Rollstuhltest zeigt die Schwachstellen auf

Insgesamt 16 angehende Physiotherapeuten testeten die Seesener Innenstadt mit dem Rollstuhl.
 
Per Knopfdruck öffnet sich die Tür im Bürgerhaus.
 
Die City-Tester auf dem Weg ins Städtische Museum, wo deutlich wurde, wie...

Physiotherapie-Schüler testen Innenstadt und stellen Ergebnisse dem Bündnis für Familie zur Verfügung

Wer gut zu Fuß ist, dem werden die Barrieren kaum auffallen. Hohe Treppenstufen, schwer zu öffnende Türen, oder solche, die zu eng sind, um diese mit dem Rollstuhl zu passieren.

Wie behindertengerecht ist die Seesener Innenstadt? Dieser Frage gingen jetzt 16 Schülerinnen und Schüler der Medizinischen Akademie für Physiotherapie nach. Stellvertretend für den Kurs haben Ann-Kristin Bauch, Lea Krupp, Jasmin Petersen, Anna Rentzsch und Sandra Tomczak ihre Erfahrungen zusammengefasst, die übrigens gleich von mehreren Institutionen zur Verbesserung der Barrierearmut genutzt werden.
Besucht wurde von den erwähnten Schülern das Kleidungsgeschaft NKD, die Sparkasse, Rossmann, das Bürgerhaus und das Museum in Seesen. „Der Weg zu NKD war durch eine kleine Rampe gut zu erreichen. Da viele kleine Tische mit Dekoration dicht aneinander standen, gab es Probleme mit dem Rollstuhl zu fahren. Außerdem waren an manchen Gängen auch Gegenstände auf dem Boden verteilt und erschwerten zusätzlich die Fahrt. Kleiderstangen und andere Artikel waren dagegen gut zu erreichen und gut zugänglich“, berichtete die Gruppe im Nachklang.

