Oberschule mit gymnasialem Zweig ?

Dieses Schild im Schulzentrum könnte mit Beginn der Sommerferien 2014 „Geschichte“ sein.

Pläne der Realschule Seesen sorgen für einigen Wirbel / „Familien Wahlmöglichkeit bieten“

Obwohl konkrete, handfeste Entscheidungen noch in mehr oder weniger weiter Ferne liegen, hat sich in den vergangenen Tagen viel Unruhe in der Seesener Schullandschaft breit gemacht. Es ließe sich auch sagen, im Schulzentrum wehe derzeit – passend zur Jahreszeit – ein eisigerer Wind.

Der zu erwartende Rückgang bei den Schülerzahlen in Niedersachsen in den kommenden Jahren spielt dabei keine unwesentliche Rolle.
Der Reihe nach: Über Monate hinweg hatten sich die Verantwortlichen der Realschule Seesen und der Hauptschule Am Sonnenberg Gedanken zur Einrichtung einer Oberschule gemacht. Am Ende stand der Entschluss für eine Umwandlung, über die nun der Landkreis Goslar als Schulträger entscheiden muss (der „Beobachter“ berichtete). Vor dem Hintergrund sinkender Schülerzahlen bei der Hauptschule – im laufenden Schuljahr nur noch sieben Einschulungen –, der Möglichkeit umfangreicherer Förder- und Differenzierungsmöglichkeiten, umfassenderer Berufsorientierung und besserer personeller Ausstattung ein nicht nur nachvollziehbarer, sondern zeitgemäßer Schritt. Bis hierhin herrscht breiter Konsens. Selbst in den Kollegien der beiden Schulen zieht man in diesem Punkt mittlerweile harmonisch an einem Strang. Das war in der Vergangenheit bekanntlich nicht immer so.
Alles gut also? Keineswegs, denn bei einer reinen Fusion soll es bei der anvisierten Umwandlung der Realschule in eine Oberschule nicht bleiben. „Im Kollegium wurden auf breiter Basis Überlegungen angestellt, dass in diesem Zuge doch auch ein gymnasiales Zusatzangebot an der neuen Oberschule eingerichtet werden könne“, sagte Realschulrektorin Annegret Tuchtfeld in einem Gespräch gegenüber dieser Zeitung. Mit diesem Wunsch sei man zwischenzeitlich an den Schulträger herangetreten. Das Potential dafür scheine vorhanden, schließlich besuchten schon jetzt 69 Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialempfehlung die Realschule Seesen.
Dass da beim benachbarten Jacobson-Gymnasium die Alarmglocken schrillen, war zu erwarten. Über das Maß der Aufregung allerdings zeigte sich Annegret Tuchtfeld doch überrascht. „Es ist traurig, dass man auf einmal nicht mehr auf sachlicher Ebene diskutieren kann, sondern sich im Gegenteil persönlichen Anfeindungen gegenübersieht.“ Dazu bestehe überhaupt kein Grund, meint Realschulkonrektor Daniel Beyer. Er sieht das angestrebte Modell „Oberschule mit gymnasialem Zweig“ weniger als Konkurrenz- denn als Win-Win-Situation. „Um es ganz deutlich zu sagen: Es ist keine Oberstufe an der Oberschule geplant“, so Beyer, „wir wollen vielmehr unser ausgewogenes Leistungsniveau stärken und Differenzierungsangebote verbessern.“ In Englisch, Mathematik und Deutsch könnten so künftig Kurse in drei statt nur in zwei Leistungsebenen angeboten und die besseren Schüler optimal gefördert werden.
Dadurch werde das Jacobson-Gymnasium in keinster Weise beschädigt, deren erklärte Zielgruppe ohnehin starke Schülerinnen und Schüler seien. „Die werden auch in Zukunft nicht die Oberschule besuchen“, ergänzte Beyer. Ganz im Gegenteil, werde die gymnasiale Oberstufe am Jacobson-Gymnasium eher gestärkt. Der Übergang in die Oberstufe gestalte sich für geeignete Schülerinnen und Schüler mit Z(usatz)-Angeboten im gymnasialen Zweig der Oberschule viel einfacher. „Wenn wir uns vor Augen halten, dass schon jetzt mehr als die Hälfte aller Realschulabsolventen eine gymnasiale Oberstufe besucht, dann müssen wir doch künftig nicht abschluss-, sondern anschlussorientiert arbeiten“, sagte Annegret Tuchtfeld. Außerdem würden neue Wahlmöglichkeiten für die Seesener Familien geschaffen, die Familien aus fast allen anderen Städten des Landkreises wie Goslar, Bad Harzburg oder Langelsheim schon längst hätten. Dieses Mehr an Flexibilität und Orientierungsmöglichkeit direkt vor Ort stärke und sichere den Schulstandort Seesen als Ganzes. Letztlich sei der Elternwille entscheidend.
Wie Christian Friedrich, Leiter des Fachdienstes Schulorganisation beim Landkreis Goslar, gestern auf Anfrage bestätigte, gebe es bereits eine entsprechende Beschlussvorlage. Demnach wird sich bereits am 27. November der Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport mit dem Thema befassen; im Dezember folgen dann Kreisausschuss und Kreistag. So wie es derzeit aussieht, könnte demnach bereits zum 1. August 2014 die Oberschule in Seesen an den Start gehen. Allerdings wohl zunächst einmal ohne gymnasialen Zweig. Für die Ermittlung des Bedarfs eines solchen wird nämlich eine Befragung der Erziehungsberechtigten der Kinder aus den 3. und 4. Klassen der Grundschulen der Stadt Seesen und der Samtgemeinde Lutter durchgeführt. Nach der Auswertung will man mit allen betroffenen Schulleitungen sowie mit dem Kreiselternrat in Gespräche einsteigen, welche Auswirkungen die Einführung eines gymnasialen Zweiges für den Schulstandort Seesen, aber auch für die Schulentwicklungsplanung im gesamten Kreisgebiet haben könnte. Seesen wäre mit dieser Schulform Vorreiter im Landkreis. „Nach Auswertung aller Daten, Zahlen und Fakten wird eine entsprechende Kreistagsvorlage zur möglichen Beantragung der Einrichtung eines gymnasialen Zweigs frühestens zum Beginn des Schuljahres 2015/2016 erstellt“, heißt es in der Beschlussvorlage.