Solidarität mit den Opfern von Paris

Auch die Reservisten nahmen wieder am Volkstrauertag teil.
 
Erik Homann beim Totengedenken.
 
Rolf Ballof.

Volkstrauertag 2015 steht auch in Seesen im Zeichen der furchtbaren Terroranschläge in Frankreich

Volkstrauertag 2015 in Seesen – die Gedenkfeier gestern am Ehrenmal stand wiederum nicht nur im Zeichen der Erinnerung, sondern auch im Zeichen der Mahnung. Und sie stand natürlich auch im Zeichen der fürchterlichen und unfassbaren Geschehnisse, die Paris, Frankreich, Europa – ja eigentlich die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt hat. Rolf Ballof, der als Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge nach dem Totengedenken von Bürgermeister Erik Homann letztmalig (eigentlich hatte er bereits für das vergangene Jahr seinen Abschied angekündigt) die Ansprache hielt, ging auch auf die Ermordung der unschuldigen Menschen in Paris ein. Eine Schweigeminute wurde eingelegt. Die Terroranschläge hätten sprachlos gemacht.

Man fühle Mitmenschlichkeit und Solidarität mit den Opfern von Paris. Europa sei bedroht. „Wir brauchen Frieden in der Welt und in Europa, das von außen bedroht ist.”
Im Weiteren erklärte Ballof, dass das Gedenken aus der Erinnerung an fürchterliche Verbrechen entsteht, an unmenschlichen Umgang mit Mitmenschen, dann in die Trauer münde, die wir angesichts der Geschehnisse empfinden. „Vor unsere Augen treten Bilder getöteter Soldaten, Opfer der Rassenverfolgung, Bilder von Flucht und Vertreibung, tradierte Erzählungen setzen sich in Bilder um; diese Bilder gehen unmittelbar in die Mahnung des „Nie-Wieder“ über, wenn wir uns auf diese Erinnerung einlassen. Das Gedenken mündet in den Gedanken der Hoffnung, auf eine Welt des Friedens zwischen den Menschen und den Völkern.“
Erinnerung ermögliche Trauer und zugleich menschlichen Überlebenswillen, der nicht nur das eigene und den der eigenen Umgebung, sondern die Mitmenschlichkeit mit allen Menschen meint und diese anmahnt, die Erinnerung führt zu der Hoffnung auf Frieden und freie Entfaltung aller Menschen.”
Wie oft sei man hier an diesem Platz in Seesen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in den Gedenkstunden den Weg von der Erinnerung über die Trauer zum Appell des Friedens gegangen und haben der Hoffnung Ausdruck gegeben. Das Leben stehe im Zeichen der Versöhnung unter den Menschen und den Völkern und die Verantwortung gelte dem Frieden zwischen den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.
Man stand zusammen in der Zeit des 17. Juni, in der Ungarnkrise 1956, nach der Besetzung der CSSR 1968, in den Zeiten der Balkankrise und der Invasion im Irak und gedachte, mahnte und hoffte. Man stellte sich in Seesen in den Dienst der Versöhnung und stellten uns unserer Verantwortung für den Frieden zwischen den Menschen zuhause und in der ganzen Welt.
Schaue man sich in der Welt von heute um, müsse man die Gedanken des Gedenkens in die Gegenwart setzen: Menschen in Afrika, denen die Würde der Entfaltung und des Überlebens genommen werden, machen sich auf den Weg nach Europa – viele von ihnen kommen nicht ans Ziel, andere verlieren noch das an Würde, was ihnen geblieben war; Hunger treibt Menschen aus Somalia in die Nachbarstaaten, wo sie – wie zuhause – von den erbarmungslosen Terroristen der Al-Shabab bedroht und getötet werden.
In Tibet verdrängen und vertreiben chinesische Machthaber Tibeter aus ihren angestammten Gebieten und Regionen, die Würde des Lebens und der Entfaltung wird Tibetern vorenthalten.
Im Nahen Osten finden die Beteiligten keinen Weg, den Menschen Frieden zu bringen; manchmal, so Ballof, komme einem der Gedanke, dass Frieden gar nicht wirklich gewollt wird.
Enteignungen, Vertreibungen, Terrorakte und gegenseitige würdeverletzende Diskriminierung sind an der Tagesordnung, die Konflikte um die Ukraine, die Kämpfe im Nahen Osten, die menschlichen und kulturellen Katastrophen, deren Verantwortung beim IS liegt, und der Verlust der Heimat für Millionen Menschen um nur einige Gefährdungen zu nennen, bedrängen uns.
