„Seesen ist der musikalische Nabel der Welt“

 

Ausstellungseröffnung, informative Konzerteinführung und ein musikalischer Brückenschlag

Von Sandy Heinzel, Seesen


Paris – London – Moskau – Seesen. Jemanden, der diese drei Weltmetropolen in einem Atemzug mit der kleinen Vorharzstadt Seesen nennt, hätte man bislang wohl für verrückt erklärt. Wer allerdings bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend anwesend war, weiß, dass zumindest Moskau und Seesen etwas ganz Besonderes verbindet: Wilhelm Karl Friedrich Fitzenhagen.
Der Name von Wilhelm Karl Friedrich Fitzenhagen ist heute eher Kennern bekannt. In seiner Zeit genoss er allerdings als hervorragender Interpret und Cello-Professor am Moskauer Konservatorium international großes Ansehen. Der heute stark in Vergessenheit geratene deutsche Künstler Wilhelm Karl Friedrich Fitzenhagen wurde am 15. September 1848 als Sohn des städtischen Musikdirektors in Seesen im Herzogtum Braunschweig geboren.
Am Mittwochabend wurde eine Ausstellung des Allrussischen Museumsverbandes für Musikkultur Glinka im Rahmen der Durchführung des „Kreuzjahres Russland-Deutschland 2012/2013“ im Städtischen Museum in Seesen eröffnet. Erik Homann, Bürgermeister der Stadt Seesen, begrüßte zahlreiche Gäste zur Ausstellungseröffnung und begann sogleich mit einem Geständnis: Denn bis vor einigen Jahren war auch er noch völlig unwissend, wer Fitzenhagen eigentlich war. Die Renovierung des Museums befreite ihn aus der Ahnungslosigkeit. Auf wesentlich charmantere Art und Weise sollte auch Anna Polyak der Geburtsstadt des Cellovirtuosen auf die Sprünge helfen.
Als Anna Polyak mit 25 Jahren nach Deutschland kam, begann sie mit ihren Recherchen über ihren Ur-ur-Großvater, den sie bislang nur aus nahezu märchenhaften Geschichten kannte. Für sie sollte sich eine neue Welt eröffnen, denn sie wurde schließlich in Moskau und Seesen fündig und begeisterte den Generaldirektor des Allrussischen Museumsverbandes M.I. Glinka, Mikhail Bryzgalow, in Moskau für ihre Idee, eine Ausstellung über ihren Vorfahren auf den Weg zu bringen.
Bereits Anfang des Jahres war Bryzgalow nach Seesen gereist, um sich auf die Spurensuche von Fitzenhagen zu begeben. Auch am Mittwoch hatte Mikhail Bryzgalow den weiten Weg nach Seesen gefunden – und im Gegenteil zu Erik Homann wusste er natürlich ganz genau, wer Wilhelm Karl Friedrich Fitzenhagen war. Denn die Exponate – Scanbilder von Fitzenhagens Familie, Noten und persönliche Dokumente –, die in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, gehören dem Moskauer Museum. Doch das sollte sich noch an diesem Abend ändern: Das Glinka Museum feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Und „weil es schön ist, nicht nur beschenkt zu werden, sondern auch selber zu schenken“, so Mikhail Bryzgalow, wechselten die Exponate am Mittwoch ihren Besitzer. Die Stadt Seesen ist somit nicht nur um eine gute Freundschaft und einen Sohn reicher – sondern auch um eine Ausstellung im Städtischen Museum. Kein Wunder also, dass Homann am Ende seiner Begrüßung, Seesen mit einem Augenzwinkern als „musikalischen Nabel der Welt“ bezeichnete.
Wirklich rund wurde der Abend im Anschluss nicht nur durch die informative Einführung durch Martin Weller, Orchesterdirektor des Braunschweiger Staatsorchesters, sondern auch durch das Konzert in der St.-Andreas-Kirche, mit dem ein musikalischer Brückenschlag vollzogen wurde. Mit dem romantischen 2. Cellokonzert von Wilhelm Fitzenhagen erklang eine technisch überaus anspruchsvolle Komposition, die auch das kompositorische Talent des Ausnahmekünstlers belegte. Zudem waren die berühmten Rokoko-Variationen von Peter Tschaikowsky zu hören, die dieser für seinen Freund Fitzenhagen komponierte und ihm zueignete.
Der junge, ungewöhnlich talentierte und überaus musikalische Cellist Anton Pavlosky war an diesem Abend Interpret beider Kompositionen, die lange Zeit als „unspielbar“ galten.