Philipp Weber beim Seesener Kulturforum

Philipp Weber auf der Bühne des Seesener Kulturforums: Ist es Comedy oder Kabarett?

Zu Beginn bleibt das unklar, denn der Dauer- und Heißluftplauderer aus dem Odenwald durchquert die eigenen, heimatlich anerzogenen Weisheiten und Befindlichkeiten. Im Focus immer wieder sein verstorbener Onkel Rudi. „Durst“ heißt das Programm und es geht um Alkohol in verschiedenen Flaschen, nicht nur um den auf dem Beistelltisch wartenden roten Merlot, also um „Durst in Blau“, es geht aber auch ums Wasser.

Die entlarvten Drogen sind nicht nur Wein, Bier etc., sondern auch die „Ännertschi-Drinks“. Weber ist ein Volldampf-Schnellstsprecher (ein heimatgeprägter „Schnellbabbeler“); seine Ergüsse sprudeln wie geschüttelter Sekt. Da sind der testamentarisch geregelte Leichenschmaus für Onkel Rudi mit dem „Absacker“ an der Grube, der Durst an der Mutterbrust bis hin zum Weintrinken als erotischem Akt, der Ingwersaft wie von Meister Propper persönlich. „In Amorbach hatten wir kein Kino. Wenn wir als Jugendliche einen Film erleben wollten, mussten wir einen Fliegenpilz rauchen!“
Der studierte Chemiker und Biologe weiß, über welche Drogen er redet, über Zucker in allem: „Red Bull schmeckt wie Morgenurin eines zuckerkranken Gummibärchen!“ - Und Taurin auf den Geschmacksknospen des Weintrinkers ist wie „Ochsenschwanzsuppe mit Zucker“. Bei der Droge Kaffee beklagt Philipp die Ausbeutung der Kaffee-Bauern. Ein Leben unter der Armutsgrenze hat nichts mit „Fair Trade“ zu tun. Die drei Gramm Kaffee in den Alu-Kapseln für die Nespresso-Maschine hat nichts mit „iikou liberäischen“ (eco liberation) zu tun. Kaffee frisch „aus frisch gerodeten Regenwäldern!“

Webers Kabarett-Programm ist auch ein Lehrstück über die Angebots- und Verkaufstechniken einer gezielten „Warenästhetik“. Die Etikettenversprecher auf dem Merlot-Etikett sind ein Beispiel dafür. „Der Mensch braucht nur Wasser!“ Dem Trinkwassermangel der Welt stellt Philipp die „Wasserkarte“ eines Edel-Lokals gegenüber. Die Medikamente werden zum Thema: „Die meisten werden auf Erdölbasis“ entwickelt. Die natürliche Ausscheidung von 90 % der Medikamente verunreinigt den Wasserhaushalt der Welt. Dem Genuss-Drogenkonsum stellt der Kabarettist die steigende Medikamentenabhängigkeit entgegen. Statistisch gäbe es einen 3000fachen Anstieg von ADHS bei den Kindern. „Oder haben wir heute keine Geduld mehr mit den Kindern?“
Weber geht auf die aktuellen Flüchtlingsmassen ein und stellt, nachdem er Söder zitiert hat, die „Degeneration der Reinrassigen“ fest. Mischen sei angesagt.

Philipp Weber verpackt seine Aussagen wie ein Comedian; im Wesen aber ist er kritisierender Kabarettist. Die Drogen-Krankheiten der Gesellschaft sind die Krankheiten der Seele, geschaffen aus Hochleistungsforderungen, Verwertungszielen und Ausbeutung. Das Publikum beim Seesener Kulturforum bedankt sich mit viel Applaus. Im Zugabenteil legt Philipp dann noch den Focus auf das Thema „Essen“. Logisch, darüber ließe sich an einem weiteren Abend beim Kulturforum sprechen und nachdenken.

Dr. Joachim Frassl