„Papa Haydns kleine Tierschau“ in der Grundschule Am Schildberg

  Seesen (bo). Papa Haydn ist eingeschlafen. Tief und fest. Die Hofmusiker sind verunsichert. „Wie sollen wir ihn bloß wieder wach kriegen?“, fragt der Klarinettist den Waldhornisten. Die Antwort schallt von wo ganz anders her, von ganz hinten im Zuschauerraum, der Tonne-Spielstätte in der Planie 22. „Laute Musik spielen!“, empfieht ein Kind der Kindertagesstätte St.-Annen-Straße. Aber das Prinzip haben alle sofort kapiert, denn natürlich kommt jetzt die Sinfonie mit dem Paukenschlag, und selbiger schreckt den Meister tatsächlich im vierten Anlauf aus dem Sessel.
Das Prinzip verstanden haben auch die Theatermacher der Bad Pyrmonter Theater Companie e.V. und Philharmonie: Kindertheater soll interaktiv sein. Das neue Kinderstück von Jörg Schade und Franz-Georg Stähling, das für die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Am Schildberg auf dem Stundenplan stand, ist jedenfalls ziemlich interaktiv. Autor Jörg Schade spielt darin selbst einen herrlich komischen „Papa Haydn“; fünf Profimusiker bilden seine Hofkapelle: Querflöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Waldhorn wurden live gespielt und den Grundschulkindern sowie ihren Gästen aus den Kitas St.-Annen-Straße und Am Schulplatz ausführlich erklärt.
Die Geschichte ist skurril, aber nett ausgedacht: Kaiserin Maria-Theresia hat anlässlich eines Staatsbesuchs eine Giraffe für ihren Zoo geschenkt bekommen und erbittet nun von Haydn die Komposition einer Giraffenmusik. Der Maestro, in blauem Seidenrock und Perücke, muss sich mit Zeichenblock und dicken Filzstiften erst einmal vergegenwärtigen, wie eine Giraffe überhaupt aussieht, wobei ihm die Kinder im Publikum hilfreich zur Seite stehen: Bären tapsen, Hennen rennen …
Nebenbei bietet der Anlass Gelegenheit, alle möglichen anderen Tier-Kompositionen aus seiner Feder Revue passieren zu lassen. „Habt ihr den Bären herausgehört?“, erkundigt sich Haydn. „Und die Hühner, wie sie scharren?“ Und jedesmal lässt er die entscheidenden Stellen noch einmal spielen. Und weil die Sinfonie-Auszüge von Guido Schäfer ebenso liebevoll für Bläserquintett arrangiert sind, wie sie von den Musikern dargebracht werden, ist das Ganze auch ein richtiger Kunstgenuss.
Für die Erwachsenen hätte der trockene Humor von Papa Haydn bei weitem gereicht, aber für die Kleinen haben die Autoren noch eine lebensgroße Maus ins Stück gebastelt. Das Nagetier, in Gestalt von Christiane Schoon im hautengen Mäusekostüm, beknabberte Notenpapier und lieferte sich Verfolgungsjagden mit dem Meister. Das brachte zugegebenermaßen Tempo und einige Slapstick-Momente in die Sache.
Schließlich tauchten auch noch alle möglichen Puppenfiguren auf und streckten ihre Köpfe über den Vorhang, der den Bühnenhintergrund bildete – und wurden, wie zu erwarten, von den Kindern als erste entdeckt: „He, Papa Haydn, dreh dich mal um, hinter dich ist ein Rabe!“
Schließlich ist das „Giraffenmenuett“ fertig (wobei es sich genau genommen um das Menuett aus der Sinfonie Nr. 103 „mit dem Paukenwirbel“ handelt), und die Kinder haben das Gefühl, sogar ein bisschen mitkomponiert zu haben. Ihr Tatendurst ist nach dieser Dreiviertelstunde jedoch noch keineswegs gestillt, und in vielen Gesichtern spiegelt sich ein deutliches „Was? Schon aus?“ (…) Die Kinder erwiesen sich als ein erstaunlich versiertes und konzentriertes Interaktiv-Theater-Publikum und hätten sicher noch weit länger durchgehalten.
Das Kollegium der GS Am Schildberg war sich sehr einig, dass diese Koproduktion der Bad Pyrmonter Theater Companie e.V. und Philharmonie eine tolle und sehr stimmungsvolle Sache ist – vor allem, weil es den Beteiligten gelungen ist, den Kindern Einblicke in die Welt der klassischen Musik zu geben, ganz ohne auch nur im Entferntesten belehrend zu wirken.