Quell des Lebens und Wegbereiter der Entwicklung

Der ehemalige Prokurist der Seesener Versorgungsbetriebe, Dieter Neuse, wartete mit einem spannenden Vortrag auf.
 
Zahlreiche interessierte Gäste lauschten den Ausführungen.
 
90 Besucher fanden den Weg zu der Vortragsveranstaltung über die Bedeutung des Wassers amBeispiel Seesen. Eingeladen hatte der „Freundeskreis Städtisches Museum. Fotos: Poerschke

„Freundeskreis Städtisches Museum“ hatte zu Vortrag eingeladen – Bedeutung des Wassers am Beispiel Seesen

„Möge der Ausstellung, die mit viel wissenschaftlichen Know-How und speziellem Pfiff konzipiert wurde, das Interesse zukommen, das ihr gebührt“: mit diesem Wunsch zog die 1. Vorsitzende des „Freundeskreises Städtisches Museum“, Renata Jahns, am Donnerstag vergangener Woche den Schlussstrich unter eine Vortragsveranstaltung, mit der im Rahmen der vom Südniedersächsischen Museumsverbund initiierten Ausstellung „Wasser – Element des Lebens in Südniedersachsen“ ein vielseitiges Rahmenprogramm eingeläutet wurde, für das der „Freundeskreis“ verantwortlich zeichnet, und das, soviel zeichnet sich schon jetzt ab, ganz offensichtlich auf ein überaus reges Interesse stößt.
Genau 90 Besucher waren es nämlich, die Renata Jahns an diesem Abend willkommen heißen konnte – sie alle waren in das einst herzögliche Jagdschloss geeilt, in dem sie der ehemalige Prokurist der Versorgungsbetriebe Seesen, Dieter Neuse, auf einem Streifzug der besonderen Art durch die Geschichte der Stadt begleitete. Auf einem Streifzug, in dessen Verlauf der Referent die Entstehung und Entwicklung der einstigen Siedlung und späteren Ackerbürgerstadt bis zum heutigen Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen vor allem am Wasser als eine der diesen Prozess prägenden Größen festmachte.

„Kleine Schildau“ – große Bedeutung

Nicht von ungefähr hatte Dieter Neuse zum Auftakt seines Vortrages „Wasser ist alles, ohne Wasser ist alles nichts“ darauf verwiesen, dass es keineswegs ein schier überbordendes Wasservorkommen war, das die Altvorderen einst veranlasste, sich hier, am nordwestlichen Harzrand, anzusiedeln, sondern vielmehr die strategisch optimale Lage im Schnittpunkt wichtiger Heer- und Handelsstraßen.
Denn um die „fließende“ Wasserversorgung, so berichtete er, habe es wahrlich „nicht zum Besten gestanden“. Einzig die „Schildau“ sei nordöstlich an dem besiedelten Gebiet vorbei geflossen, und erst mittels der „Kleinen Schildau“, die abgezweigt wurde, wäre es möglich gewesen, fließendes Wasser ins Zentrum zu führen. Sicherlich ein Grund dafür, dass sich Seesen seinerzeit nicht zu einem bedeutenden, befestigten Ort habe entwickeln können, befand Dieter Neuse denn auch.

