„Sie dürfen Nachbarn nicht mit Steinen bewerfen!“

Seesener (80) wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt

Von Sandy Heinzel, Seesen

Dass man seine Nachbarn nicht mit Steinen bewerfen darf, erklärte der Vorsitzende Richter Frank Rüger am gestrigen Mittwoch nicht etwa einem Kind. Auf der Anklagebank saß ein 80-Jähriger Seesener – ein promovierter Phytopathologe. Die Phytopathologie beschreibt die Lehre der Pflanzenkrankheiten. Und um Pflanzen sollte es sich auch in der Verhandlung drehen. Weil der Angeklagte seine Nachbarn nun aber nicht mit Pflanzen, sondern mit Steinen bewarf, verurteilte Rüger den unbelehrbaren Seesener wegen gefährlicher Körperverletzung im minderschweren Fall zu einer viermonatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.
Auslöser für den erneuten Nachbarschaftsstreit, der bereits seit mehreren Jahren geführt wird, war der Gemeine Efeu. Dieser hangelte sich nämlich von Haus zu Haus und verdichtete langsam aber sicher die Wände der beiden Häuser in der, wie sollte es anders sein: Opferstraße. Nachdem der Schornsteinfeger den Anwohnern die Entfernung der unliebsamen Kletterpflanze ans Herz gelegt hatte, ließen die Hauseigentümer Taten folgen. Tochter und Schwiegersohn kümmerten sich um den Bewuchs des Hauses der Mutter und wurden dabei prompt von dem verärgerten Nachbarn und Angeklagten „erwischt“. Dieser bewarf daraufhin den Schwiegersohn mit Holzscheiten und Steinen, um ihn von dem Vorhaben abzubringen. Für den promovierten Seesener war dies laut eigener Aussage das mildeste Mittel, um gegen den Mann vorzugehen, der den Gemeinen Efeu entfernte. Schließlich hätte er ja auch zu Steinen greifen können, so die Einlassung vor Gericht. Das aber auch Steine geflogen sind, ist sich Rüger nach der Zeugenvernehmung sicher. Und eben einer dieser Steine traf den Schwiegersohn der Hauseigentümerin aus etwa sieben Meter Entfernung am Kopf.
In den Verhandlungssaal brachte der 80-Jährige neben Frau und Sohn auch gleich mehrere Behälter mit Beweismaterial. Zum einen waren da die Reste der Kletterpflanze. Diese wurde nämlich nicht, wie vom Nachbarn im Zeugenstand geschildert, abgeschnitten, sondern dilettantisch abgerissen. Zum anderen stand ein Körbchen mit Holzresten neben dem Angeklagten. Wenn überhaupt, habe er diese Gegenstände geworfen. Von großen Holzscheiten oder gar Steinen könne keine Rede sein, so der Phytopathologe. Und auch ein Schriftstück sollte sein Vorgehen rechtfertigen: In einem Zeitungsbericht habe er nämlich gelesen, dass der unsachgemäße Umgang mit Asbest ein Strafverfahren nach sich ziehen könnte. Dieser Artikel brachte den Angeklagten zu seiner letzten und wohl wichtigsten Erkenntnis. Die Hauswand wäre mit Asbest-Platten verkleidet und wenn an diesem Tage überhaupt jemand hätte verurteilt werden sollen, ja dann doch wohl der Herr Nachbar! Schließlich habe er mit seiner unprofessionellen Entfernung jede Menge Asbest aufgewirbelt.
Seine Rechnung ging jedoch nicht ganz auf. Richter Frank Rüger war sich sicher, dass sich der Sachverhalt, wie in der Anklageschrift verlesen, bestätigt hatte. Neben der Freiheitsstrafe, die auf eine Zeit von drei Jahren ausgesetzt wurde, hat der Seesener 500 Euro Schmerzensgeld an den geschädigten Nachbarn zu zahlen. – Na, wenn das mal nicht zum nächsten Streit führt!