Seesenerin (30) muss fünf Monate ins Gefängnis

Spielsucht wird zum Fallstrick: „Wenn ich in der Spielothek bin, habe ich kein Zeitgefühl mehr“

Von Sandy Heinzel, Seesen

Am vergangenen Mittwoch wurde eine 30-jährige Frau im Seesener Amtsgericht zu einer fünfmonatigen Freiheitsstrafe wegen Betruges verurteilt. Die Bewährung blieb allerdings aus. Außerdem nahm eine 35-jährige Hausfrau und Mutter von fünf Kindern diesmal nicht auf der Anklagebank Platz. Sie war Klägerin und sollte vor Gericht vollständig und wahrheitsgemäß aussagen. Ob ihr das gelungen ist? Richter Frank Rüger hatte Zweifel und spricht den Angeklagten frei.

Fall 1: Eine enorm schnelle Rückfallgeschwindigkeit

Zum ersten Fall: Ursprünglich kommt die 30-jährige Seesenerin aus „vernünftigen Lebensverhältnissen“, rekapituliert Richter Frank Rüger am Ende der Beweisaufnahme. Nach dem Realschulabschluss folgt edie Ausbildung zur Industriekauffrau und eine Festanstellung bei VW 2006 – schließlich der Absturz. Die Angeklagte verfiel in eine Spielsucht und verzockte bis heute rund 100.000 Euro.
Geld aus Lebensversicherungen und Bausparverträgen verwandelten sich in Casino-Chips. Der große Gewinn jedoch blieb aus. Strafrechtlich kein unbeschriebenes Blatt, wird die Seesenerin schließlich am 17. Februar dieses Jahres verurteilt: Wegen Betrugs und Urkundenfälschung in gleich acht Fällen erhält die 30-Jährige eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Nur acht Tage nach der Verurteilung begeht sie den nächsten Betrug. Einer Nachbarin hilft die alleinerziehende Mutter regelmäßig beim Saubermachen der Wohnung. Doch schon am dritten Tag findet sie die Bankdaten der hilfebedürftigen Nachbarin und fälscht einen Überweisungsträger. Insgesamt 900 Euro fließen so auf das Konto der Angeklagten. „Wenn ich in der Spielothek bin, habe ich keinerlei Zeitgefühl mehr. Es kam sogar vor, dass ich vergaß, meine Kinder aus dem Kindergarten abzuholen“, so die Seesenerin. Die 900 Euro wollte sie auch verspielen. Richter Frank Rüger verurteilte die Frau am vergangenen Mittwoch zu einer fünfmonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Bei einer solch enormen Rückfallgeschwindigkeit habe eine weitere Bewährungsstrafe keinen Sinn. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“, so Rüger.

Fall 2: Zeugin war nicht glaubwürdig

Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen. Dennoch probierte offenbar genau das die 35-jährige Hausfrau und frühere Polizeibeamtin, die in einem weiteren Fall als Zeugin geladen ist. Neben dem Angeklagten in Saal 104 hatte sie nämlich noch einen weiteren Seesener im zweiten Verhandlungssaal des Amtsgerichts verklagt.
Der 51-jährige Angeklagte arbeitet als Inkassounternehmer und suchte am 19. November des vergangenen Jahres aus beruflichen Gründen die Wohnung der Klägerin auf. Laut Einlassung habe er die 35-Jährige und ihren Lebensgefährten vor Ort nicht antreffen können. Er hinterließ ein Schreiben im Postkasten und begegnete dem Pärchen, kurz bevor er das Grundstück wieder verlassen wollte. Diese forderten ihn wutentbrannt auf, sofort das Grundstück zu verlassen. Er solle sie nicht wieder aufsuchen. Angeklagt hat die im Seesener Amtsgericht bekannte Frau den Inkassounternehmer, weil er angeblich versucht habe, in ihre Wohnung einzudringen.
Außerdem soll er die Kinder auf dem Schulweg bedroht haben. Wie sich der Vorfall aber nun genau zugetragen hatte, kann die aufgebrachte Mutter von fünf Kindern nicht erklären. Sie habe Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Immerhin: In der Verhandlung nebenan fordert die Seesenerin 20.000 Euro von ihrem ehemaligen Vermieter.
Sie wüsste nicht mehr, was passiert ist, der Vorfall liege zu lange zurück. Sie will wieder zurück – in die andere Verhandlung. Auf die Frage des Verteidigers hin, warum sie erst knapp ein Jahr nach dem Vorfall Anzeige erstattet hat, konnte die unglaubwürdige Zeugin keine plausible Antwort geben. Vielleicht, weil zwischendurch so zahlreiche andere Prozesse geführt werden mussten? Vielleicht aber auch, weil sie einfach gerne Anzeigen erstattet. Fragen beantwortete sie nur sehr ausweichend und patzig. Zeit hatte sie auch keine. Schließlich sei der Prozess nebenan wesentlich emotionaler. Während der Urteilsverkündung unterbricht die ehemalige Polizistin Richter Frank Rüger. Erst, weil sie gehen will, dann weil sie auf gleich zwei Rückerstattungen der Fahrtkosten hofft. Schließlich führt sie ja auch zwei Prozesse. Logisch? Wohl eher nicht. Richter Frank Rüger bietet ihr aber ein Ordnungsgeld an – und zwar, wenn sie ihn noch ein weiteres Mal unterbricht.
Also weiter: Der Angeklagte wird freigesprochen. Die Klägerin steht auf, hält sich den Bauch. Ihr sei übel. Sie müsse auf die Toilette. Sie verlässt den Verhandlungssaal - und nimmt wieder an der anderen Verhandlung teil. Schließlich, so Rüger, zeige dieses Verhalten ein weiteres Mal die Unglaubwürdigkeit der ehemaligen Seesenerin.