Landessparkasse, Rossmann, Bürgerhaus und Museum in Augenschein genommen

Den Weg zur Sparkasse konnten die Schüler mit den Rollstühlen gut passieren. Neben dem Eingang der Treppe befindet sich ein kleiner Fahrstuhl, der auch noch ein wenig Raum für eine Hilfsperson hat.
Innerhalb der Sparkasse stellte sich aber das nächste Problem: die Automaten. „An sich von der Höhe akzeptabel, jedoch ist für kleinere Menschen im Rollstuhl die Tastatur etwas schwerer zu erreichen“, so die Meinung der Schüler. Durch diesen Test konnten sie feststellen, dass die Sparkasse auch an Menschen mit Bewegungseinschränkung gedacht hat. Diese Thematik hat sich ohnehin bald erledigt, da die Landessparkasse bekanntlich in das neue Gebäude an der Stelle des ehemaligen Meinecke-Centers einziehen wird..
Der Weg zum Drogeriemarkt Rossmann erwies sich da schon eher als schwieriger. Durch den leichten und konstanten Anstieg, den die Jacobsonstraße aufweist, habe man zu spüren bekommen, wie viel Kraft ein Rollstuhlfahrer in den Armen haben muss, wenn er sich völlig auf sich alleingestellt in Seesen bewegen möchte.
Hat man Rossmann erreicht, steht man skeptisch vor einer steilen Rampe, die die wenigen Stufen ersetzen soll. Die ersten Versuche dort selbstständig hin­aufzugelangen scheiterten kläglich. „Nur mit eigenem Kraftaufwand und zwei Hilfspersonen gelangt man über die viel zu steile Rampe und konnte den Laden befahren“, wussten die Schüler zu berichten.
Im Laden selbst hatten sie viel Freiraum und konnten sich gut zwischen den Verkaufsregalen fortbewegen. Der Weg hinaus, vor allem die Rampe wieder hinunter, gestaltete sich erneut problematisch. Diesmal genügten zwar eine Person und das Benutzen der an dem Rollstuhl angebrachten Bremsen – als Rollstuhlfahrer fühlt man sich jedoch mehr als unbehaglich, da man das Gefühl hatte, man fällt aus dem Rollstuhl oder die Griffe rutschen der Hilfsperson aus der Hand und man rollt mitten auf die Straße.
Der Weg zum Bürgerhaus war für die Schüler im Rollstuhl leicht zu bewältigen, allerdings durch kleine Steine sehr holprig. Durch einen Druckknopf konnten die City-Tester leicht die Tür zum Bürgerhaus öffnen.
Der Weg zum Museum war ebenso relativ leicht zu bewältigen. Im Museum konnten sich die Schülerinnen und Schüler gut bewegen, obwohl manche Durchgänge etwas zu schmal waren.
Des Weiteren, und auch das testeten die angehenden Physiotherapeuten, verfügt das Museum über behindertengerechte Toiletten, die geräumig und angemessen zu erreichen sind. Das Museum verfügt zudem über einen separaten Eingang für Rollstuhlfahrer, der sich hinter dem Museum befindet. Diesen Weg zu passieren ist etwas schwierig, da man einen kleinen Anstieg bewältigen muss. Alles in allem ist das Museum sehr gut für Rollstuhlfahrer zu passieren und gut ausgestattet, was den Aufenthalt für Rollstuhlfahrer erleichtert und mit Spaß verbunden wird.
Was also durften die Schüler insgesamt festhalten? Die Probleme fangen nicht erst bei nahezu unüberwindbaren Rampen, schweren Türen oder nicht erreichbaren Artikeln und Knöpfen an, sondern schon bei der Beschaffenheit der Straße.
Als Rollstuhlfahrer merkt man noch so kleine Neigungen und muss stetig Gegenlenken, was nach einiger Zeit enorm anstrengend ist. Hilflosigkeit war das dominierende Gefühl, das die Schüler als Rollstuhlfahrer hatten. Wollte man das Duschgel aus einem der oberen Regale, ein an der Wand ausgehängtes Handtuch oder wenigstens den Aufzug im Bürgerhaus verlassen – man war auf die Hilfe anderer angewiesen.

Treppen, Bordsteine und steile Rampen sind die Feinde der Rollstuhlfahrer



Treppen, hohe Bordsteine und steile Rampen erweisen sich als die natürlichen Feinde eines Rollstuhlfahrers. Gerade Treppen sind ein unüberwindbares Hindernis und schränken die Fläche, die man als Rollstuhlfahrer befahren kann stark ein.
„Man fühlt sich eingesperrt oder zumindest im Bewegungsraum gehindert. In einem solchen Fall ist man froh, wenn man beispielsweise enttäuscht vor einer langen Treppe im Museum steht, obwohl man gern die Ausstellung im oberen Stockwerk ansehen würde, und erfährt, dass man durch eine Rampe, die außen an der Hauswand entlangführt, doch die Möglichkeit hat, das obere Stockwerk zu befahren“, berichtete ein Schüler der Gruppe.
Die erwähnten Geschäfts- und städtischen Gebäude zeigen trotz aller Bemühungen die Schwierigkeiten, mit denen sich Rollstuhlfahrer in der Stadt Seesen ausein­andersetzen müssen. Oft, so merkt Andrea Birkner, Leiterin der Schule für Physiotherapie in Seesen, reicht ein Hinweisschild schon aus, um den Rollstuhlfahrern das Leben leichter zu machen. Neben den erwähnten Geschäften und Einrichtungen wurden auch die Post, der Bahnhof, das Markthaus, das Café Sieben Türme, das Rathaus und das Geschäft Family in Augenschein genommen,
Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellt die Schule jetzt unter anderem dem Stadtmarketing zur Verfügung, auch die Arbeitsgruppe Auskunft, Bildung und Beratung des Bündnisses für Familie will sich mit dem Thema Barrierearmut beschäftigen und greift daher gern auf die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler zurück.