Seesens Innenstadt auf Rollstuhl-Tauglichkeit überprüft

Hindernis: Die Bahnhofstreppe.

Angehende Physiotherapeuten der MedizinischenAkademie stoßen in der City auf viele Barrieren für Rollstuhlfahrer

Von Ulrich Kiehne

Seesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich angehende Physiotherapeuten mit der Behindertenfreundlichkeit in der Stadt auseinandersetzten. Die Probe aufs Exempel gehört zum Lehrplan der Schule. Zum ersten Mal wurde aber das Städtische Museum in den Test mit einbezogen. Insgesamt erhält es gute Noten. Der Großteil der Ausstellungsbereiche – mit Ausnahme des Bereichs über die Geschichte der Familie Züchner – ist für Rollstuhlfahrer gut erreichbar. Über eine Rampe kommt man auch ins Obergeschoss, wenngleich die Schüler feststellen müssen, dass sie als ungeübte Rollstuhlfahrer Mühe haben, den steilenAufstieg allein zu nehmen. Im Inneren gibt es keine Schwierigkeiten mehr, auch die Toiletten sind behindertengerecht, das Personal freundlich und hilfsbereit. Summa summarum erhält das Museum die Gesamtnote „gut“.
Auch das Markthaus bekommt von den Schülern gleich ein Lob. Ein Fahrstuhl im Eingangsbereich erleichtert den Schülern den Zugang zu allen Bereichen. Auch die Durchfahrt bereitet keinerlei Probleme, die Gänge sind weitestgehend breit genug, so dass sich die Rollstuhlfahrer ihren Weg bahnen können.
Bei allem Lob gibt es aber auch Kritik der Schüler. In einigen Geschäften in Seesen ist es derart eng, dass mit dem Rollstuhl die Gänge nicht durchfahren werden können.
Kein Wunder, soll der Kunde doch möglichst viel Ware auf kleiner Quadratmeterzahl angeboten bekommen. Das freut das Kundenherz, schränkt den Rollstuhlfahrer indes ein.
Weiter geht es zur Post, aber eben auch nicht viel weiter. Vor den Stufen ist man als Rollstuhlfahrer in der Tat aufgeschmissen. Selbst Passanten hätten ihre liebe Mühe, den Rollstuhlfahrer die Stufen hinaufzutragen.
Doch es hat sich was getan. Weil die Physiotherapeuten regelmäßig testen, wurde im letzten Jahr bereits ein Hinweisschild angebracht, dass anzeigt, wie man über die Rückseite doch zum Postschalter kommt. Immerhin.
Weiter geht es inRichtung Bahnhof. Es gibt einen Behindertenparkplatz direkt am Gebäude. Doch das war es dann auch schon mit der Herrlichkeit beziehungsweise Rollstuhltauglichkeit. Die Tür am Eingangsbereich geht auch hier nur schwer auf. Die Erkenntnisse der Schüler: „Der Bahnhof ist nicht behindertengerecht. Man musste sich im Kiosk erkundigen, wie man mit einem Rollstuhl zum zweiten Gleis gelangt. Das Personal war ebenfalls keine große Hilfe“. Auch die Tür der Behindertentoilette ist im Rollstuhl sitzend nicht aufzubekommen.
Immerhin: Der Seesener Bahnhof soll in Zukunft im Rahmen des Projektes „Niedersachsen ist am Zug“ behindergerechter werden.
Die Probe aufsExempel im Rathaus stellt die Rollstuhlfahrer zunächst vor ein Problem. Der Haupteingang ist durch die Treppenstufen für sie unpassierbar. Ein Schild weist indes darauf hin, dass der Hintereingang zu nehmen ist. Positiv bewerten die Schülern dass hier ein Fahrstuhl für ein Mehr an Barrierefreiheit sorgt. Insgesamt bewerten die Schüler das Verwaltungsgebäude als behindertengerecht: „Die Beschilderung ist gut, die Mitarbeiter freundlich und hilfsbereit. Einzig die Tür zum Bürgerbüro lasse sich im Rollstuhl sitzend schwer öffnen.“
Als behindertenfreundlich erweist sich auch das Seesener Bürgerhaus – zumindest auf den ersten Blick. Die Ein­gangs­tür öffnet per Knopfdruck automatisch, und es gibt sogar einen Aufzug für Gehbehinderte. Leider lässt sich die Tür zum Aufzug sehr schwer öffnen, konstatieren die Schüler, die ansonsten aber ein positives Fazit ziehen, was das Bürgerhaus betrifft.
Rollstuhlfreundlich erweisen sich die Seesener Volksbank und das Geschäft Rossmann. Hier wurden Rampen erbaut, die das Treppenproblem lösen. Apropos Volksbank: Die Geldautomaten sind problemlos zu erreichen. Auch das ist längst keine Selbstverständlichkeit.
Die erwähnten Geschäfts- und städtischen Gebäude zeigen trotz aller Bemühungen die Schwierigkeiten, mit denen sich Rollstuhlfahrer in unserer Stadt auseinandersetzen müssen.
Oft, so merkt Andrea Birk­ner, Leiterin der Schule für Physiotherapie in Seesen, reiche wie imFall der Post, ein Hinweisschild schon aus, um den Rollstuhlfahrern das Leben leichter zu machen.
Und noch haben die Schüler festgestellt, als sie für einen Tag in die Rolle eines Behinderten schlüpfen. Hilfsbereitschaft ist keine Selbstverständlichkeit.
„Viele Menschen haben zwar kurz geschaut, aber geholfen wurde uns nicht“. Vielleicht auch, weil die Schüler als Gruppe unterwegs waren und eben auch als Schüler erkannt wurden. Vielleicht! Andererseits gab es aber auch hilfsbereite Mitmenschen, die die Tür aufhalten, oder Autofahrer die anhielten, damit die Rollstuhlfahrer die Straße überqueren können.
Auch einige Reaktionen von Passanten haben die „Rollstuhlfahrer“ in ihren Blöcken notiert: „Es gab viele neugierige Blicke, teilweise wurden wir regelrecht angestarrt! Manche Menschen, besonders ältere, haben aber oft auch mitfühlend gewirkt oder waren rücksichtsvoll.“