Ohne Zivildienst wird der Solidargemeinschaft etwas fehlen

Benno Garcia Voges leistet seinen Zivildienst in den Asklepios Kliniken Schildautal. (Foto: bo)

Karl-Theodor zu Guttenberg greift mit seinen Plänen zur Aussetzung der Wehrpflicht auch in andere Politikbereiche ein

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht verliert auch der Zivildienst seine Berechtigung. Überall streiten sich nun die Gelehrten, ob das gut ist oder nicht. Ein Blick ins Lokale soll versuchen zu zeigen, ob Zivildienstleistende ersetzt werden können und wie hoch der Anteil ihrer Arbeit in sozialen Einrichtungen, Altenheimen und Krankenhäusern tatsächlich ist.

Von Maximilian Strache

Seesen. Zivis werden vom Staat bezahlt, zumindest zu einem großen Teil. Das ist gut für die Institutionen und Unternehmen, die ihre Arbeit in Anspruch nehmen können. Zivis werden schlecht bezahlt. Das ist wiederum schlecht für die Zivildienstleistenden und hat nicht unbedingt positive Auswirkungen auf ihre Motivation. Zivildienst stärkt die soziale Kompetenz junger Männer. Das ist gut, gerade in Hinblick auf eine zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft. Zivildienstleistende decken aktuell einen nicht unerheblichen Teil der Arbeiten im sozialen Bereich ab. Das ist gut, vor allem mit Blick auf den zunehmenden Mangel an Pflegepersonal in Altenheimen und Krankenhäusern. Soweit einige Argumente zum Zivildienst; positive wie negative. Natürlich immer aus der Perspektive der einzelnen Akteure.
Doch wie hoch ist der Arbeitsanteil von Zivildienstleistenden tatsächlich? Sind Zivildienstleistende in Zeiten klammer Pflegekassen überhaupt entbehrlich? Oder spart der Staat am Ende noch richtig Geld, wenn die Kosten für zusätzliches Personal von den sozialen Einrichtungen selbst getragen werden müssen? Und reichen die Pläne von Familien- und Sozialministerin Kristina Schröder, das Freiwillige Soziale Jahr zu stärken, aus?
Die Frage nach der Finanzierung ist im Grunde genommen mit einem einfachen Rechenbeispiel zu beantworten: Laut Wohlfahrtsexperten sind nach Abschaffung der Wehrpflicht weit mehr als 200 Millionen Euro im sozialen Sektor pro Jahr nötig, um den Wegfall der Zivildienstleistenden zu kompensieren. Alleine für den Ausbau des Freiwilligen Sozialen Jahres von 30.000 auf 60.000 Teilnehmer seien, nach Aussage des Paritätischen Gesamtverbandes, 80 bis 100 Millionen Euro nötig. Da zurzeit jedoch schon etwa 450 Millionen nach Berichten des Paritätischen Gesamtverbandes in den Zivildienst flössen, wäre das immer noch ein gutes Geschäft für den Staat.
Anders ein Rechenbeispiel der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Die Gewerkschafter rechnen vor, dass ein vollständiger Ersatz der gegenwärtig rund 60.000 Zivildienstleistenden durch reguläre Kräfte, allein im Sektor Pflegehilfe und Betreuungsdienste, ein Gehaltsvolumen von jährlich 500 Millionen Euro ausmachen würde. Eine Menge Geld, dass die Unternehmen und Einrichtungen heute nicht bezahlen müssen.
Also, auch das Rechenbeispiel ist nicht wirklich zielführend. Zumindest nicht dann, wenn man die Frage ergründen will, ob der Zivildienst zu ersetzen ist. Deshalb nun der Blick ins Lokale; in die Stadt Seesen und Umgebung.
Im Seesener Altenzentrum St. Vitus sind in der Regel zwei Zivildienstleistende tätig. Eingesetzt werden die jungen Kriegsdienstverweigerer in den Bereichen Pflege, Hauswirtschaft, Verwaltung und Hausmeisterdienst. Die Pflege ist jedoch eher unbeliebt, weiß Astrid Wetteborn aus der Personalabteilung. „Im Bereich der Verwaltung setzen wir am häufigsten Zivildienstleistende ein. Sie sind vor allem im Fahrdienst tätig.“ Die Zivis im Altenzentrum St. Vitus fahren die Heimbewohner zum Arzt, zur Apotheke oder machen diverse Besorgungen. Sie verbringen Zeit mit den Heimbewohnern; gehen mit ihnen in den Park oder spielen mit ihnen. „Vor allem für die Bewohner wäre der Wegfall der Zivildienstleistenden ein großer Verlust“, vermutet Wetteborn.
