„Sinnhaftigkeit des Afghanistan-Einsatzes deutlich machen“

General a. D. Egon Ramms mit Propst Thomas Gleicher. (Foto: Koch)
 
Umrahmte den Gottesdienst: der Flötenkreis Mechtshausen mit Heike Sperling (links). (Foto: Koch)
 
Die Stiftergemeinschaft im Evangelischen Kirchenzentrum. (Foto: Koch)

Ehemaliger Vier-Sterne General der Nato, Egon Ramms, spricht beim Stifterfest der Stiftung „Kirche in unserer Zeit“

Am vergangenen Freitag war der ehemalige Vier-Sterne-General der Nato, Egon Ramms, als Gastredner des Stifterfestes der Stiftung „Kirche in unserer Zeit“ geladen. Bei seinem viel beachteten und mit reichlich Beifall bedachten Vortrag vertrat er die These, dass Afghanistan vor allem zu sich selbst finden müsse. Dies könne am besten verstanden werden, wenn man die tatsächlichen Verhältnisse in Afghanistan kenne.

Von Johannes Koch

Seesen. Den Auftakt zum diesjährigen Stifterfest, zu dem als besondere Gäste MDL Rudolf Götz, Bürgermeister Hubert Jahns, MDL Petra Emmerich-Kopatsch, Erster Stadtrat Erik Homann sowie Friedel Traupe eingeladen waren, bildete ein festlicher Gottesdienst, in dem der Flötenkreis Mechtshausen unter der Leitung von Heike Sperling musizierte. Dieser hatte im vergangen Jahr eine Anschubfinanzierung für die Beschaffung von Instrumenten aus Stiftungsmitteln erhalten.
In seiner Predigt ging Propst Gleicher auf aktuelle Probleme ein: „Neben der Katastrophe in Japan, einem Land, dem unser tief empfundenes Mitgefühl gilt, und unsere aktive Nächstenliebe, sind die Fragen von Krieg und Frieden, von militärischem Einsatz als Friedensmission im Sinne der Nächstenliebe und um der betroffenen Menschen willen oder als Mission für die Sicherung wirtschaftlicher Interessen oder einer Mischung von beidem von höchster Brisanz und müssen ohne Polemik oder Ideologie offen diskutiert werden. Einfache Antworten wird es dabei nicht geben.“ Die Kollekte in Höhe von rund 600 Euro wurde folgerichtig den Erbeben-Opfern in Japan zur Verfügung gestellt.
Ein Signal, das vor allem die beiden Japanerinnen Yoko Itho und Rihae Park, die beim Festakt im Kirchenzentrum gemeinsam mit Andreas Pasemann musizierten, gern aufgenommen haben. Die mit Spannung erwartete Rede von General a. D. Egon Ramms war getragen von der Überzeugung, dass Afghanistan in erster Linie zu sich selbst finden müsse. Eine These, die erst bei näherem Hinsehen verständlich ist.
Egon Ramms zeichnete in seiner Rede eine Entwicklung nach, die ja schon parallel in der Kirche stattgefunden hat. Stand dort nämlich beim Thema Mission in früheren Jahren vor allem die Umformung von Gesellschaften beispielsweise in Afrika nach europäischem Muster und dessen Werte-Codex im Vordergrund, wandelte sich diese sehr rigide Form der überfremdenden Evangelisation zu einer tätigen Nächstenliebe, bei der zunehmend die tatsächlichen Bedürfnisse der Adressaten in den Blick genommen wurden.
Die engagierte Arbeit von „Brot für die Welt“ dient dabei als leuchtendes Beispiel. Ähnlich verhält es sich auch mit der Afghanistan-Frage. Im Vordergrund verantwortlicher Nato-Politik müssen, so Egon Ramms, das Land, seine Bewohner, ihre Kultur und ihre religiösen und moralischen Vorgaben gesehen, ja mehr noch: ernst genommen werden. Eine „Peace-Maker-Befriedung“ à la „Uncle Sam“ aus den 80er Jahren, die mit reichlich Zynismus und Grausamkeit dahergekommen ist, sei hier völlig fehl am Platze.
Zum Glück habe sich die grundsätzliche Haltung der Nato, die nach neuster Strategie nicht nur ein militärisches, sondern ein politisch-militärisches Bündnis ist, völlig gewandelt zugunsten einer Wertschätzung und Wahrnehmung des „Nächsten“, wie sie etwa im Neuen Testament als Nächsten-Achtung vorgegeben ist. Dass der „Nächste“ dabei auch ganz weit entfernt leben kann, ist gerade in der Afghanistan-Frage mit Händen zu greifen.
Die Luftlinie zwischen Hannover und Kabul beträgt gerade mal eben satte 5000 Kilometer. Damit betreten wir den asiatischen Raum mit seiner ganz eigenen Kultur und Geschichte. Aber gerade um sie geht es bei der Afghanistan-Frage in erster Linie. Das Land befindet sich seit 30 Jahren im Krieg. Wir Deutschen haben bekanntlich lange genug gebraucht, um diesen Zustand in Afghanistan überhaupt Krieg zu nennen.
