Physiotherapeut zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt

46-jähriger muss sich wegen sexueller Nötigung und sexuellem Missbrauch verantworten / Einbecker beteuert Unschuld / Haftbefehl erlassen

Seesen (hz). Bereits in der vergangenen Woche stand ein 46-jähriger Masseur und medizinischer Bademeister im Seesener Amtsgericht vor dem Kadi. Dem Einbecker warf die Staatanwaltschaft sexuelle Misshandlung und Nötigung vor (wir berichteten, die Red.). Der Angeklagte arbeitete fast 15 Jahre als Physiotherapeut in den Asklepios Kliniken Schildautal und reichte schließlich die Kündigung ein, nachdem sich die geschädigten Patientinnen an den Betriebsrat gewandt hatten.
Im Zeitraum vom 20. Juni 2006 bis zum 22. Januar 2007 sowie vom 25. August 2009 bis 14. September 2009 hat der Beschuldigte laut Anklageschrift zwei Frauen zu sexuellen Handlung genötigt. Die beiden Opfer, die vor Gericht als Zeugen aussagten, standen ausführlich Rede und Antwort. Eine 47-jährige Seesenerin begab sich nach einer Operation an der Bandscheibe in die postoperative Nachbehandlung, die unter anderem in Form von Krankengymnastik erfolgte. Das ungute Gefühl, das die Seesenerin nach eigenen Angaben schon nach den ersten Behandlungen beschlich, bestätigte sich von Therapie zu Therapie. Bei einer sehr „körpernahen Behandlungsform“ sollte die Patientin die Augen schließen, um sich besser entspannen zu können. Dabei habe sie gelegentlich den Atem des Physiotherapeuten in ihrem Gesicht gespürt. Eines Tages habe sich der Therapeut mit den Worten „Wir tun jetzt etwas ganz Verbotenes“ auf die 47-Jährige gelegt, deren Hose herunter gezogen und mit ihr ungeschützten Geschlechtsverkehr vollzogen. Bei weiteren 30 Behandlungen sei es zu derartigen „Überfällen“ gekommen.
Wie die Seesenerin betonte, habe sie sich nicht gewehrt. Sie sei zu müde gewesen, da sie unter Einfluss von starken Schmerzmitteln und Antidepressiva gestanden habe.
Eine weitere Patientin, die ebenfalls an der Bandscheibe operiert worden war, begab sich in der Zeit von August bis Anfang September 2009 in die teilstationäre Rehabilitation. Auch die 41-jährige Vorharzstädterin wurde von dem 46-jährigen Einbecker therapiert. Sie habe bereits in den ersten Behandlungen, so ließ sich die Frau vor dem Schöffengericht ein, „eine unangenehme Nähe zu dem Physiotherapeuten“ empfunden. An einem späteren Behandlungstag habe der medizinische Bademeister Dehnungsübungen im Bereich der Halswirbelsäule durchgeführt, bei der die 41-Jährige die Augen schließen sollte. Als sie diese plötzlich geöffnet habe, stand der Einbecker neben der Behandlungsliege und masturbierte. Bei weiteren Behandlungen habe der Physiotherapeut die 41-Jährige zu einem Zungenkuss und Oralverkehr gezwungen. Nach dem letzten Vorfall, bei dem es zu ungeschützem Geschlechtsverkehr gekommen sei, habe sie unbemerkt das Sperma mit einem unbenutzten Slip aufgewischt, um die Spuren zu sichern.
Die Auswertungen der Probe durch das Landeskriminalamt Hannover ergab lediglich eine Mischspur, in der zwar die DNA des Angeklagten enthalten war, jedoch keine tatsächliche Spermaspuren gefunden werden konnten.
Der Einbecker bestritt vor Gericht die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Er habe die Behandlungen der beiden Frauen als vollkommen normal empfunden. Nachdem ihm die Vorwürfe zu Ohren gekommen seien, habe er sich direkt an den Betriebsrat gewandt, um die massiven Anschuldigungen zu entkräften. Bei keiner der zahlreichen Behandlungen habe er die Frauen sexuell belästigt oder gar missbraucht. Lediglich bei einer Therapie mit der 41-Jährigen sei es zu sexuellen Handlungen gekommen – diese seien jedoch von der Patientin ausgegangen.
Während sich die 47-Jährige erst nach sieben Monaten ihrem Ehemann anvertraute, erfuhr der Mann der zweiten Geschädigten schon sehr kurz nach dem letzten Vorfall von den Geschehnissen in der Klinik.
Das Gericht und die Staatsanwaltschaft machten deutlich, dass es an der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen, die sich derzeit noch in psychologischer Behandlung befinden, keinen Zweifel gäbe. Nachdem die Staatsanwaltschaft, die beiden Nebenklägervertreter der Opfer und der Verteidiger ihre Anträge gestellt hatten, unterstrich der Angeklagte in seinem „letzten Wort“ nochmals, dass er unschuldig sei. Er habe seinen Beruf, den er über 14 Jahre lang ausübte, geliebt. Seine Frau und seine Brüder, die an beiden Verhandlungstagen dabei gewesen seien und ihn unterstützt hätten, stellten seinen Rückhalt dar.
Das Schöffengericht mit seinem Vorsitzenden Rolf Stratmann verurteilte den 46-jährigen Einbecker letztlich zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe. Nach der Bekanntgabe des Urteils erließ Richter Rolf Stratmann Haftbefehl wegen Fluchtgefahr.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass mit diesen beiden Fällen lediglich die Spitze des Eisberges an das Tageslicht gekommen sei. Ein anonymer Brief und ein anonymer Anruf seien bereits eingegangen. Weitere Frauen, die in der Klinik behandelt worden seien, hätten ähnliche Vorfälle gemeldet.

Oberstaatsanwalt Dr. Hans-Jürgen Grasemann, der den Fall bearbeitet, bittet Frauen, denen ähnliche Erlebnisse in diesem Zusammenhang widerfahren sind, sich an ihn zu wenden. Er ist unter (0531) 488 12 42 erreichbar.