Tobias Mann – Kabarett beim Seesener Kulturforum

„Nachhaltiger Humor und alternativloser Blödsinn“ war in den Vorankündigungen für die Kulturforums-Veranstaltung mit Tobias Mann versprochen worden.

„Nachhaltig“ mag der Abend dem Publikum in Erinnerung bleiben, wie auch den paar Solisten in der ersten Reihe. „Alternativlos“ stimmt irgendwie, denn die Verbindung vom kabarettistischem Wort mit comedianliker Performance, die Bandbreite des Lied- und Stimmguts auf der Bühne, von rockig bis klassisch-konservativ, zwischen Gitarre und Steinway-Flügel war einmalig und Tobias Manns politisches Kabarett war weit mehr als nur „Blödsinn“.

„Beim Kabarett sollte das Lachen im Halse stecken bleiben!“ Trotzdem bietet der „Humordienstleister“ genügend Stoff zum Lachen: Sigmar Gabriel bekommt wahrhaftig sein Fett weg. Die CDU braucht keine neue Philosophie, denn sie hat Mutti. Tobias spricht von der „Erdoganisierung des Publikums“ (wenn es schnell beleidigt sei) und ist auf der Suche nach dem Böhmermann Code. Stammtischparolen nennt er „Herumsödern“.

Manns Maxime: „Kabarett tritt immer nach oben!“ Aber: „Eine Ausgewogenheit des Kabaretts ist falsch!“ So nennt er den AfD-Gauland einen „Gelegenheitshumanisten“ und die vollen Kassen jener Partei „Braun-Kohle“.

Tobias Mann rockt zur Musikkonserve („Hallo, liebe Zukunft“). Ein brilliant getextetes Lied wagt sich an die Feinheiten der deutschen Sprachformen heran und geriert zu einem „Grammatical“. Die Geschichte ist einfach gestrickt: „Ein Hauptsatz und ein Nebensatz spielen zusammen Skat. ...“ Das ist intelligenter Nonsens und „irgendwann muss jedes Verb sich beugen!“ Aktuell fehlende „Vordenker“ wie Lilienthal oder Pythagoras, mit mathematischem „Klugscheißer im Publikum“, die Gehälter als Barauszahlungen in Kleingeld an die Manager, Einsteins Relativitätstheorie, Zeitreisen und „Bildungsreisen in die Vergangenheit“, Vorratsdatenspeicherung und Generalverdacht sind frische Themen in der deutschen Kabarettlandschaft.

Das klavierbegleitete Lied „Ich glaube, glaub´ich, an das Gute“ differenziert zwischen Realität und Traum: „Und außerdem hab´ich gestern Nacht den Nikolaus gesehen.“ Marketing ist „Merkelting“, der „Hornbach-Hammer“ ist erfolgreiche Hybris („Dein Wille geschehe!“). Den aggressiven Werbebotschaftskürzeln setzt Tobias Mann sein Erziehungs-Leitmotiv gegenüber und „das heißt Liebe.“

In der Tat ist Mann wohl Deutschlands flinkster Komiker. Zwei Stunden des dick gepackten Themenrucksacks lassen beim Seesener Kulturforum nie Langeweile, aber auch kein weiteres Nachdenken zu. Da tut es gut, dass der Kabarettist am Ende die Apokalypse mit Steffen Seibert als Kurzfassung des Abends schlagwortartig in Erinnerung ruft. Tobias Mann wird vom Publikum gefeiert und kommt nicht ohne Zugaben von der Bühne.

Joachim Frassl