Haben die Anstrengungen, die Gedenkens keine Früchte getragen, war unser Gedenken vergeblich? Diese Frage beantwortete Ballof so: „Es war legitim, der Toten, der Gemordeten der deutschen Geschichte zu gedenken und es bleibt legitim und wir werden weiter uns hier am Volkstrauertag zusammen finden. Hüten wir uns aber davor, diese Stunde zum des Sinnes entleerten Rituals werden zu lassen. Die eigene Trauer muss aber auch diejenigen umfassen, denen heute in der Welt so viel Unrecht geschieht – das ist gerade ein Auftrag derer, die in unserem Volk und durch unser Volk gelitten und ermordet wurden.“
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, auch deutsche Soldaten seien in diesem Sinne Ermordete, erklärte Ballof in seiner Ansprache. Nach endlosen Kriegen in Europa habe Europa durch die Bemühungen derVölker den Frieden gefunden. Wenn man sich in Europa, wenigstens in weiten Bereichen umsehe, könne man von einem großen Erfolg der Arbeit für Frieden, Toleranz und Achtung vor dem menschlichen Leben sprechen und sagen: „Wir haben unsere Lektion gelernt“.
„Wir könnten zufrieden sein – können wir wirklich zufrieden sein?“ stellte Ballof dann aber dann doch sofort wieder infrage. Krieg als Mittel der Politik werde geächtet. Konflikte und Meinungsverschiedenheiten wurden friedlich gelöst, ob es die strukturellen Unterschiede zwischen den Süd – und den Nord-Staaten, oder ob es die Diskussionen zwischen Geber- und Nehmerländer betraf, oder ob es um die Zusammenarbeit Deutschlands mit seinen näheren und ferneren Nachbarn bei dem Werk der deutschen Einigung oder ob zuletzt die Eurokrise die Kräfte einer Rückkehr zu mehr Nationalität stärkte.
Bewährt habe sich der Aufbau eines Netzes der europäischen Zivilgesellschaften und Staaten, das Europa in ein inneres, belastbares Gleichgewicht brachte. Das engmaschige Netz europäischer Institutionen, gegenseitiger Kontrollen, permanenter Kompromisse und Zugeständnisse ist zudem erstaunlich immun gegen die Störversuche Einzelner.
Die EU sei für Außenstehende, also fast alle, oft ermüdend und verwirrend. Aber die EU habe mit ihren vielen Ventilen bei Krisen bisher eine erstaunliche Tauchtiefe ausgehalten.
2012 erhielt die EU als Institution den Friedensnobelpreis: die EU und ihre Vorläufer hätten – so heißt es in der Begründung - ,,mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden und Aussöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen". Das Kommuniquée betont die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und die Hinwendung von Griechenland, Spanien und Portugal zur Demokratie, es hebt den Fall der Mauer – ein Ereignis, an das man in diesen Tagen dankbar denken und seine Gewaltlosigkeit bewundern und die Erweiterung nach Osten hervor: ,,Die EU hat für größte Teile Europas aus einem Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens gemacht.“
So gesehen werde dieser Tag, der Volkstrauertag, auch zu einem Tag, an dem Hoffnungen erfüllt sind und zu einem Tag der Dankbarkeit. Ballof zeigte sich sicher, dass das Gedenken des Volkstrauertages, das jährliche Treffen von Bürgern und Vereinen hier am Mahnmal in Seesen zum Frieden beigetragen habe.
Der Blick müsse sich aber über unser Europa hinaus auf Konflikte in der Welt, um die Ukraine, um Frieden in Syrien, im Irak, aber auch zwischen Palästina und Israel. Konflikte, die Leben und Würde von Menschen bedrohen, Leid über die Menschen bringen und auch unser Europa bedrohen könnten.” Europa sei gefordert: als Kontinent, der gelernt habe und sich weiter entwickelt hat. Tragen wir Verantwortung in der Welt”, rief Ballof die Teilnehmer auf. Einmal, weil die Auswirkungen des Kolonialismus europäischer Staaten auch Ursache gegenwärtiger Konflikte seien. „Aber wir tragen auch Verantwortung für unsere Mitmenschen in aller Welt, die unter Kriegen, Vertreibungen und Unrecht leiden.“
Hier sei Europa, seien die Menschen als Nutznießer der Friedensbemühungen nach den Kriegen gefordert. „Und wir müssen zusehen, dass unser europäisches Haus wieder in Ordnung kommt und Europa in diesen Zeiten den Stresstest seiner Werte besteht.“