch Dr.Uwe Beyerbach für die Aktion Naturland das Wort und nahm Position zu den vorliegenden Trassenplanungen im Zuge des Raum­ordnungsver­fah­rens; insbesondere auch zu der Trasse, die einst die sogenannte Vorzugstrasse schien und nun aufgrund der großen Raumwiderstände seitens transpower nicht mehr favorisiert werden.
„Aus unserer Sicht wäre die Überquerung des Nettetals bei Bilderlahe mit einer Freileitung in etwa 50 Metern Höhe ein ökologisches Verbrechen, zumal das Nettetal in seiner Nord-Süd-Ausrichtung die wichtigste Zugvogelstraße an der Westseite des Harzes ist, durch die in jedem Frühjahr und Herbst Tausende von Zugvögeln ziehen. Die Überspannung dieser Zugvogelstraße bei Bilderlahe mit einer Freileitung bedeutet nicht nur für die Zugvögel, sondern auch für die inzwischen im Nettetal wieder brütenden Weißstörche den sicheren Tod.“
Das hier im Laufe von vielen Jahren mit großem privaten Engagement und unter Einsatz von finanziellen Mitteln der Europäischen Union, des Landes Niedersachsen, des Landkreises Goslar und der Stadt Seesen Erreichte, würde ad absurdum geführt, wenn jetzt in geringer Entfernung möglicherweise eine Höchstspannungstrasse das Nettetal zerstöre. Die Anstrengungen, nachfolgenden Generationen einen unberührten Naturraum mit außerordentlicher Artenvielfalt zu erhalten, wären vergeblich gewesen.
Dieser und weitere starke Konflikte sind augenfällig. Unter anderem sprechen auch die Nähe zur Besiedlung in den Stadtteilen Bilderlahe und Engelade sowie zum Wohnhaus der Autobahnmeisterei, die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes im Landschaftsschutzgebiet Wohlenstein und die Erdfallgefährdung am Harzrand gegen die Planungen der Ausbauvarianten 1 und 5.
Von den im jetzigen Verfahren ausgewiesenen fünf Trassenvarianten tangieren die beiden Trassen das Seesener Stadtgebiet, die Variante fünf auch die Samtgemeinde Lutter. Alle betroffenen und interessierten Bürgerinnen und Bürger haben – auch das wurde am Montag noch einmal erläutert – die Möglichkeit, die Verfahrensunterlagen bei der Stadt Seesen einzusehen und sich gegebenenfalls dazu zu äußern. Fristablauf ist der 9. August 2010.
Die von der transpower stromübertragungs GmbH eingereichten Unterlagen weisen die ausnahmslose Erstellung der Trasse in Freileitungsform auf. Damit würden 60 Meter hohe Stahlgiganten mit massiven Stromleitungen das Landschaftsbild prägen. Ein Horror­szenario für die Menschen, die entlang der Trasse zu Hause sind.
Bisher wird nur mit groben Trassenkorridoren geplant – wie nahe die bis zu 60 Meter hohen Masten an die Orte kommen, ist noch ungewiss. Gewiss ist nur, dass transpower bislang ausschließlich oberirdisch plant. Von der einst als Pilotprojekt verkauften unterirdischen Verkabelung will dort im Moment offenbar niemand mehr etwas wissen.
„Wenn ein Vogelschutzgebiet ein Kriterium ist, eine Leitung nicht zu bauen, warum sind es dann die Menschen nicht?“, wollte eine der Anwesenden wissen. Nun, die Streckenführung wird streng nach wirtschaftlichen Kriterien geplant. Da kann die unterirdische Variante nur verlieren: transpower rechnet mit einer Investitionssumme von 241 bis 293 Millionen Euro. Um wieviel teurer die Erdverkabelung wird, darüber streiten die Gelehrten.
Auch wenn die Leitung mehr als 400 Meter entfernt von den Ortschaften geplant werden sollte, verlangt die Stadt Sessen eine Erdverkabelung. Wird diese Grenze unterschritten, muss Transpower nach dem geltenden Landes-Raumordnungsprogramm die Stromleitung ohnehin unterirdisch verlegen. Ob es einen solchen Punkt gibt, geht aus der aktuellen Planung nicht direkt hervor.
Innerhalb von sechs Wochen könnten betroffene Bürger ihre Einwendungen gegen die Höchstspannungsleitung vorbringen. Dann entscheidet die Regierungsvertretung in Braunschweig, welche der fünf Varianten übrigbleibt. Wie sich die Regierungsvertretung entscheidet, bleibt offen. Daher kann sich niemand in Sicherheit wiegen. Zu der dann auserkorenen Trasse muss es dann ein Planfeststellungsverfahren mit einem Erörterungstermin geben. Also sind auch hier wieder Einwendungen möglich – und gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass gegen die Leitung geklagt werden kann.
Eines scheint sicher: Die Leitung wird dort langgelegt, wo der wenigste Widerstand (und das wenigste Geschrei) ist. Ab 2015 soll sie den Strom von der Küste in den Süden transportieren. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht!