Schmaler Grat zwischen Tierquälerei und Erlösung

Verfahren gegen zwei Rhüdener Jäger (65 und 70) gegen hohe Geldauflage eingestellt

Einen kniffligen Fall vermeintlicher Tierquälerei hatten am Mittwoch Strafrichter Frank Rüger und Oberstaatsanwalt Dr. Hans-Christian Koch vor dem Seesener Amtsgericht zu bearbeiten.

Der Fall hatte schon im Vorfeld der Verhandlung für Gesprächsstoff im Stadtgebiet gesorgt, weshalb sich die beiden Angeklagten, zwei Rhüdener Jäger (65 und 70 Jahre alt), wohl dazu entschlossen hatten, sich bei der Verhandlung von ihren Anwälten vertreten zu lassen. Auch aus Angst vor möglichen Tierschützern mieden die beiden Männer den Weg ins Gericht, wie der Anwalt des 65-jährigen Angeklagten ausführte.
Den beiden Rentnern, die das Jägerhandwerk schon seit mehreren Jahrzehnten ausüben, wurde von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, einen Fuchs am 16. April vergangenen Jahres in Rhüden beim Versuch ihn zu betäuben, brutal misshandelt und somit gegen das Tierschutzgesetz verstoßen zu haben.
Die Männer wurden von einer besorgten 26-Jährigen zur Hilfe gerufen, die zusammen mit ihrer Mutter am Morgen einen vermutlich an Staupe erkrankten Fuchs in ihrer Garageneinfahrt entdeckten.
Der Fuchs hatte sich auf das Grundstück der Familie verirrt und sah laut Aussage der 26-jährigen Zeugin ziemlich mitgenommen aus. Nach einigen Anrufen im Freundes- und Bekanntenkreis erhielt die junge Heilerziehungspflegerin die Nummer des 70-jährigen für den Bereich Rhüden zuständigen Jagdpächters und griff zum Telefon. Der ehemalige Landwirt und passionierte Jäger erklärte der Anruferin, dass er noch einen Kollegen hinzuziehen werde und in Bälde vor Ort einträfe.
Kurze Zeit nach dem Anruf erschienen die beiden Männer und mutmaßten sofort, dass der Fuchs krank sei, da er keinerlei Fluchtreflexe zeigte und sich nur mit einem leichten Fauchen äußerte.

Fuchs wurde mit Kantholz auf den Kopf geschlagen

Aus ihrem Kofferraum holten sie jeweils ein Kantholz. Der 70-jährige Jagdpächter nahm daraufhin die 26-Jährige zur Seite und erklärte, dass sein 65-jähriger Begleiter dem Fuchs nun einige Schläge auf den Kopf verpassen werde. Mit der jungen Frau unterm Arm verzog sich der Jagdpächter in eine etwa fünf bis sechs Meter entfernte Ecke. Dort drehten sie dem Geschehen den Rücken zu.
Was dann passierte kann mit Worten kaum beschrieben werden. Die Grausamkeit der Tat muss die 26-jährige Zeugin derart nachhaltig schockiert haben, dass sie auch mehr als ein Dreiviertel-Jahr nach dem Geschehen im Zuge der Vernehmung in Tränen ausbrach.
Mit ihren Ohren vernahm sie, wie sie vor Gericht glaubhaft schilderte, die dumpfen Schläge auf den Kopf des Tieres, und beobachtete das Geschehen zusätzlich aus dem Augenwinkel. Nach ihrer Aussage schlug der 65-Jährige sechs- bis siebenmal auf das wehrlose Tier ein, bis das Blut an Haus- und Schuppenwand spritzte.

Das Tier blutete aus Ohren und Schnauze

Als sich der Fuchs nicht mehr regte, aber noch atmete und aus Ohren, Nase und Schnauze blutete, packten die Männer das Tier in einen Sack und brachten es in ein Waldstück nord-westlich von Rhüden. Dort erlegten sie den ramponierten Fuchs mit einem gezielten Schuss.
Die Anwälte der beiden Angeklagten beteuerten in deren Namen, wie unglaublich Leid ihnen dieser Vorfall täte; vorsätzliche Tierquälerei beziehungsweise der Vorwurf eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetzes wie von der Staatsanwaltschaft behauptet, wiesen die Verteidiger jedoch zurück.
Für besondere Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der Geschehnisse sorgte der Umstand, dass die beiden Männer bei ihrer Vernehmung durch die Polizei angaben, dass beide auf das Tier eingeschlagen hatten, um es zu betäuben. Dies bestätigte die Zeugin jedoch nicht, sondern erklärte, dass es nur der 65-jährige verrentete Kraftfahrer gewesen sei, der mit dem Kantholz auf den Kopf des Tieres eindrosch.
In einem Erklärungsversuch zitierte der Anwalt des 65-Jährigen aus einem Buch für Jagdkunde. Dort wird beim Umgang mit erkrankten Füchsen empfohlen, dem Tier einen gezielten Schlag auf die Nase zu verpassen. Dadurch würde das Tier betäubt, und könnte schließlich mit einem Schuss von seinen Leiden befreit werden.
Oberstaatsanwalt und Richter konnten im Zuge der Vernehmung nicht so ganz fassen, warum der 70-Jährige seinem Kompagnon beigesprungen war, und in der polizeilichen Wahrnehmung angegeben hatte, ebenfalls mit dem Kantholz auf das Tier eingeschlagen zu haben. Die glaubhafte Schilderung der Zeugin hatte diese Behauptung für Richter und Staatsanwalt auf jeden Fall eindeutig widerlegt.
Deshalb lag die Vermutung nahe, dass sich die beiden Jäger gegenseitig ein wenig entlasten wollten. Laut Aussage des Oberstaatsanwaltes sei es nämlich ein gehöriger Unterschied, ob man ein Tier, das man zweifelsohne von seinem Leid erlösen möchte, einmal oder gleich mehrfach schlägt. „Bei drei Schlägen muss man schon von bedingtem Vorsatz sprechen, doch je mehr Schläge es werden, desto näher sind wir an einer Straftat dran“, so die unmissverständliche Einordnung von Dr. Koch.

Verfahren gegen die Jäger wird eingestellt

Für die Angeklagten endete das Verfahren dennoch äußerst glimpflich. Unter der Auflage, jeweils 2000 Euro zu zahlen, wurde das Verfahren gegen die Männer eingestellt. Als Grund dafür nannte Richter Rüger die Tatsache, dass nicht genau ergründet werden könne, ob der Fuchs nicht schon nach zwei Schlägen bewusstlos war, und von der weiteren Gewalt nichts mehr spürte. Zudem sind die Männer zuvor noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten, und haben sich auch nichts im Zuge ihrer langjährigen Jagdausübung zu Schulden kommen lassen.
Das Geld haben die Rhüdener Jäger binnen sechs Monaten jeweils zur Hälfte an die Landeskasse und den NABU-Niedersachsen zu zahlen.
Beide Anwälte beteuerten zum Schluss nochmals, dass es ihren Mandanten äußert Leid tue. Sie hätten das Tier nicht quälen, sondern vielmehr von seinen Qualen befreien wollen. Dass dieses Vorhaben deutlich schief ging, sei ihnen bewusst.