RWE-Tochter „eprimo“ drängt Kunden Verträge auf

Immer mehr Verbraucher werden am Telefon oder an der Haustür von falschen Energieberatern und vermeintlichen Billiganbietern zum Versorgerwechsel gedrängt. Verbraucherzentrale mahnt zur Vorsicht. (Foto: Strache)
 
„Von dieser Telefonakquise ist mir nichts bekannt. Wir sind sehr darauf bedacht die rechtlichen Rahmenbedingungen einzuhalten.” Jürgen Rauschkolb Unternehmenssprecher der „erpimo GmbH“. (Foto: bo)

20-jährige Seesenerin wurde von Telefonanruf kalt erwischt / Harz Energie registriert immer mehr Beschwerden / „eprimo“ wehrt sich

Von Maximilian Strache, Seesen

Unerwünschte Telefonanrufe, so genannte „Cold Calls“, sind eigentlich verboten. Doch die RWE-Tochter, den Energiediscounter „eprimo“, scheint das wenig zu stören. Eine 20-jährige Seesenerin ist auf die vermeintliche Überrumpelungs-Taktik der Telefonverkäufer reingefallen und fürchtet nun, viel Geld für ihre Gutgläubigkeit zahlen zu müssen. Dabei ist der Telefonanruf nur die Spitze des Eisbergs, denn vor allem das Zustandekommen des Vertrages, lässt Zweifel an den Geschäftsmethoden des Energiediscounters aufkommen.
Katrin Kleebaum (Name v. d. Red. geändert) ist angehende Krankenschwester. Zusammen mit ihrem Freund wohnt sie in Seesen. Bisher bezog sie ihren Strom von der Harz Energie. Vor etwa drei Monaten erhielt die Auszubildende einen Anruf von einer Telefonverkäuferin, die erklärte, sie würde im Auftrag der Firma „eprimo“ handeln und könnte helfen, einen günstigeren Stromtarif zu ermitteln. Dafür benötige sie nur die aktuellen Verbrauchsdaten sowie den Namen des aktuellen Versorgers. Nach Übermittlung der Daten errechnete die Telefonistin einen deutlich günstigeren Tarif, der bei etwa 50 Euro pro Monat liege. Auf den Einwand der jungen Seesenerin, dass sie bei der Harz Energie gegenwärtig nur 40 Euro als monatlichen Abschlag zahlen würde, reagierte die Verkäuferin mit dem Hinweis, dass die Harz Energie die monatlichen Abschläge zu niedrig angesetzt habe und sie deshalb mit einer deutlich höheren Nachzahlung rechnen müsse.
Überzeugt von den Argumenten der Call-Center-Mitarbeiterin signalisierte die junge Frau Interesse. Um ein schriftliches Vertragsangebot zu bekommen, so die Verkäuferin, müsse sie lediglich eine Bestätigungs-SMS mit „Ja“ beantworten. Diese SMS diene, so wurde es Katrin Kleebaum erklärt, dem Zweck den Vertrag mit dem alten Lieferanten, der Harz Energie, kündigen zu dürfen, sobald der neue Vertrag mit „eprimo“ unterschrieben zurück gesendet wurde. Als zusätzlichen Hinweis wurde Kleebaum mitgeteilt, dass der Vertrag nichtig sei, sofern dieser nicht innerhalb einer Frist von vier Wochen nach Erhalt unterzeichnet zurückgesendet wurde.
Nach wenigen Tagen landete das Vertragswerk im Briefkasten. Katrin Kleebaum verzichtete auf eine Unterschrift und lies das Angebot, in dem Glauben. in einer Schublade verschwinden, dass es so zu keinem gültigen Vertragsabschluss komme.
Am 28. Juni teilte die Harz Energie mit, dass der bestehende Vertrag gekündigt wurde. Aufgeschreckt von dieser Nachricht fiel Kleebaum ein, dass einige Tage zuvor ein Brief von „eprimo“, den sie für Werbung hielt, zugestellt wurde. Beim Lesen des Briefes musste sie feststellen, dass es sich bei dem Schreiben um eine Auftragsbestätigung handelte, und sie bei „eprimo“ als Kunde geführt wird. Weiter wurde mitgeteilt, dass die erste Abschlagszahlung am 15. Juli vom Konto eingezogen wird.

