Reinhold Messner beim Seesener Kulturforum

Reinhold Messner lässt keinen langen Begrüßungsapplaus zu, sondern beginnt sofort.
 

Die Aula beim Seesener Kulturforum war bis auf den allerletzten Platz gefüllt: Die Chance den berühmten Bergsteiger und Extremabenteurer Reinhold Messner hautnah zu erleben, hatte ein Publikum von weit her in die Seesener Aula gelockt.

Das Thema seines Vortrags vor einer großen Projektionswand hieß „Über Leben“. Die ankommenden Zuhörer konnten ihn bereits im Foyer ansprechen und Buch-Autogramm-Wünsche vorlegen.

So erwartungsvoll still ist bisher kaum einer Bühnenveranstaltung des Kulturforums im Zuschauerraum entgegengefiebert worden. Reinhold Messner lässt keinen langen Begrüßungsapplaus zu, sondern beginnt sofort. Das erste Gebirgsbild ist unterschrieben: „Üb Erleben / Überleben / Über Leben“. Damit setzt Messner von Beginn an einen Reflexionsprozess in Gang und teilt die Bildschau – ergänzt durch beeindruckende Filmsequenzen – in drei Kapitel, nämlich: Kindheit und Jugend – Natur und Abenteuer – Lebens-Philosophie. Immer wieder betont er im Ausloten von „Abenteuer“ das Wechselspiel von Naturgesetz und Menschennatur.

Zu Beginn beim „Üb Erleben“ berichtet Messner aus seiner Kindheit, von Heimat und Wachsen von Selbstvertrauen, von der Mutter, die die Freiheitssuche trotz ihrer unausgesprochenen Ängste gewähren lässt. Er setzt „Freiraum / Verantwortung“ als Bezugspaar, ebenso „Angst / Mut“, „Tod / Wiedergeburt“, „Instinkt / Moral“. Messner ist längst im zweiten Kapitel, in dem er über den „modernen Alpinismus“ spricht („Erst mit der Erstbesteigung des Mont Blanc beginnt der moderne Alpinismus.“ - „Wir gehen freiwillig dorthin, wo man umkommen könnte, um nicht umzukommen.“) Folgerichtig lässt er sein eigenes Drama am „Killerberg“ Nanga Parbat nicht unerwähnt, an dem sein Bruder Günther zu Tode gekommen ist.

Man mag im Panorama seiner Berichte zu den Expeditionen und Einzeltouren den Begriff „Demut“ vermissen, er spricht ihn nicht aus, aber Demut ist spürbar: Als nach 35 Jahren am Gletscherrand die Leiche seines Bruders Günther gefunden wird und Reinhold eine Feuerbestattung organisiert, spendet er vor Ort eine Schule, das gelingt zunächst nur für die Jungen („Wir sind in einem muslimischen Land.“), er baut den Einheimischen Brücken und hilft ihnen nach einem Talibanüberfall. Er brandmarkt die indisch-pakistanische Irrsinnsfront, die seit 1884 auf den Berggipfeln errichtet ist.

Nach der Pause erläutert Reinhold Messner sein Weltverständnis; das ist zunächst das Verstehen der einheimischen Bevölkerung unter diesen „heiligen Bergen“. „Du musst den Menschen immer in Augenhöhe begegnen!“ Das Publikum blickt in Großaufnahmen in die fremden, doch nahen Gesichter. Messner warnt vor der Zerstörung der Berge durch die globale Klimaerwärmung. In seinen sechs Museen in Südtirol hat er die einerseits noch archaische Welt zusammengetragen, andererseits ausgesuchte Kultur- und Kunstzeugnisse ausgestellt.

Zum Schluss geht es ihm um „Verzicht / Schicksal“. Das Publikum erfährt vom „Himmelsbegräbnis“ mit Geiern im Himalaya. Die Bilder sind schwerer zu verarbeiten als die Vorstellungen von Feuerbestattungen. Messner setzt „Gott / Sinn / Glück“ in Bezug, relativiert aber, indem er auf Hölderlin verweist: „Der spricht auch immer vom Göttlichen, nicht von Gott!“

Zum Lebensprozess gehört auch das Loslassen: Der inzwischen 70jährige hat in den vergangenen Jahren die Funktion des Bergführers in die Hände seines Sohnes gelegt, dem er gerne folgt. Reinhold Messner erhält vom Publikum beim Seesener Kulturforum anerkennenden, zustimmenden und dankbaren langen Applaus.

Joachim Frassl