Permanentem Nörgeln klare Absage erteilt

Nachdenklich, lustig, unterhaltend: die Dreierrunde auf der Aula-Bühne. (Foto: Kiehne)
 
Ohne Signierbesuch bei Max & Moritz verabschiedeten sich auch Giovanni di Lorenzo, Axel Hacke und Dr. Klaus Pawlowski (von links) nicht aus Seesen. (Foto: Mateo)

„Wofür stehst du?“: Vollblutjournalisten Giovanni di Lorenzo und Axel Hacke beim Kulturforum Seesen zu Gast

Seit mehr als 25 Jahren bestimmen Musik- und Kabarettgastspiele das Bühnenprogramm des Kulturforums Seesen. Mit Ausflügen in andere Genres entsteht immer wieder eine gelungene Mischung von Gastspielen.
Dazu gehört auch die Veranstaltung am vergangenen Donnerstag in der Aula im Schulzentrum Seesen, die eine neue Qualität in das Veranstaltungsangebot des Kulturforums bringt. Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo lasen aus ihrem Buch „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist – Eine Suche“ und erzählten und diskutierten über ihr Leben und ihre Werte. Moderiert wurde das Ganze von Dr. Klaus Pawlowski aus Göttingen.
In ihrem Buch, in Dialogform geschrieben, tauschen sich die beiden befreundeten Journalisten über ihre persönlichen Entwicklungen und über ihren Umgang mit Werten und Momenten denen sie sich nicht gewachsen fühlen aus. Sie reflektieren Fehler, gestehen Schwächen, zweifeln, stellen Fragen an sich selbst. Zu dieser gemeinsamen Arbeit gehört auch, so di Lorenzo, „die Hosen runter zu lassen“ oder sich der Reaktion der Kollegen auszusetzen – sie mündet aber in der Feststellung di Lorenzos: „…die schönste Arbeit meines Lebens“. Ein sehr ehrliches und authentisches Buch, das Werte nicht als leeren oder abgenutzten Begriff versteht, wie Dr. Pawlowski treffend festhält.
Aus ihren ganz unterschiedlichen Biographien berichten die beiden Autoren über ihre Annäherung an eine noch nachkriegszeitgeprägte Politik mit den Vorboten der Achtundsechziger, die von di Lorenzo hier und da durchaus romantisierend, idealistisch erlebt wird, von Hacke nüchterner beschrieben wird. Eindrucksvoll bei beiden das Schweigen der Väter-Generation; Väter, die man nie richtig kennenlernte, mit einem Schweigen, das noch lange Familienstrukturen bestimmte. „Ein Fehler, den ich selbst in meinem Leben nicht machen möchte“ (Hacke).
Ganz unterschiedlich fällt dann die aktuelle Bestandsaufnahme aus: Hacke berichtet von seinem „Grundverdruss, was alles Politische angeht“ und von der Suche nach den Ursachen dafür. Er vermisst Verlässlichkeit und fürchtet gar, dass sich Intellektualität und (politische) Macht ausschließen.
Dagegen formuliert di Lorenzo: „Wie ich es hasse, dieses ewige Herumhacken auf allem und jedem, was Politik ausmacht“. Er erteilt dem permanenten Nörgeln eine deutliche Absage, auch im Blick auf seine Journalistenkollegen.
Unterschiedlich auch die Annäherung an Deutschland als Heimat, hier das Erleben des „Planeten Hannover“ oder „Alptraum der 70er“ als Ausländerfamilie (di Lorenzo) mit den späteren Karikaturen von Italien in Gestalt von Pizzeria und Espresso, dort ein auf sich bezogenes Deutschland mit schwer in Gang kommenden Außenbeziehungen. Ein Volk, das Axel Hacke wegen seiner Vergangenheit als etwas unheimlich empfindet. Dagegen setzt er ganz optimistisch: „Meine jüngste Tochter ist fünf Jahre alt und hat drei beste Freundinnen. Die Mutter der allerbesten Freundin ist Peruanerin, der Vater Deutscher. Die Eltern der zweitbesten Freundin sind Vietnamesen. Die drittbeste Freundin stammt aus Bosnien.“
Nachdenklich, lustig und unterhaltend zugleich wirken die Passagen zum Thema Familie und Kinder und deren Erziehung. Beide Autoren lesen von elterlicher Machtdemonstration, die noch Schläge kannte, von kindlicher Ohnmacht, von skurrilen Widersprüchen, Rat- und Orientierungslosigkeiten und Veränderungen, von der „Erziehung durch Züchtung“ zur „Kinder-Wellness“ mit der „bizarren Zwischenphase der antiautoritären Erziehung“. Übereinstimmendes Fazit: Erziehung ist ein großes, sehr aufregendes Abenteuer.
Dr. Klaus Pawlowski, der das Gespräch angenehm durch den Abend steuerte, bedauerte zu Recht die begrenzte Zeit angesichts der interessanten Themen, die Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo bereit hielten.
„Wofür stehst Du?“ – kein Rezeptbuch für alle Lebenslagen, kein Handbuch der Alltagsmoral, aber eine lesenswerte Anregung über uns selbst.
Walter Kien