Polizei-Ausbildung schützt vor Strafe nicht

Ehemalige Seeserin (34) musste sich gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten vor dem Amtsgericht verantworten

Erschienen war die 34-jährige Angeklagte, die sich am Mittwoch zum wiederholten Mal vor demAmtsgericht Seesen zu verantworten hatte, in Begleitung ihres Lebensgefährten, der ebenfalls auf der Anklagebank Platz nehmen durfte. An der Hand der Hausfrau und Mutter kam eines der insgesamt fünf Kinder mit in den Verhandlungssaal des Vorsitzenden Richters Frank Rüger. Dieser jedoch intervenierte sofort: Ein Kleinkind habe bei einer solchen Verhandlung nichts zu suchen – vor allem nicht an der Seite der Angeklagten. Im Zuschauerraum beschäftigte sich der vierjährige Sohn schließlich während der gesamten dreistündigen Verhandlung mit seinen Spielsachen.

Von Sandy Heinzel

Seesen. Gleich fünf Anklagevorwürfe gingen zu Lasten der 34-Jährigen und ihrem elf Jahre älteren Lebensgefährten. Wäh­rend sich die Angeklagte wegen des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und gemeinschaftlicher Körperverletzung, Betrug in zwei Fällen sowie falscher Verdächtigung vor dem Seesener Amtsgericht zu verantworten hatte, war ihr Lebensgefährte wegen des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, gemeinschaftlicher Körperverletzung und wegen Betruges angeklagt.
Nach der Aufnahme der Personalien erzählte die Angeklagte von dem Beginn und dem Ende ihrer beruflichen und privaten Karriere. Damals erreichte sie den erweiterten Realschulabschluss und begann eine Ausbildung bei der Polizeischule in Wiesbaden. Als Polizeikommissarin nahm die Angeklagte ihren Dienst in Frankfurt am Main auf, bis sie schließlich nach achtjähriger Dienstzeit kündigte. Der Grund waren private Probleme, die damit begonnen hatten, dass ihre Mutter den damaligen Lebensgefährten und Vater des ersten Kindes heiratete. Auf der Suche nach einem neuen Leben und einer neuen Beziehung bekam sie mehrere Kinder von verschiedenen Männern. Vier Kinder leben zurzeit bei der Angeklagten und ihrem Lebensgefährten. Ein weiteres kam nach einer frühzeitigen Geburt bei einer Pflegefamilie unter.
Der Lebensgefährte und Vater des fünften Kindes, wurde nach einer schweren Herzerkrankung berufsunfähig – die Familie lebt von Hartz IV und zog vor Kurzem ins Wangerland.
Zu den Anklagevorwürfen:
• Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gemeinschaftliche Körperverletzung: Am 26. Januar 2010 leistete das Paar Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, die während einer Wohnungsdurchsuchung diverse Gegenstände sicherstellten. Dabei wurde eine Kriminalbeamtin des Polizeikommissariats Seesen gegen eine Wand geschubst, bedrängt und bedroht. Hierbei verletzte sich die Beamtin an der Hand.
• Betrug: In der Zeit vom 22. bis 30. April 2009 bestellte die Angeklagte insgesamt dreimal Waren bei einem Versandhaus. Diese wurden weder bezahlt noch zurückgesandt.
• Betrug: In der Zeit vom 29. November 2007 bis 16. Januar 2008 nahm eine Tochter der Angeklagten am Unterricht der Kreismusikschule Goslar teil, ohne dass die Mutter die geforderten Gebühren zahlte. Nur sporadisch gingen Zahlungen auf dem Konto der Kreismusikschule ein. Insgesamt erlangte die Angeklagte Unterrichtseinheiten im Wert von 98 Euro für ihre Tochter, bis diese schließlich vom Unterricht ausgeschlossen werden musste.
• Falsche Verdächtigung: Nach der eingangs erwähnten Wohnungsdurchsuchung beschuldigte Susanne N. die ihr seit Längerem bekannte Kriminalbeamtin, eine Geldbörse sowie mehrere Umschläge eingesteckt zu haben, in denen sich insgesamt knapp 200 Euro befunden haben sollen.
• Betrug: Der Lebensgefährte wird angeklagt, in der Zeit vom 4. Dezember 2006 bis zum 29. September 2009 insgesamt acht Dienstleistungen bezogen, aber nicht bezahlt zu haben.
Zum Teil räumte das Paar die Vorwürfe ein – zu anderen Anklagevorwürfen hingegen wollten sie sich gar nicht äußern. Nach der Beweisaufnahme mit zahlreichen Zeugen und einem Rechtsgespräch zwischen Richter Frank Rüger, den beiden Verteidigern der Angeklagten und der Staatsanwalschaft kam es zum Urteil:
Das Verfahren wegen der Widerstandshandlung und der gemeinschaftlichen Körperverletzung und vier Anklagepunkte des Betrugsvorwurfes gegen den Lebensgefährten sowie einer der Betrugsvorwürfe gegen die Angeklagte wurden eingestellt. Somit wurde der Angeklagte wegen Betruges in vier Fällen zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt; die Angeklagte bekam ebensfalls drei Monate auf Bewährung wegen der Widerstandshandlung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung in Tatmehrheit mit falscher Verdächtigung und Betrugs.
Rügers abschließende Worte: Die Angeklagte schießt manchmal über ihr Ziel hinaus und müsse endlich lernen, dass ihre Zeiten als Polizeibeamtin vorbei sind – auch sie habe sich polizeilichen Maßnahmen zu fügen. Das Urteil soll als letzter Warnschuss gesehen werden, in der Hoffnung, die beiden Angeklagten wachrütteln zu können.