Der Möglichkeit, die Arbeit der Zivis mit jungen Menschen zu kompensieren, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren, ist die Personalexpertin eher skeptisch gegenüber eingestellt. In den acht Jahren ihrer Tätigkeit im Altenzentrum St. Vitus wurde nicht ein einziges Mal ein FSJ absolviert.
Roswitha Voß, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (Kreisverband Seesen), sieht dem Verlust des Zivildienstes mit gemischten Gefühlen entgegen. „Durch die schon ab dem 1. Januar 2011 geplante Verkürzung des Zivildienstes von neun auf sechs Monate haben wir uns im Kreisverband entschieden keine Zivildienstleistenden mehr einzustellen“, erläutert Roswitha Voß. Die Gründe für diese Entscheidung lägen vor allem in der zeitlichen Verfügbarkeit der Zivildienstleistenden. Neben umfangreichen Zivildienstschulungen hätten die Kriegsdienstverweigerer ein Recht auf Urlaub und Sonderurlaub, vor allem dann, wenn Bewerbungen anstünden. „Wir müssen die Zivis einarbeiten, und Ersatz finden, wenn sie verhindert sind. Bei einer Dienstzeit von sechs Monaten ist das für uns mit mehr Arbeit als Nutzen verbunden“, so die Expertin des Paritätischen.
Zwei Zivildienstleistende sind aktuell beim Kreisverband Seesen tätig. Sie fahren Essen aus oder begleiten Teilnehmer der „HilDe-Gruppen“. „Wir haben in der Vergangenheit stets gute Erfahrungen mit unseren Zivis gemacht. Die waren immer sehr liebevoll im Umgang mit den alten Menschen“, sagt Voß. Und an dieser Stelle des Gesprächs ist Roswitha Voß gar nicht mehr so weit von Astrid Wetteborns Ansicht entfernt, der Personalerin aus dem St. Vitus Altenzentrum. „Ja, die Zivildienstleistenden werden fehlen, räumt die Geschäftsführerin ein, jedoch vor allem im stationären Bereich. Wir glauben den Wegfall im ambulanten Bereich mit 400-Euro-Kräften kompensieren zu können.“ Aus dieser Aussage kann man den Schluss ziehen, dass der Kreisverband Seesen fortan einen anderen Weg gehen wird. Einen Weg ohne Zivildienstleistende und vermutlich auch einen Weg ohne FSJler.
In den Asklepios Kliniken Schildautal werden gegenwärtig acht Zivis beschäftigt. Die Kriegsdienstverweigerer werden ebenso wie im Altenzentrum St. Vitus überwiegend in der Verwaltung und der Betreuung der Patienten eingesetzt. Darüber hinaus sind sie in den technischen Abteilungen der Klinik tätig.
Elke Döge, Assistentin der Geschäftsführung in den Asklepios Kliniken Schildautal, sieht in Übereinstimmung mit Geschäftsführer Stefan Menzel vor allem rechtliche Schwierigkeiten beim Einsatz von jungen Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. „Es dürfen nur FSJler eingesetzt werden, wenn dadurch kein regulärer Arbeitsplatz verloren geht“, sagt Elke Döge, „deshalb müssen wir jeweils von Fall zu Fall genau abwägen, ob sich der Einsatz für uns wirklich lohnt.“
In einem Punkt sind sich alle befragten Seesener Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser einig. Durch den Wegfall des Zivildienstes geht ein großes Stück Lebensqualität für die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen und die Patienten in Krankenhäusern verloren. Gerade im Pflegebereich darf der Stellenwert junger Zivildienstleistender nicht als gering eingestuft werden. Die männlichen Kriegsdienstverweigererkönnen natürlich nicht das Arbeitspensum einer gelernten Kraft ersetzen. Das dürfen sie auch gar nicht, da ihnen die entsprechende Qualifikation fehlt. Sie haben jedoch zusätzliche Zeit für Zuwendungen und hellen zugleich als Engelgeneration im Pflegeheim den Alltag pflegebedürftiger Menschen auf.
Die Zivildienstleistenden, die sich im Altenzentrum St. Vitus Zeit für die Heimbewohner nehmen, mit ihnen spielen oder spazierengehen werden fehlen. Ferner hat der Zivildienst die Funktion eines Lerndienstes von gesellschaftlicher Bedeutung. Die jungen Männer stoßen im Rahmen ihrer Dienstzeit in soziale Lebenslagen, die sie ohne den Dienst an der Gesellschaft wohl nie kennenlernen würden.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass es auch ohne den Zivildienst weitergeht. Der Wegfall wird nicht zum Zusammenbruch von Pflegeeinrichtungen führen. Es wird jedoch ein großes Stück Menschlichkeit verloren gehen. Und das ist wirklich schade.