Sissi ist ein Verwandlungsphänomen

Mit ihrem Programm „Gönn’ Dir ‘ne Auszeit“ kämpft sich Sissi Perlinger in die Herzen der Seesener

Sissi Perlingers Ratschläge für das Publikum beim Seesener Kulturforum forderten „Gönn’ Dir ´’ne Auszeit!“ Das hieß auch wieder einmal: Heiße Tipps und Aufklärungsarbeit für Männer, die durch Sissi Perlinger endlich erfahren, wie Frauen funktionieren.
Die Allrounderin von Kabarett, Tanz, mimetischer Kunst und Gesang, betätigt sich zu Beginn als resolute Platzanweiserin. Die erste Reihe muss stimmen: Dort gibt es die Vorlacher und kollektives Jubelkreischen sind vorab schon zu üben. Damit bringt die Perlinger bereits nach drei Minuten die ganze Aula zum Toben. „Ihr dürft heute pfeifen, schreien, Höschen werfen…!“
Chansonette Sissy, leopardig eng gedresst, mit Hut und Stock und etwas erkältet, beginnt mit einem Einstropher-Lied zur „Auszeit“. Ihre Stimme ist voll, weich, wandlungsfähig, dann wieder reibend hart. Noch weiß man nicht, dass auch ihre Stimmbänder nach einer Auszeit verlangen werden. Thema ist zwar die Therapie ihres Tinnitus, doch die Stimme droht das Thema „Auszeit“ auch für sich wörtlich zu nehmen. Aber Perlinger wäre nicht die Sissy, wenn sie sich diesem Absturz nicht mit Energie widersetzen möchte. Schlagzeug, Gitarre, Gesang: All in one, mal Blues, mal Protestsong, mal in Scat-Vocal-Coloraturen. Das Publikum durchlebt die grellbunten Seelenwelten des Fräulein Sissinger, der Heldin im Mythenwald von Lebensprüfungen. Sissi ist ein Verwandlungsphänomen: Man muss sie einfach gesehen haben. Die Sissi ist auf der Bühne ein Gesamtkunstwerk aus Stimme, Bewegung, Gestik, Tanz, Temperament, Bild ... und Frau, als Fräulein S.
Grotesk und überzeugend – wie die Werbegespräche von Versicherungs-, Bank- und Wellness-Kundenberatern – gerät die Darstellung der Frau wie ein buntes Puppenspiel zwischen Körper- und Spiegelbildbetrachtungen („Bei der Perlinger herrscht Dellenalarm!“). Immer wieder dominieren bei Sissi Perlingers Performance die Augeneindrücke: Die Perlinger im „Moppelchenanzug“ („Joggen ist schön“). Als Kabarettistin kämpft sie in den Markenkriegen gegen Prada-Besitzansprüche, trommelt mediativ aus dem Urwald heraus, erinnert an ihre Geburtseindrücke, ergänzt ihre Lebenschronik durch schrille Witze, groteske Perspektiven über Irrwege der Peinlichkeiten hin zur Selbsterkenntnis. Einfallsreich und herbstlich überzeugend arcimboldesk erscheint Sissys Ritualtanz.
Nach der Pause wird Perlingers Tinnitus in Indien meditativ geheilt, nicht jedoch ihre Stimme. Aber das macht nichts. Die starke Frau kämpft sich durch bis zum Ende.
Beeindruckend ist immer wieder die so stimmige Verkleidungswut (auch in der großartigen Schirm-Show im Zugabenteil als Prinzessin Lillifee); Fräulein Sissinger ist eine Augenweide, in Tanz und Bewegung genauso wie als Bühnenbild; tapfer, wandlungsfähig und musikalisch überzeugend ist ihre Stimme; die inhaltliche „Stimmigkeit“ ist eher Comedy als Kabarett. Sissy Perlinger war ein Augen- und Ohrengenuss beim Seesener Kulturforum.