Ganz anders als derzeit in Libyen, wo die Rebellen mitten aus der Bevölkerung und in deren Interesse handeln, sei die Lage in Afghanistan genau umgekehrt: Die Taliban quälen und foltern quasi von außen und ganz gegen den Willen der Bevölkerung seit mehreren Jahrzehnten das Land und finanzieren ihren Krieg unter anderem mit einem brachialischen Drogenschmuggel, dessen Rohstoffe auf Feldern gedeihen, deren Fläche etwa einem Drittel der gesamten Bundesrepublik entspricht.
Durch das Engagement der Nato sei es zwar gelungen, die Produktion von Opiaten von 9000 Tonnen (2007) auf „nur noch“ 7000 Tonnen (2010) zu drosseln, aber es läge noch ein weiter Weg vor allen beteiligten Kräften. Beruhigend für europäische Ohren war zu hören, dass das andere Standbein der Taliban – der Waffenhandel – nicht durch europäische Waffenlieferungen unterstützt werde. Die zentrale Frage ist natürlich: Wodurch war der Nato-Einsatz überhaupt zustande gekommen? General Ramms verwies in diesem Zusammenhang auf das Bombardement des World-Trade-Centers in New York im Jahre 2001 hin.
Damals habe man weltweit die unglaubliche Bedrohung durch die Taliban erkannt und gemeinsam beschlossen, den langen Weg einer wirksamen und nachhaltigen Bekämpfung dieses Terrors einzuschlagen. Und das mit möglichst friedlichen Mitteln. Kernpunkt dieser Strategie sei die Stärkung der Regierungen und der Infrastruktur der betroffenen Länder.
In Afghanistan habe man sich dabei vor allem auf die Ausbildung im weiteren Sinne konzentriert. Rund 75 Prozent der BürgerInnen sind Analphabeten! Damit aber Soldaten und Polizisten Befehle überhaupt aufnehmen und umsetzen können, müssen sie Lesen und Schreiben lernen. Nach dieser ersten Hürde folgt der Aufbau demokratischer Strukturen in einer durch viel Korruption geprägten Stammes-Gesellschaft mit ihren dezentralen Machtstrukturen, die übrigens trotz großer Fortschritte immer noch die höchste Kindersterblichkeit der Welt verzeichnen muss. Die medizinischen Probleme klingen an. Zudem müsse die hohe Arbeitslosigkeit von 36 Prozent – ein idealer Nährboden für Radikalismus – eingedämmt werden. Als nächster Schritt stehe die Teilhabe der Bevölkerung an der Regierung, der Polizei und der Armee sowie viele weitere, zivile Entwicklungsaufgaben auf dem Stundenzettel. Jedem dürfte klar sein, dass all diese Schritte nicht innerhalb von einigen Jahren zu vollziehen sind. Daher bedeute die Übergabe des Landes an die Bevölkerung, die für das Jahr 2014 geplant ist, durchaus keinen General-Rückzug der rund 143.000 Soldaten der Nato und weiterer Kräfte aus 32 von 34 Provinzen im Land. Vielmehr brauche, so Ramms, die zarte Knospe der aufkeimenden Demokratie nach eigenem, afghanischem Muster noch viel Schutz und tatkräftige Unterstützung auf Jahre hinaus.
In wirtschaftlicher Hinsicht sei auch schon Hoffnungsvolles geleistet worden. So seien beispielsweise erste Bergbau-Projekte angelaufen. Leider aber bediene sich derzeit schon Nachbar-Gigant China fleißig der erbrachten Erträge. Auf zwei Details sei stellvertretend für viele andere Einzelfragen hingewiesen: Die Grenze zum Nachbarland Pakistan, einer Hochburg der Taliban, ist 2500 Kilometer lang und führt zum erheblichen Teil über eine Berglandschaft mit Gipfeln von 2000 bis 3000 Metern Höhe. Ein Grenz-Zaun a la Germany ist hier also völlig undenkbar. Zum anderen schreibt man in Afghanistan das Jahr 1390. Man stelle sich eine Kalenderumstellung auf das Jahr 2011 an einem Tag vor.
In der anschließenden regen Diskussion stand natürlich die Frage deutscher Beteiligung an diesem Krieg im Vordergrund. Dazu der General abschließend: „Ich möchte betonen, dass die Soldaten lediglich für einen Teil des zu erreichenden Ziels in Afghanistan verantwortlich sind. Viele Aufgaben fallen nicht in den eigentlichen Aufgabenbereich der Soldaten, aber wir sind bereit, unseren Beitrag zu leisten und auch dort auszuhelfen, wo andere nicht oder noch nicht helfen können oder wollen. Dass wir am Einsatz in Afghanistan festhalten müssen, steht für mich außer Zweifel. Es ist die Aufgabe aller Beteiligten, unserer Bevölkerung die Sinnhaftigkeit dieses Einsatzes deutlich zu machen.“ Das anschließende gemeinsame Abendessen, das zum einen vom Altenzentrum St. Vitus und zum anderen von Karl-Heinz Fischer aus Wohlenhausen zubereitet war, mundete allen. Dabei kreisten die Tischgespräche noch längere Zeit um die in der Festrede angeschnittenen Themen. Hatte Margot Käßmann 2009 noch formuliert: „Nichts ist gut in Afghanistan“, so mochte man nach dem sehr informativen Abend eher glauben: „Es ist jetzt vieles deutlich besser in Afghanistan“!