Thomas Freitag am Sonntag beim Seesener Kulturforum

Die Bibliothek ist für Freitag-Schüttlöffel kein elfenbeinerner Turm, sondern eine notwendige Bastion gegen facebook-Welten.

Martinshorn und Lärm dringen bis auf die Seesener Aulabühne, ehe eine heftige Detonation die Wände erschüttern lässt. Bücher sind aus den Regalen gefallen und liegen ungeordnet herum. Seit drei Tagen schon hält Sebastian Schüttlöffel die Stadtbibliothek besetzt; die 5.800 Bücher hat er als Geiseln genommen. Hier hat sich jemand auf Dauer eingerichtet, denn eine Camping-Liege steht auch bereit.

Der Kabarettist Thomas Freitag ist wieder einmal Gast beim Seesener Kulturforum. Das Bibliotheks-Szenario wird zum Spielort seines Ein-Personen-Stücks „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“. Freitag zitiert, quasi als Antwort auf den Bombenlärm, „Wandrers Nachtlied“ von Goethe: „Über allen Wipfeln ist Ruh.“ Er sinniert über die schau-spielerische Flüsterausbildung von „früher“ und über die Schriftzeichen um Punkt und Komma, und über die „Auslassungspunkte“. „…warte nur, balde ruhest Du auch.“ Ein wütender Schüttlöffel verlautet: „Das Ausrufezeichen dominiert. Geiz ist geil! – Ruhe sanft!“

Die Bibliothek ist für Freitag-Schüttlöffel kein elfenbeinerner Turm, sondern eine notwendige Bastion gegen facebook-Welten. Seine Wut richtet sich gegen die Verdummung, gegen Kulturverlust und Nivellierung geistiger Vielfalt. Ein kleines Megaphon ist sein eher hilfloses Sprachrohr. Resignation klingt durch, das gilt für die Faust und den Faust: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Ta-ta-ta-taa!“

Freitag lässt den Philosophen Karl Marx argumentieren, der allerdings auch schon Opfer des kapitalistischen Marktes geworden ist: Er steht in Gefahr, über den Schnäppchen-Kauf von weißen Socken sich untreu zu werden.

Beim Bettgespräch zwischen Ehepaar Schüttlöffel über die Organisation des folgenden Tages im Zeitalter fast globalisierten Hetzens ist im Sinne eines Loriot-Highlights (Lottogewinner) getextet. Der köllsche Frittenbudenbetreiber kommt ebenfalls zu Wort über die „Bedrohung Deutschlands durch Salatisten und Sushi“. Dick sei „in“ wie Kohls Bauch als Überhangmandat für den Bundestag. Die Gespräche mit dem Polizeipsychologen bleiben aus staatlicher Sicht erfolglos: „Natürlich verhalte ich mich irrational und befasse mich mit Literatur. Noch einmal ist Rilke angesagt und „Faust“ für Immigranten. Freitag-Schiller versucht bei heutigen marktorientierten Verlegern seine „Räuber“ anzubringen und scheitert im Pilcher-Cornwall.

Der Kabarettist wird immer wieder ernst und klagt: „Unsere kulturelle Vielfalt verkommt zur Monokultur“, Buchladenketten verflachen ein längst nivelliertes Angebot. Freitag fordert Querdenker, Utopisten und Phantasten und am Ende predigt er für die Zukunft, aber „die Welt explodiert“ wie ein weiterer Sprengsatz vor der Bibliothek.

Thomas Freitag brachte beim Seesener Kulturforum echtes und echt gutes politisches Kabarett, verpackt in Szenen zwischen Marx, Bett und Bayern, und vor allem exzellent gewürzt durch exzellente schauspielerische Leistung.

Joachim Frassl