Sind Stolpersteine Hinweisschilder oder Kunst?

Im Seesener Kernstadtbereich, hier in der Lautenthaler Straße 49, wurden insgesamt 19 Stolpersteine verlegt. Im Anschluss gedachte man kurz der NS-Opfer.
 
Marie Wende und Claudia Schaare umrahmten die Vortragsveranstatung musikalisch.

Gunter Demnig referiert im Rahmen der zweiten Verlegung über sein Projekt, über seine Lebensaufgabe

Für den Künstler Gunter Demnig ist – auch nach mehr als 35.000 Stolperstein-Verlegungen – jede neue Aktion eine sehr emotionale Angelegenheit. Und so plaudert Demnig zu Beginn des Vortrags am Montagabend im Seesener Bürgerhaus auch von seinen Befindlichkeiten. Er nennt eigene Betroffenheit bei jedem individuellen Schicksal, aber auch Freude, wenn er, wie jüngst erlebt, spontane Dankbarkeit in den Umarmungen und Küssen einer 101 Jahre alten Stolperstein-Patin erfährt, die als Überlebende des Nazi-Terrors einen weiten Weg auf sich genommen hatte, um bei der Verlegung dabei zu sein.
Europaweit sind inzwischen Stolpersteine verlegt worden, von Budapest bis Trondheim, von Holland bis in die Ukraine. Der Weg des Künstlers von der anfänglichen Sinnsuche in künstlerischen Projekten bis hin zur Lebensaufgabe „Stolpersteine“ ist lang und für das Publikum im ehemaligen Speisesaal der Jacobson-Schule spannend, so wie Demnig es erzählt. Obwohl er manch einen selbstironischen Witz in seinen Vortrag einbaut, bleiben die Zuhörer durchweg sehr ernst. Es sind überwiegend die zahlreichen Paten und Förderer des Seesener Stolperstein-Projekts, die sich im Bürgersaal versammelt haben, geprägt über mehr als zwei Jahre durch ihre eigene Spurensuche nach den Opfern.
Gunter Demnig, geboren 1947, aufgewachsen in Nauen und Berlin, erzählt von seiner Kindheit, seinem Abitur und den Studien (Industrial Design und Kunstpädagogik in Berlin und Freie Kunst in Kassel). Rauminstallationen und Performances sind die Schwerpunkte seiner frühen Arbeiten vor 1990.
Das Publikum sieht immer mehr Mosaiksteine in den frühen Werken, die Spurensuche sichtbar machen oder mahnende Zeichen sein sollen: Als erste Aktion nennt Demnig hier die Darstellung der Deportation von Sinti und Roma 1940 aus Köln, er legt Kreide- oder Blutspuren zwischen Kassel (documenta) und Venedig (Biennale), verbindet mit einem Ariadne-Faden Kassel und Paris oder bildet Fußspuren am Grenzübergang von Berlin West nach Ost in dünnen Bleiplatten ab.
Der Künstler ist mit wichtigen Exponaten unter anderen im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Demnig dokumentiert Namen und Daten in großformatigen Metallarbeiten und kommt schließlich zu den ers­ten „Stolpersteinen“, voll betextet, in Köln, die sich zu Prototypen der jetzigen Steine entwickeln. Beeindruckend ist seine Beharrlichkeit gegenüber Widerständen, Beharrlichkeit, die Mut macht.
Demnig verweist immer wieder auf die Rolle der Stolpersteine, die auch schon bei Grundschülern Interesse wecken und zu bohrenden Nachfragen führen.
Rolf Ballof spricht am Ende des Vortrags dem Künstler den Dank der Seesener Stolperstein-Initiative aus. Seine wichtige Abschlussfrage gilt der finanzamtlichen Einschätzung seiner Kunst (das war Thema vor etwa einem halben Jahr in den Medien): Sind Stolpersteine Hinweisschilder oder Kunst? Die Frage ist längst zugunsten der Kunst entschieden worden. Seesen ist seit dem 4. Dezember, dem letzten Tag der Verlegung, ein Knoten des europäischen Netzwerkes „Stolpersteine“. Die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Göttingen, Jacqueline Jürgenliemk, beschloss den Abend mit einem Siddur-Gebet in deutscher Sprache.