Parkinson hat das Potenzial zur Volkskrankheit

PD Dr. Georg Ebersbach, Dr. med. Friederike Sixel-Döring, Dr. med. Rudolf Brodhun.

Zweites Seesener Parkinsonsymposium in den Asklepios Kliniken Schildautal / Weitere Veranstaltungen im Frühjahr

Seesen (bo). Der Morbus Parkinson ist eine der häufigen neurologischen Erkrankungen in Deutschland und betrifft besonders ältere Menschen.  Daher hat die Krankheit unter Berücksichtigung der zukünftig veränderten Altersstruktur das Potenzial zu einer Volkskrankheit, mit der nicht nur der Neurologe, sondern zunehmend auch der praktisch tätige Arzt konfrontiert wird.
In den Asklepios Kliniken Schildautal fand dazu jetzt das zweite Symposium zu diesem Thema unter der Leitung des Chefarztes der Neurologischen Klinik,  Dr. med. Rudolf Brodhun statt. Dr. Brodhun betonte, dass die Hauptbeschwerden des Morbus Parkinson wie Unbeweglichkeit, Muskelverspannungen und Händezittern allgemein bekannt seien. Weitere schon frühzeitig im Krankheitsverlauf auftretende Beschwerden wie Depressionen, Schlafstörungen,  Potenz- und Riechstörungen seien eher unbekannt und blieben daher auch oft unbehandelt, obwohl Behandlungsmöglichkeiten bestünden. Dr. Brodhun betonte, dass zwar in den ersten Jahren der Erkrankung mit Tabletten wie L-Dopa oder Dopaminagonisten meist eine gute Medikamenteneinstellung möglich sei. Im weiteren Krankheitsverlauf gestalte sich die Behandlung aber schwieriger, da sogenannte motorische Spätkomplikationen aufträten mit einem Wechsel von Phasen ungenügender Beweglichkeit einerseits und unwillkürlicher Überbeweglichkeit andererseits. In diesem Stadium der Erkrankung reichten Tabletten häufig nicht mehr aus, und es bedürfe anderer beziehungsweise zusätzlicher Behandlungsmethoden.
Darüber berichtete ausführlich und kompetent Dr. med. Friederike Sixel-Döring, Oberärztin der Parkinson-Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel. Ihr Thema lautete „Kontinuierliche Rezeptorstimulation beim Morbus Parkinson“. Sie stellte dar, dass bei Schluckstörungen, die eine Tabletteneinnahme erschweren,  Medikamente in Form von Pflastern eingesetzt werden könnten, um eine gleichmäßige lang wirkende Medikamentenfreigabe ins Blut zu gewährleisteten. Bei akuter schwerer  Bewegungseinschränkung würde  Apomorphin – eines der ältesten und stärksten Parkinsonmedikamente – das allerdings nur als Spritze unter der Haut verabreicht werden kann, eingesetzt, eventuell auch in Form einer Pumpe mit gleichmäßiger Medikamentenabgabe.
Beim fortgeschrittenen Parkinson ist der Speisentransport während der Magen-Passage häufig gestört. Dies beeinträchtigt auch den Medikamententransport in den Dünndarm, aus dem die als Tabletten gegebenen Parkinson-Medikamente ins Blut transportiert werden.
Dr. Sixel-Dörung berichtete von der Möglichkeit, in solchen Fällen erschwerter und unzuverlässiger Medikamentenaufnahme  das bei der Parkinsonerkrankung fehlende Hormon Dopamin unter Umgehung des Magens direkt über eine Sonde durch die Bauchwand dem Dünndarm zuzuführen. Dies bedeute aber im Gegensatz zu den bisher genannten Therapien ein operatives Vorgehen. Sie ging ab­schließend auf die Möglichkeit ein, bei fortgeschrittener Parkinsonerkrankung bestimmte Hirnregionen elektrisch zu stimulieren und so den Beschwerden entgegenzuwirken. Die Elektroden müssen aber operativ im Gehirn platziert werden. Deswegen komme diese Anwendung meist nur infrage, wenn die anderen Behandlungsmöglichkeiten keine befriedigenden Resultate mehr bringen.
Über nicht-medikamentöse und nicht-operative therapeutische Maßnahmen berichtete anschließend PD Dr. med Georg Ebersbach, Chefarzt des Neurologischen Fachkrankenhauses für Bewegungsstörungen und Parkinson in Beelitz. Er berichtete zunächst über seine Erfahrung, dass Parkinsonbeschwerden wie Sprechstörungen, Gleichgewichtsstö­rungen, komplexe Gangstörungen und Haltungsstörungen häufig medikamentös schwer zu beeinflussen seien und stellte verschiedene krankengymnastische, ergotherapeutische, logopädische und neuropsychologische Möglichkeiten dar, diese Beschwerden zu lindern. Er betonte, dass diese Behandlungsformen effektiv seien, aber bisher in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich nicht ge­nügend untersucht wurden. Dies würde derzeit nachgeholt, so dass diese Methoden immer mehr Bedeutung in der Parkinsonbehandlung gewinnen würden.
Die durch die Parkinsonerkrankung gestörten Gleichgewichtsreflexe könnten durch gezieltes Training gebessert werden. Die sogenannte Schubs­therapie, bei der Patienten geschubst würden, diene dazu, Ausfallsschritte einzu­üben, um den Körper nach Gleichgewichtsverlust wieder zu stabilisieren. Auch ließe sich durch Üben des Seiltänzergangs die Balance verbessern. Eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Stürzen infolge von Gleichgewichtsstörungen spiele der Aufbau von Muskelkraft und Kondition. Ausreichende Kraft der Beinmuskeln sei wichtig für die Stabilisierung des Körpers. Um der Abnahme der Beweglichkeit entgegenzuwirken, könne man mit der sogenannten „BIG-Therapie“ behandeln, bei der das gezielte Üben von Bewegungen mit großem Ausmaß zur Verbesserung von Geschwindigkeit und Bewegungsablauf eingesetzt wird. Auch ging er auf die Behandlung von Bewegungsblockaden (Freezing-Phänomen) ein, die eine spezielle Durchbrechungsstrategie erfordert, wie zum Beispiel ein Schlag auf den Oberschenkel oder die Querleiste eines Stockes, welcher überschritten werden muss.
Dr. Ebersbach ging auch auf die Sprechstörungen beim Parkinson ein: Eine leise und heisere Stimme, eine verwaschene Aussprache, eine monotone Sprechweise, die durch Medikamente wenig gebessert würden. Sprechtherapie sei hierbei besonders wichtig. Dazu stellte er verschiedene Methoden vor, zum Beispiel die „Lee Silverman Voice Treatment“, bei der eine bessere Verständlichkeit der Sprache durch das Erhöhen der Sprechlautstärke anstrebt wird. Auch wies er auf die „Cueing-Technik“ hin, bei der  Sprechbewegungen durch ges­tische, visuelle oder taktil-ki­nästhetische Hinweisreize unterstützt werden.
Die zahlreichen Teilnehmer, Ärzte, Krankengymnasten, Logopäden, Neuropsychologen und Ergotherapeuten, waren angetan von den detailliert und verständlich dargebrachten Ausführungen und betonten  den wichtigen Informationsgewinn.
Dr. Brodhun kündigte weitere Parkinsonveranstaltungen an; die nächste ist für das Frühjahr 2012 geplant.