Sensibilität für Töne und Zwischentöne

Die Hintergründigkeit in den Uthoff-Argumenten zeigt Staatstragendes: „Angst als ein Stück Lebenskraft“.

Kabarettist Max Uthoff war am Freitag zu Gast beim Seesener Kulturforum

Oben bleiben – so heißt das aktuelle Programm des bayerischen Kabarettisten mit der hochdeutschen Stimme: Max Uthoff, aktueller Deutscher Kabarettpreisträger, war auf Einladung des Seesener Kulturforums nach Seesen gekommen. Seine kabarettistische Bildung erlernte er in der „staatlich geprüften Satire-Werkstatt“ des Münchner Rationaltheaters. Das Jurastudium schaffte ihm offensichtlich die sachlich-rationale Eloquenz. In der Quintessenz ergibt das einen Kabarettisten ganz eigener Art, unvergleichlich und unverwechselbar.
Schlanker Mensch in grauem Anzug mit dezenter Krawatte, so sieht der Banker aus, der Botschafter des Konsums, der „Wahrnehmungsbeauftragte“ für das Publikum: „Wundervoll, dass Sie da sind. Sie hätten sich auch einen schönen Abend machen können. Aber wir brauchen uns. … Sie brauchen mich, weil meine regierungskritische, systemfeindliche Meinung Ihre widerspiegelt!“ Zuerst geht es um das Wahrgenommenwerden des Kindes beim Stolpern, vergleichbar beim Erwachsenen um TED-Umfragen und unsterblich verewigte „Bonsai-Meinungsäußerungen“ bei facebook.
Die geschliffene Sprache des Kabarettisten ist wie die eines perfiden Werbeagenten und Verkaufs-Argumentators. Uthoff gibt sich als Prediger der Vervollkommnung des Menschen durch Konsumtion, seine Sprache entlarvt die sich biblisch gebärdenden Versprechungen in schwedischen Möbelhauskatalogen letztendlich im „Gehet heim!“, er vergleicht Online-Überwachung mit dem christlichen „Gott sieht alles.“ Zum Marxschen Kernsatz, das Sein bestimme das Bewusstsein, ergänzt Uthoff folgerichtig auch die Bewusstseinsstörung.
Max Uthoff spielt kabarettistische Erstliga. Er ist ein sehr guter Analytiker, indem er die großartigen Versprechungen der Macht immer wieder durch irr-sinnige Vergleiche überführt. Da ist er durch und durch Jurist.
Steif und ohne viel Bewegung ist seine Bühnenpräsenz; der Kabarettist beginnt eigentlich erst vom Halsausschnitt bis hinauf zum Scheitel, aber das, was er sagt, scheint blitzgescheit, ein großer Junge mit Schalk im Nacken und sehr guter gymnasialer Bildung. Seine Bonmots und Wortschöpfungen sind neu, nie abgeschrieben oder sonst wo geklaut. Übrigens: der Guttenberg war auch ein Thema des Abends, ebenso wie Antibayerisches; die FDP rangiert an der Spitze des Meistgenannten. Peer und die seinerzeitige „Bankenrettung“, die grüne Bewegung in der Wandlung von der Anti-Partei zum Befürworter von Auslandskriegseinsätzen, der Linken „Niedertracht“, die Wolfratshausener Wackeldackel in der CSU, Angela Mutti Merkel, aufgewachsen im Einheitsstaat: „Und genau dahin wird sie den Staat wieder bringen!“
Die Domino-Argumentationskette für angeschwemmte Flüchtlinge lautet: „Menschen“ – „Personen“ – „Personal-Ausweis“ und schließlich „unser Personal“, mächtig ausbeutbar.
Die Hintergründigkeit in den Uthoff-Argumenten zeigt Staatstragendes: „Angst als ein Stück Lebenskraft“. Die große Zahl der derzeitigen BWL-Studenten zeige die gesellschaftliche Gier. Der Umgang Uthoffs mit Sprache allgemein und mit der deutschen Sprache im Besonderen, in der Vielfalt der reproduzierten Dialekte, zeigt Sensibilität für Töne und Zwischentöne. Was wäre, wenn 1939 der Diktator österreichischer Provenienz in feinster wienerischer Hochsprache g´sagt hätt: „Hert´s mal, Burschen, seit fünf Uhr fünvavierzg wird zrück gschooßen“.
Pisa ist ein weiteres Thema: Der Zusammenhang von Höherer Mathematik und Bankenpleiten wird konstruiert; die Entdeckung der „Gottesteilchen“ bleibt naturwissenschaftlich und ohne Philosophie; die Lesekompetenz der Deutschen zeigt sich am Erfolg des Sarrazin-Buches.
Fazit des Kabarettabends beim Seesener Kulturforum: Es gab viel Neues und intelligente Kabarett-Kultur, wohl-geschliffen präsentiert, Wort für Wort auswendig reproduziert, mehr eine Lesung, als der Vortrag eines Schauspielers. Aus dieser „Distanz“ heraus kommen Inhalt, hinter den Worten Lesbares und der Kabarettist Max Uthoff gut beim Seesener Publikum an.