Rittergut Kirchberg: Wahrheit und Dichtung

Das Rittergut Kirchberg, gelegen zwischen Wäldern und Gewässern aus der Vogelperspektive.

Georg von Petersdorff-Campen hält Vortrag über die Geschichte des Ritterguts

Der Harzklub-Zweigverein Seesen hatte zum Vortrag „Das Rittergut Kirchberg im Wandel der Zeit“ eingeladen.

Wer hätte diesen besser halten können, als der im Altenteil lebende Vorbesitzer des Gutes, Georg von Petersdorff-Campen? Schon eine viertel Stunde vor Beginn waren alle aufgestellten Stühle im Harzklubraum des Bürgerhauses besetzt, und es mussten noch laufend weitere Sitzgelegenheiten geschaffen werden. Als es dann so weit war, dass der Vortrag beginnen konnte, hatten sich nahezu achtzig Besucher eingefunden, um zu erfahren, was vom Rittergut Wahrheit und Legende ist. Dem Kulturwart Klaus Schilling konnte man seine Freude bei der Begrüßung ansehen, dass der Vortrag eine solch große Resonanz gefunden hatte.
Der schon über achtzig Jahre alte Georg von Petersdoff-Campen hielt einen lebendigen Vortrag, der damit begann, wie schon die Germanen in unserer Gegend lebten. Dabei verzichtete der Referent auf alle technischen Hilfsmittel. Seine kräftige und klare Stimme erfüllte auch ohne diese den Raum. Als gegen Ende des 8. Jahrhunderts die Franken vom Süden her bis an den Westrand des Harzes vorrückten, war zwar die Christianisierung der Germanen ihr erstes Ziel, doch sollte der Wunsch nach der eigenen Machterweiterung auch nicht übersehen werden. Historiker und Heimatforscher, von denen er einige nannte, waren sich einig, dass erst bei der fränkischen Landnahme die ersten Siedlungen, Befestigungen und Kirchen in unserer Gegend entstanden. Die erste Befestigung in der Kirchberger Umgebung im damals noch sumpfigen Markautal müssen wir uns als eine mit Palisaden umwehrte, vorstellen. Der Name der ersten, gleichfalls in Holzkonstruktion errichteten Kirche im Ort, war dem typisch fränkischen Heiligen St. Martin gewidmet.
Es wurde auch ein Wirtschaftshof, der erste Vorläufer des Gutes, benötigt, der die Versorgung der Menschen in dieser Gegend gewährleistete. Die auf ihm wohnende Adelsfamilie (Ritter) stand in Abhängigkeit zum Landesherren, in diesem Fall zu den Franken.
Durch die Reichsteilung ging der Grundbesitz dann auf die Liudolfinger über, ein in Brunshausen ansässiges sächsisches Adelsgeschlecht. Unter den Liudolfingern, die etwa 100 Jahre lang die deutschen Könige und Kaiser stellten (unter anderem die Ottonen), erhielt Gandersheim den Status eines Reichsstiftes. Im Jahre 1206 unterzeichnete Papst Innocenz III. eine erste Urkunde, die Kirchberg nannte. Sie besagt, dass „Kerechberg“ dem Reichsstift zugeordnet ist. Laut dem Referenten gilt es als sicher, dass schon die deutschen Kaiser in der Ottonenzeit Kirchberg als Pfalz oder Königshof bei ihren Reisen nutzten. Als erste namentlich genannte Burgherren erscheinen gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Freden als Vasallen des Stiftes Gandersheim.
1225 treten dann die Mönche vom Kloster in Walkenried in Erscheinung, die von dem inzwischen wüst gewordenen Immedehusen, was zwischen dem Törenberg und der Domäne Fürstenhagen angesiedelt war, tätig wurden. Sie verhütteten entlang der Wasserläufe vom Pandelbach, der Markau und der Nette Erze aus dem Harz und aus dem Rammelsberg bei Goslar. Die Fredens unterstützten die Mönche dabei nach ihren besten Kräften, indem sie ihnen den für ihr Vorhaben benötigten Grundbesitz verkauften, aber auch finanziellen Nutzen aus der Verhüttung der Erze zogen. Mindestens 200 Jahre lang bestimmten die Fredens das Geschehen von Kirchberg und dessen Umgebung.
Die Lehnsherrschaft war inzwischen bei den Welfen gelandet. Von der Wolfenbüttler Linie zu der Göttinger – hier fragte Georg von Petersdorff-Campen den Kulturwart, ob dieser sich als Otto der Einäugige noch an diese Zeit erinnern könne, was dieser bejahte – und wieder zurück.
Die belehnten danach das Gut an die Herren von Salder. Von diesen kaufte dann die auf der Staufenburg als Witwe lebende Herzogin Elisabeth 1518 das Gut und übergab es ihrem Enkel Herzog Heinrich den Jüngeren zu Braunschweig.
Schon 1525 verkaufte dieser es dann wieder für 1500 rheinische Goldgulden, allerdings auf Wiederkauf, dem Bergkaufmann Wolf Sturz, wobei ihm wegen dessen Verdienste aber 500 Gulden erlassen wurden. Von der Witwe Sturz kaufte der Herzog das Gut vor 1542 zurück und verpfändete es an den Berghauptmann Justus Busch. Jetzt senkt sich etwas Nebel auf das Geschehen, denn aus Kirchenakten geht hervor, dass 1545 ein Jörg Ravensberg der Besitzer von Gut und Burg war. Doch schon zwei Jahre später endete diese Herrschaft. 1547 wird wieder Justus Busch als Herr über Gut und Dörfer genannt. Der wegen seiner Weigerung das Braunschweiger Land evangelisch werden zu lassen, in die Verbannung geschickte Herzog, war zurückgekommen. Wahrscheinlich hängt dieses auch mit der Rückkehr von Busch zusammen. Herzog Heinrich der Jüngere begann eine Liebesaffäre mit der adligen Eva von Trott, die Kammerzofe der Herzogin am Hof in Wolfenbüttel war.
Insgesamt zehn Kinder entsprangen dieser Verbindung, die allesamt heimlich auf der Staufenburg geboren wurden. Vorweggegangen war eine der größten Possen im späten Mittelalter. Der Herzog arrangierte einen scheinbaren Pesttot der Eva von Trott und ihre Beerdigung in einer Gandersheimer Kirche. In Wirklichkeit wurde aber eine Puppe zu Grabe getragen und die Geliebte verschwand unerkannt zur Staufenburg.
Alle Kinder erhielten den Zunamen „von Kirchberg“. Die drei Söhne Heinrich Theuerdank, Eitel Heinrich und Karl Heinrich erhielten dann den Kirchberger Grundbesitz. Weil sie aber ohne männliche Nachkommen blieben, fiel der Besitz wieder an die herzogliche Kammer und wurde von dieser auch verwaltet. Hier endete Georg von Petersdorff-Campen seinen Vortrag mit dem Hinweis, demnächst den zweiten Teil folgen zu lassen. Ein vorgesehener Termin im Herbst 2015 schien den meisten der Besucher aber zu weit entfernt. Deshalb wollen der Harzklub und der Referent versuchen, einen Nachfolgetermin noch für dieses Jahr zu finden.
Anschließend stellte sich der Referent noch den zahlreichen Fragen des Publikums, die hauptsächlich nach Problemen bei der Verhüttung und nach den verschieden Arten der Lehen eingingen. Lang anhaltender und kräftiger Beifall dankten dem Kirchberger Gutsherren schließlich für seine Ausführungen.