Reiner Kröhnert beim Seesener Kulturforum

„Kröhnerts Krönung“ heißt das derzeitige Programm des Kabarettisten Reiner Krönert beim Seesener Kulturforum. Im März 2001 war er zuletzt als Gast im Seesener Schulzentrum. Damals sprach der Schreiber von einem „Programm der Extraklasse“. Man war also gespannt auf das neue.

Angela Merkel („Die alte und die neue Kanzlerin“), deutlich an der Perücke des Kabarettisten ausgewiesen. Kröhnert, im schlichten dunklen Anzug, ist ein bisschen zu groß, um die Kanzlerin komplett zu vergegenwärtigen. Man muss ihm also ins Gesicht schauen, die Mimik und das Händespiel wiedererkennen. Die Politik-Konkurrenz bekommt ihre Spitznamen angehängt. Da sind der „Oggersheimer Golem“ bzw. der „Presssack in Strickweste“, der „Stammel-Stoiber“, die „Schröder-Schredderei“, Münte als „Jim Knopf auf Valium“, Seehofer als „Wolpertinger“ und der „Sigi als Marshmellow-Moppel“. Das ist zu Beginn kein aktuelles Kabarett, sondern eher Schnee von gestern.

Kröhnert präsentiert die Personen des politischen und medialen Lebens in aneinander gereihten „Szenen“, die mehr als Lesung denn als Schauspiel rüberkommen: „Was geht ab im Ländle?“ Die Frage diskutieren Kretschmann, Trittin und Schily. „Stuttgart 21“ ist immer noch aktuell. Für Friedrich Merz geht es um die „Ökonomisierung der Politik auf einem Deckel“. Guttenberg – wer ist das? – wird eingeflochten, Schäuble als „Drachmentöter“ gegenüber Griechenland fordert eine Teilung in Süd- und Nord-Euro („Wie beim ALDI“). Die Argumente um „binäres System“ und zu wenige Finger zum Abzählen geraten für Kröhnert zur „Milchmädchenrechnung“.

Die Sendeserie „Der Intellekt hat viele Gesichter“ mit Michel Friedmann und Rüdiger Safranski begrüßen die Sternchen der Medienwelt. Stark sind Kröhnerts Darstellungen von Dieter Bohlen und Boris Becker. Bohlens Fäkalinjurien werden vom Literaturphilosophen Safranski auf olympische Höhe gehoben. Peter Hinze, „angespeichelt wie süßer Morgentau“, wird als Kriecher neben der Kanzlerin entlarvt („Auf dem Anale Grande unserer Sehnsucht“).

Rita Süßmuth, Hans-Jochen Vogel und Hans Dietrich Genscher als Vertreter der alten politischen Garden und Parteien zeigen Anzeichen von Demenz, Papst a. D. Benedikt erzählt die „Geschichte meines Rücktritts“. Klaus Kinski („ach wär´ ich Priester nur geworden!“), Gerhard Schröder und schließlich Erich Honecker sind Teil des über 20 Personen-Repertoires des Parodisten. Kröhnerts Vortrag bleibt stets im gleichartigen Tempo, die „Krönung“ ist überwiegend ein Rückblick auf die Personen, die wir schon fast vergessen glauben. Ganz aktuell wird Reiner Krönert im Zugabenteil, in dem Merkel ein NSA-Telefonat führt. Ein bisschen wie das Öffnen der Trickkiste demonstriert Kröhnert, wie z. B. Honecker- oder Schröderstimmen angelegt werden müssen.

Joachim Frassl