Tillys Tisch und Chinesen-Bart

Kaum war der Startschuss gefallen, machten sich die knapp 100 Teilnehmer bei idealen Temperaturen gut gelaunt vom Jacobsonplatz aus auf den Weg. (Foto: Kiehne)
 

Rundwanderweg entlang des „Grünen Fensters“ zeigt Seesen aus neuer Perspektive

Am vergangenen Samstag fand die offizielle Einweihung des Rundwanderweges entlang des „Grünen Fensters“ statt. Daran nahmen rund 50 Mitglieder des MTV-Lauf-Treffs sowie 30 Mitglieder des Harzklubs bei angenehmem Frühsommerwetter teil. Mandy Graul als Vertreterin des Stadtmarketings hieß die Teilnehmenden herzlich willkommen und stellte zu Beginn kurz die Strecke und Wanderführer/-innen vor. Alsbald wurde dann pünktlich um 16 Uhr der Startschuss auf dem Jacobson-Platz abgefeuert. Der Lauftreff bestritt die gesamten rund elf Kilometer, während die Wanderer sich auf die Hälfte beschränkten.
Die Idee mit den „Fenstern zum Harz“ war bekanntlich vor einigen Jahren ins Leben gerufen und ins Werk gesetzt worden. Sie hat manche Kritiken erfahren. Aber den Kritikern von urbaner Kunst kann man entgegenhalten, dass diese Fenster niemals geputzt werden müssen. Dadurch sind die Folgekosten äußerst moderat.
Wer sich unvoreingenommen auf die Route einlässt, wird sehr bald überrascht sein. Sie beginnt mitten in der Stadt. Lauter Verkehr umgibt den frischen Wandersmann. Nach nur fünf Minuten merkt er, dass Seesen am Rande des Harzes liegt, denn der Anstieg über die Bergstraße greift mächtig in die Beinmuskulatur. Dadurch abgelenkt, vergisst er schnell die Geräusche der Stadt und macht intuitiv eine kurze Pause. Der Blick zurück, der quasi als Bestätigung für die bereits erbrachte Leistung erfolgt, lenkt die Sinne dann noch einmal um: Vor den Füßen eröffnet sich ein grandioser Blick aus der Vogelperspektive in die weite Vorharzlandschaft. Spätestens jetzt hat die eigentliche Wanderung begonnen und die Sorgen des Talgrunds wandeln sich in die Vorfreude auf pure Natur.
Schon bald begegnet der Wandersmann dem Tisch Tillys und wechselt noch ein weiteres Mal die innere Perspektive. Er taucht ein in den Bereich der Historie. Ob Tilly nun wirklich von hier aus anno 1626 die Schlacht bei Lutter am Barenberge geleitet hat, bleibt wohl zwischen den Buchdeckeln der Archive verschlossen. Aber möglich wär’s ja, bedeuteten die Wanderführer des Harzklubs Karl-Heinz Borchers und Karl-Heinz Froböse durchaus glaubhaft.
Und nun folgte der Teil der Wanderung, der wirklich mitten in die schöne Mischwald-Natur des Harzes führt. Von der Dehnehütte und einem Gedenkstein, der an den Arbeitsdienst der Kriegszeit erinnert, führte der Weg auf festem Pfad weiter in den Sommerwald. Wanderführer Karl-Heinz Borchers nutzt die Stille des lichtdurchfluteten Sommerabends, um die Aufmerksamkeit der jetzt vollends zur Ruhe gekommenen Gruppe auf die kleinen Details zu lenken, die man im quirligen Alltag niemals erkennen würde. Zum einen erklärte er anhand eines mächtigen Buchenstamms, was ein „Chinesen-Bart“ ist. Während bei Nadelhölzern abgefaulte Zweige immer einen kleinen Rest im Stamm hinterlassen und beim Aufarbeiten die berüchtigten Astlöcher hinterlassen, verschließt der Buchenstamm die Wunde vollends und hinterlässt jeweils eine leichte Schattierung in der Rinde, die einem Chinesen-Bärtchen auffallend ähnelt. Zudem erläuterte er bei einer weiteren kleinen Pause, dass ein „Storchenschnabel“ in der Harz-Botanik kein Bringe-Werkzeug für kleine Babys, sondern vielmehr der Name eines sehr ansehnlichen heimischen, violett ausblühenden Wildkrauts ist.
Weiter führte der Weg hinunter zum Forellenstieg am Ortsausgang und (für die Wanderer) hinein in den Kurpark. Hier erwartete die Mannschaft eine angenehme Erfrischung aus Mineralwasser und Äpfeln, die an der sogenannten Muschel dankbar angenommen wurde. Das neuerliche Hochwasser hatte die Schildau an einer Stelle derart überspült, dass die Wanderer einen kleinen Umweg nehmen mussten, der aber von den Verantwortlichen durch eine Not-Beschilderung bestens ausgeschildert war.
Über die Kampstraße ging es dann zum Abendgeläut wieder zurück zum Jacobson-Platz, wo die Security für die folgende „Seesener Nacht“ schon die Absperrvorrichtungen eingerichtet hatte. Inzwischen waren auch die Läufer des MTV eingetroffen und bekamen wie auch die Wanderer eine Plakette an grünem Band umgehängt.
Grünes Fenster? Auf jeden Fall! Da dieses Fenster keine Scheibe besitzt, ist der Blick ganzjährig völlig ungetrübt. Daher ist es bes­-tens geeignet, einen raschen Wechsel vom Trubel des Alltags hinein in die wirklich schöne Natur des Nordwest-Harzes zu vollziehen. Wer als eingefleischter Seesener sich nur ein einziges Mal die Mühe macht, durch eines der sogar zum Sitzen geeigneten Fenster zu blicken, wird sehr schnell eine neue Perspektive seiner geliebten alten Heimat gewinnen.