Todesmärsche 1945 – Verein „Spurensuche“ erinnert an Gräueltaten

Über Seesen zum Konzentrationslager Bergen-Belsen

Am Ende des 2. Weltkrieges wurden von den SS-Wachmannschaften viele KZ-Häftlinge in sogenannten „Todesmärschen“ kreuz und quer durch das NS-Reich getrieben. Damit sollte einerseits die Arbeitskraft der Häftlinge zumindest teilweise für andere Lager erhalten werden, aber auch Beweise ihrer Verbrechen in den KZ und Vernichtungslagern vor den heranrückenden alliierten Truppen durch die Beseitigung der Opfer vertuscht werden. Durch diese Märsche kamen von den 1944 registrierten 714.000 KZ-Häftlingen wahrscheinlich mindestens ein Drittel ums Leben. Häufig wurden nicht marschfähige Häftlinge in großer Zahl brutal erschossen.
Im April 1945 gab es mindestens vier Todesmärsche mit KZ-Häftlingen, die durch Seesen oder nahe an Seesen vorbei führten.
Der erste Todesmarsch führte am 4. April von Bad Gandersheim über Bad Grund nach Braunlage, wobei mehrere Gefangene bei Bad Grund erschossen wurden. Ein zweiter Todesmarsch führte vom Außenlager Kleinbodungen (Mittelbau-Dora bei Nordhausen) nach Bergen-Belsen und kam am 6. April 1945 durch Seesen. Ein dritter Todesmarsch mit Jugendlichen führte am 7. oder 8. April von Moringen aus über Seesen nach Vienenburg / Lochtum. Grauenhafte Szenen spielten sich am 10. April ab, als ein überfüllter Eisenbahnzug mit Häftlingen aus dem KZ Mittelbau-Dora in Münchehof „strandete“.
Der zweite, bereits erwähnte Todesmarsch führte von Kleinbodungen (Mittelbau-Dora) über Seesen nach Bergen-Belsen. Als sich Anfang 1945 alliierte Truppen dem südlichen Harz nähern, versucht die SS-Führung, die Häftlinge aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora und seinen Außenlagern nach Bergen-Belsen und Sachsenhausen zu verlegen. Mehr als 40 000 Menschen waren in diesen Todesmärschen unterwegs. Mehr als ein Viertel hat das nicht überlebt. Der Seesener Joachim Stuffel sowie Dr. Friedhart Knolle vom Verein Spurensuche Harzregion e.V. erinnern 66 Jahre nach den grauenvollen Taten an die Ereignisse, die sich während der Todesmärsche zugetragen haben.
Es waren böse Tage. Unablässig marschierten die Gefangenen vorbei: Langsam im Schneckentempo, zerlumpt, ausgemergelt, hinkend, brennende Holzstücke im Eimer vor sich tragend gehen sie ihren Weg. Den allertraurigsten Anblick machen die auf einem Lastwagen beförderten rund 150 dem Tode geweihten Kranken. Abgemagert bis zum Skelett, rupfen sie trockenes Gras ab, sammeln Holzstückchen, um sich ein wärmendes Feuer zu machen. Als eine Frau ihnen Kartoffel kochen will, lehnt der Kolonnenführer das mit den Worten ab: „Gefangene brauchen nicht zu fressen“, berichtet die sogenannte „Schulze-Chronik“ aus Meinersen-Ohof, einem Ort zwischen Braunschweig und Celle/Bergen-Belsen. Meinersen war ein Knotenpunkt. Eine dieser Kolonnen schleppte sich am 6. April 1945 auch durch Seesen. Sie lagerte hier eine Nacht und marschierte am Morgen des 7. April 1945 weiter in Richtung Meinersen beziehungsweise zum Konzentrationslager Bergen-Belsen.
In seinem Ende 2010 erschienenen Buch „Ein Schuss in den Hinterkopf – die Geschichte des Kriegsverbrechers Wilhelm Dörr“ (Westernohe 2010) berichtet der Westerwälder Heimatforscher Wolfgang Gerz von diesem Todesmarsch.
Am 5. April starten demnach 613 KZ-Häftlinge vom Außenlager Kleinbodungen nach Bergen-Belsen. Am zweiten Tag, dem 6. April, fiel die Strecke maßvoller aus. Seesen war nach rund 20 Kilometern erreicht. Hier übernachteten die Häftlinge außerhalb der Stadt in zwei Feldscheunen an der Braunschweiger Straße in Höhe Winkelsmühle. Eine Scheune war der SS vorbehalten, in der anderen suchten die Gefangenen Unterschlupf.
Es fanden aber längst nicht alle darin Platz, so dass ein Großteil auf freiem Feld nächtigen musste. Trotz der relativ kurzen Tagesstrecke waren zwei Männer zusammengebrochen, ein weiterer in einem sehr erbärmlichen Zustand. Hier bei den Feldscheunen geschahen dann die ersten Morde auf dem Marsch. Am Morgen des 7. April 1945, kurz vor dem Abmarsch, hat Unterscharführer Wilhelm Dörr die drei Männer mit sich in die Scheune genommen, berichtet ein Zeuge. Er ließ sie niederknien und schoss zwei von ihnen je zweimal in den Hinterkopf. Der dritte Mann versuchte zu entkommen und weitere Schüsse fielen. Einige Gefangene haben dann ein flaches Grab neben der Scheune ausheben müssen ...
Als die US-Armee Mitte April Seesen eingenommen hatte, meldeten zwei Bürger der Stadt einen Leichenfund. Die Amerikaner begaben sich am 18. April zum Fundort der Leichen. Es kamen drei männliche Körper zutage, die an ihrer Kleidung eindeutig als KZ-Häftlinge zu erkennen waren. An zweien von ihnen führte Major Bolker eine Autopsie durch. Die beiden US-Soldaten gaben Anweisung für eine Überführung auf den städtischen Friedhof.
Nach diesen Morden marschierten die Häftlinge dann am Morgen des 7. April weiter in Richtung Salzgitter. Etwa einen Kilometer hinter Seesen, bei der alten Kiesgrube „Paradiesgrund“, erschießt Dörr zwei weitere völlig entkräftete Männer, einen Polen und einen Franzosen. Am 6. November 1948 veröffentlichten die „Hannoverschen Neusten Nachrichten“ in ihrer Lokalausgabe Harz eine Kurzmitteilung: „Seesen: In einer Kiesgrube wurden zwei Skelette gefunden. Nach Kleiderresten dürfte es sich um KZ-Häftlinge handeln.“
Von den 613 in Kleinbodungen losmarschierten Gefangenen kamen am 11. April nur noch 590 in Bergen-Belsen an. Die Zustände in Bergen-Belsen waren unbeschreiblich. Über 18 000 Menschen fanden hier allein im März 1945 den Tod. 200 bis 300 Fälle von Kannibalismus werden berichtet. Ein Foto zeigt Unterscharführer Dörr vor einem riesigen Leichenhaufen. Selbst als die Engländer das Lager am 15. April befreiten, sind tausende Häftlinge nicht mehr zu retten. Die Menschen waren so entsetzlich zugerichtet, dass von April bis Juni nochmals 14 000 Menschen starben. Am 13. Dezember 1945 wurde Wilhelm Dörr von einem britischen Henker in einem Hamelner Zuchthaus hingerichtet. bo