Viel Unbekanntes
fesselte die Besucher

Der Referent, der es trefflich verstand, die Besucher mit immer neuen und vielfach weitestgehend unbekannten Details zu fesseln, erinnerte unter anderem daran, dass die Bürger Seesens ihren Wasserbedarf zum Trinken, Kochen, Waschen, Bierbrauen und Löschen bis zum Jahre 1872 zunächst aus den vielen, mit Wasser gefüllten Erdfällen, einer Reihe von Brunnen sowie aus der „Kleinen Schildau“ gedeckt hätten; nach seinen Worten hätte es 19 öffentlichen und zehn privaten Brunnen gegeben, die „über Jahrhunderte hinweg zudem als Treffpunkt für Jung und Alt eine wichtige Rolle im sozialen und gesellschaftlichen Leben der Bürger spielten“.
Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Börßum – Seesen – Kreiensen anno 1856, der Verlegung einer Wasserleitung vom Kurpark zum Bahnhof, der Ausweisung weiterer Bahnstrecken in den Jahren 1871 und 1889, dem Boom, den die Bahnhöfe in Seesen verbuchen konnten, einem Wasserverbrauch, der immer häufiger arge Engpässe zur Folge hatte, und dem enormen Aufschwung, den Seesen als Luftkurort und beliebtes Reiseziel nahm sei, wie Dieter Neuse weiter ausführte, ein neues Kapitel in der Entwicklung der Stadt aufgeschlagen worden; habe es zu den vorrangigen Aufgaben gezählt, beginnend in den Jahren um 1872 die zentrale Wassersorgung nachhaltig zu verbessern.
Er erinnere da unter anderem an das Jahr 1873, als der Hochbehälter im Kurpark seiner Bestimmung übergeben wurde; sprach aber auch die dadurch nicht beseitigten Versorgungs-Notstände in den Jahren 1885 und 1911 an. Mit Pferdefuhrwerken habe man das kostbare Nass vom Kreienborn, und mit Kesselwagen der Bahn aus Kreiensen nach Seesen bringen müssen.
Für die Bürger, die Bahn, die Industrie und die Feuerversicherungen unmittelbarer Anlass, nunmehr ultimativ die Erschließung der Grundwasservorkommen zu fordern, mit der denn auch vor rund einhundert Jahren begonnen wurde.
Dass die Sicherstellung des Brandschutzes allein durch die „Kleine Schildau“ immer wieder an ihre Grenzen stieß, zeigte Neuse anhand einiger überlieferter Brandeinsätze auf. So sei beim ersten Feueralarm anhand bereitliegender Dämmungen das Wasser der „Kleinen Schildau“ in die Nähe der Brandstelle geleitet und dort aufgestaut worden, um die Vorratsbehälter für die Spritzen dann mit Ledereimern zu füllen. Kein allzu probates Mittel der Brandbekämpfung, wie sich herausstellte: 1823 fielen 26 Gebäude dem „Roten Hahn“ zum Opfer, 1825 waren es 66 Häuser, 1870 noch einmal 27 und 1896 wurde mit 40 Häusern die gesamte Opferstraße ein Raub der Flammen.

Auch die Industrie war lange Zeit ein Stiefkind

Als nicht weniger drängend und dringend erwies sich aber auch die Verbesserung der Wasserversorgung mit Blick auf die Industrie – ein von der Stadt Seesen zunächst offensichtlich „ungeliebtes Kind“. Die nämlich hätte, so zitierte der Referent die Chronisten, mehr auf den Ausbau Seesens zu einem bedeutenden Kurort denn auf den der Industrie gesetzt.
Und das, obgleich die „Erste Seesener Konservenfabrik“ bereits 1886 von Rudolf Züchner und Heinrich Sieburg gegründet worden war, der Beginn der maschinellen Fabrikation bei „Sonne“ im Jahre 1893 seinen Anfang nahm, der Bedarf der Industrie an Wasser rasch die 1000-Kubikmeter-Marke pro Tag überschritt, und – die Entwicklung Seesens hin zu einem Industriestandort mit mehreren tausend Beschäftigten nicht länger mehr ignoriert werden konnte.
Heute nun sei Wasser von höchster Qualität reichlich vorhanden; die entsprechende Infrastruktur in der Kernstadt und in den Stadtteilen vorbildlich und der Brandschutz flächendeckend garantiert.
„Für uns ist Wasser immer da. An jedem Ort und zu jeder Zeit“, stellte Dieter Neuse denn auch bilanzierend fest.

Verteilungskämpfe
bestimmen die Zukunft

Das allerdings gelte nicht für alle Länder und Regionen. Im Gegenteil. Neuse, der wiederholt betont hatte, dass Wasser nicht vermehrbar sei, zählte da eine Reihe von Regionen – darunter Zentral-Afrika und Afghanistan – auf, die von extremer Wasserknappheit betroffen seien; nannte einige Konfliktherde als Folge von Verteilungskämpfen. So zum Beispiel den Nahen Osten. Hier wären Israel und die gesamte Region auf das Jordan-Becken und den See Genezareth als den einzigen Frischwassersee angewiesen. Als nicht weniger problematisch erweise sich darüber hinaus die zunehmende Verschmutzung des Wassers durch chemische Stoffe, Müll, Abwässer, atomare Abfälle und Überdüngung, aber auch durch Antibiotika und Nitrate sowie die Einleitung giftiger Substanzen, die in erster Linie in Südamerika und Asien in der Textilindustrie eingesetzt würden. Kritisch äußerte er sich abschließend zu der Privatisierung der Wasserversorgung in vielen Regionen der ohnehin wasserarmen Ländern. Hier wären die verantwortlichen Regierungen nicht willens und in der Lage, die erforderliche Infrastruktur flächendeckend auszubauen, so dass sich arme Menschen aus den Flüssen mit Wasser versorgen müssten.
Langanhaltender Applaus und viel Anerkennung nach diesem Vortrag, der übrigens noch eine wertvolle Arrondierung erfuhr. Elsa Neuse hatte nämlich eine Auflistung von Redewendungen „rund ums Wasser“ zusammengestellt.