„Es wurden keine Kontodaten bekannt gegeben“

Katrin Kleebaum beteuert, keinen Vertrag unterschrieben, keine Kontodaten bekanntgegeben, geschweige denn eine Einzugsermächtigung erteilt zu haben. Auf telefonische Nachfrage wurde ihr dann eröffnet, dass ein Vertrag mit Beantwortung der Bestätigungs-SMS zustande gekommen sei. Über die Herkunft der Kontodaten konnte die sehr kurz angebundene Service-Mitarbeiterin keine näheren Angaben machen.
Eprimo-Unternehmenssprecher Jürgen Rauschkolb kann sich diese ganzen Vorgänge überhaupt nicht erklären. Auf Nachfrage des „Beobachter“ sagte Rauschkolb: „Ich will nicht leugnen, dass uns Fehler unterlaufen. Von dieser Telefonakquise ist mir aber nichts bekannt. Vor allem kann ich mir überhaupt nicht erklären, woher die Kontodaten stammen, wenn diese nicht bekanntgegeben wurden.“
Der Vorwurf, die RWE-Tochter bediene sich unlauterer Geschäftsmethoden, ist indes nicht neu. „Der Westen“ (Das Internet-Portal der WAZ Mediengruppe) berichtete in einem Artikel vom 16. September 2010 bereits über Verkaufsgespräche am Telefon sowie undurchsichtiger Vertragsabschlüsse. Das gleiche Bild in einer Pressemitteilung der Verbrauchzentrale Rheinland-Pfalz vom 24. Februar 2010. Dort warnten die Experten ebenfalls vor unseriösen Stromvertragsangeboten am Telefon. Die Vorgehensweise, die in der Mitteilung der rheinland-pfälzischen Verbraucherschützer beschrieben wird, deckt sich mit der Beschreibung der jungen Seesenerin. Rauschkolb zu den Vorwürfen: „Das liegt über zwölf beziehungsweise sechs Monate zurück. Wir haben an vielen Stellen nachgebessert. Unsaubere Methoden werden bei uns nicht geduldet. Wir sind strengstens darauf bedacht, die rechtlichen Rahmenbedingungen einzuhalten. Wir werden der Sache in jedem Fall nachgehen.“
Ilsemarie Luttmann von der Osteroder Beratungsstelle der Niedersächsischen Verbraucherschützer hat bisher keine Kenntnis von ähnlichen Fällen. „Die Firma „eprimo“ ist bei uns bisher nicht negativ aufgefallen, was nicht heißen soll, dass es sich zwingend um einen Einzelfall handelt.“ Bekannt sind der Verbraucherschützerin die Methoden dubioser Energieanbieter indes schon. Es geht dabei um die Sorte Berater, die bevorzugt älteren Menschen, Gas- und Stromverträge an der Haustür andrehen. Die Harz Energie machte auf die zwielichtigen Geschäftemacher, die vornehmlich im Landkreis Goslar ihr Unwesen treiben, bereits Anfang Juni 2011 aufmerksam. In einer entsprechenden Mitteilung wurde jedoch davon gesprochen, dass sich die Energieberater als Mitarbeiter der Harz Energie ausgeben. Von Akquise-Versuchen der RWE-Tochter ist bisher keine Rede gewesen.

„Aus Cold Calls können Veträge entstehen“

Grundsätzlich, das sagt Luttmann, können über „Cold Calls“ Verträge zustande kommen. Bei diesen sogenannten Fernabsatzgeschäften sind die Verträge zunächst schwebend unwirksam. „Bei dem Schreiben, was die betroffene Seesenerin erhalten hat, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Widerrufsrecht von 14 Tagen aufmerksam gemacht – die so genannte Widerrufsbelehrung. Hat sie davon trotz Kenntnisnahme keinen Gebrauch gemacht, könnte der Vertrag wirksam geworden sein“, skizziert Luttmann die juristische Lage. Weiter warnt die Expertin generell mit Nachdruck davor, überhaupt persönliche Daten am Telefon bekanntzugeben.
Jürgen Rauschkolb signalisierte, mit den Vorwürfen konfrontiert, die uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft des RWE-Tochterunternehmens: „Der Kundin soll kein finanzieller Schaden aus diesem Vorgang entstehen. Wir werden die Vertragsmodalitäten selbstverständlich rück-abwickeln. Es soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass wir unsere Vertragsabschlüsse auf diese Weise generieren.“
Gabriele Peters, Pressereferentin der Verbraucherzentrale Niedersachsen (Hannover), weiß auch von Beschwerden über „eprimo“. In Stade, bei Bremen, gab es vor einigen Monaten eine größere Reklamation. Trotz fristgerechten Widerrufs kam es dort zum Vertragsabschluss mit dem Energieanbieter. „Erst nach gut sechs Monaten, so Peters, konnten die Verträge mit Hilfe der Verbraucherzentrale Stade storniert werden“. Die Schluss- rechnung dieser Odyssee wird am 31. Juli erwartet. Erst dann kann der gebeutelte Verbraucher einen Schlussstrich unter die Angelegenheit ziehen.

„Beschwerden der Kunden häufen sich“

Katharina Gräfe, von der Harz Energie erklärte gegenüber dieser Zeitung, dass sich die Beschwerden der Kunden häufen. „Kunden würden mit zum Teil rüden Methoden an der Haustür oder am Telefon zum Versorgerwechsel aufgefordert. Gerade in den letzten Wochen haben sich gleich mehrere Kunden gemeldet, die von falschen Energieberatern oder vermeintlichen Billiganbietern an der Haustür oder am Telefon zum Abschluss von Strom- und Gasverträgen gedrängt wurden“, bestätigt Gräfe. Dabei wird offensichtlich, so die Erfahrung der Harz Energie, auch nicht vor dreisten Lügen zurückgeschreckt. Bei Preisvergleichen werden so beispielsweise falsche Preise des örtlichen Energieversorgers herangezogen. Eine Einschätzung, die kongruent zu den Erfahrungen von Katrin Kleebaum sind.
Die Harz Energie bietet an, Kunden die ungewollt einen Versorgerwechsel beauftragt haben, können sich kostenlos vom Harz Energie-Kundenservice in Seesen, Bahnhofsplatz 2, beraten lassen. Weiter betont die Harz Energie keine Daten an Dritte weiterzugeben.