Sexueller Missbrauch: Familienmitglieder belasten die Nebenklägerin

Berufungsprozess gegen ehemaligen Masseur findet noch kein Ende / Glaubwürdigkeit angezweifelt / Neue Zeugen

Vor dem Landgericht in Braunschweig wurde in dieser Woche der Missbrauchs­prozess gegen einen ehemaligen Masseur der Asklepios Kliniken Schildautal fortgesetzt. Und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht. Im Gegenteil: AmEnde der mehrstündigen Berufungsverhandlung in der Löwenstadt blieben viele Fragen offen, wurden neue Zeugen für weitere Anhörungen geladen, so dass zunächst vier weitere Termine (Mittwoch, 21. März, Dienstag, 3.April, Mittwoch, 18. April und voraussichtlich Mittwoch, 2. Mai) notwendig sind, bevor ein endgültiges Urteil in diesem Fall zu erwarten ist.
Der heute 47-jährige Physiotherapeut, der fast 15 Jahre in den Kliniken als Masseur und medizinischer Bademeister tätig war, wurde im Oktober 2010 vom Seesener Schöffengericht wegen „sexueller Nötigung und sexuellen Missbrauchs“ zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Im Prozess ging es seinerzeit um insgesamt fünf Taten an zwei Frauen aus dem Stadtgebiet Seesen, die jeweils nach Bandscheiben-Operationen zur Rehabilitation in der Klinik waren. Eines der Opfer soll von Juni 2006 bis Januar 2007 miss- braucht worden sein. Angeklagt waren zwei Vorfälle. Der Miss- brauch der anderen Frau (drei Taten), ereignete sich im August und September 2009. Als dieser zweite Fall öffentlich wurde, meldete sich das erste Opfer bei der Polizei.
Die Staatsanwaltschaft warf dem gebürtigen Einbecker vor, die beiden Frauen während der vereinbarten Behandlungen zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben. Das Seesener Gericht und die Staatsanwaltschaft machten während der Urteilsverkündigung im Oktober 2010 deutlich, dass es an der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen keinen Zweifel gäbe.
Der beschuldigte Masseur, der die Vorwürfe von Beginn an als haltlos zurückwies und auch ein Angebot ablehnte, bei einem Geständnis eine relativ milde Strafe zu bekommen, hatte gegen das Seesener Urteil Berufung eingelegt und muss sich nun weiter vor dem Landgericht Braunschweig verantworten. Er erhofft sich einenFreispruch, er sieht sich als das Opfer zweier Frauen, die ihm einen Missbrauch „anhängen“ wollen.
Der Prozess in Braunschweig, der bereits im November des letzten Jahres begann und lediglich über sechs Verhandlungstage bis zum 6. Dezember andauern sollte, wächst sich zur unendlichen Geschichte aus.
Zuletzt stand die Glaubwürdigkeit der beiden Nebenklägerinnen immer stärker im Fokus der gerichtlichen Nachforschungen. Nachdem die Beweis­auf­nahme fast schon abgeschlossen schien, präsentierten am Mittwoch dieser Woche die Anwälte des Angeklagten Einbeckers eine Reihe neuer Zeugen, die insbesondere die Glaubwürdigkeit einer der beiden Frauen und mutmaßlichen Opfer stark anzweifelten.
Das Pikante am Fall: Die Anwälte des Angeklagten warteten mit Zeugen aus dem persönlichen Umfeld, sogar aus der eigenen Familie des mutmaßlichen Opfers auf, das von dem Masseur sexuell missbraucht worden sein soll.
So sagten ein älterer Bruder, dessen Ehefrau und die Schwiegermutter der 42-jährigen Frau vor Gericht aus. Tenor der Zeugen: Die Schwester, Schwägerin und Schwiegertochter lügt in allen Bereichen ihres Lebens. Und das reiche bereits bis in die früheste Kindheit und Jugend zurück. Der ältere Bruder bezeichnete seine eigene Schwester als „Rübensüßchen“ und bezichtigte sie mehrfach der Lüge; die Schwiegermutter („Sie lebt in ihrer eigenen Traumwelt!“) ließ im Gerichtssaal in Braunschweig ebenfalls kein gutes Haar an der Frau, die angab vom Angeklagten zum ungeschützten Geschlechtsverkehr genötigt worden zu sein. Die Zeugen bezogen sich dabei vor allem auf Aussagen des mutmaßlichen Opfers, die in einem vom Gericht angeordneten aussagepsychologischen Gutachten festgehalten wurden. Außerdem wurden ein ehemaliger Lehrer sowie ein ehemaliger Nachbar der Frau gehört. Inwiefern das Gericht die Aussagen zugunsten des Angeklagten wertet, bleibt erst einmal offen, genauso die Frage, ob diese Aussagen dem Fall noch eine entscheidende Wendung geben könnten. Davon gehen die Anwälte des Angeklagten in jedem Fall aus. Sie werteten den vergangenenMittwoch als Erfolg.
Bislang hatten Prozessbeobachter davon berichtet, dass die Chancen des Angeklagten, einen Freispruch zu erlangen, eher gering einzuschätzen sind. Weitere Zeugen sollen nun jedenfalls in den nächsten Prozesssitzungen angehört werden, unter anderem der Schwager der Nebenklägerin.
Staatsanwalt Dr. Jenssen, der gegen den Masseur ermittelt, hat am Mittwoch ebenfalls die Anhörung einer weiteren Zeugin beantragt, die wiederum den Masseur und Medizinischen Bademeister belasten könnte. Eine – nach „Beobachter“-Informationen – Mitarbeiterin der Asklepios-Kliniken, wolle aussagen, dass es während einer Behandlung vor Jahren ebenfalls zu sexuellen Berührungen mit dem Masseur gekommen sei.
Abgelehnt wurde von Richter Schaltke, der auch aufgrund der ungewöhnlichen Länge des Prozesses sichtlich darum bemüht scheint, den Fall in alle Richtungen auf das Genaueste zu prüfen, indes die Ausführungen eines Therapeuten, der als Sachverständiger aussagen sollte. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben, insbesondere weil der Angeklagte gleichzeitig in psychologischer Behandlung des Therapeuten ist und daher eine „Befangenheit“ vermutet werden könne.