Über die jiddische Beköstigung

Noch bis zum 19. Juli ist die Ausstellung „Alles koscher” im Städtischen Museum zu sehen.

Freundeskreis Städtisches Museum: Dr. Joachim Frassl gibt Einblicke in das koschere Leben in Seesen

Der „Freundeskreis Städtisches Museum Seesen“ hatte am Donnerstag zu einem Vortrag in das Museum eingeladen. „Alles koscher in Seesen?“ lautete die Frage, der Dr. Joachim Frassl nachgehen wollte.

Frassl hatte den Titel seines Vortrags bewusst zweideutig gewählt und zudem mit Fragezeichen versehen. Die anfängliche Feststellung, der Begriff „koscher“ tauche an keiner Stelle in Seesener Schriften auf, man müsse quasi versuchen zwischen den Zeilen zu lesen und eine endgültige Antwort sei nicht zu erwarten, setzte den Spannungsrahmen für das Thema.
Das Publikum, rund 50 Interessierte waren gekommen, erfuhr zunächst Allgemeines zu den jüdischen Speisegesetzen: Frassl zitierte zwar einzelne biblische Stellen, betonte aber auch, wie sehr die Gesetze durch ökonomische Überlegungen in jenem kärglichen Land Kanaan, wo laut Verheißung „Milch und Honig fließt“, sich quasi aus den Lebensbedingungen heraus entwickeln. Er zeigt aber auch, wie sich durch rabbinische Interpretation der Koscher-Kanon im Verlauf des Mittelalters erweitert und verschärft hat.
Interpretation, das heißt: die individuelle Perspektive spielt eine große Rolle. Das Publikum erfuhr dies unter anderem auch durch die Erzählung verschiedener jiddischer Witze um Schinken oder Fisch und um die Versuche des Moses, die göttlichen Gesetze richtig zu verstehen. Augenzwinkernd wird auch auf das Gerücht verwiesen, in Berlin wolle ein sehr konservativer Rabbiner unkoschere Tiere aus den Bilderbüchern schneiden. Was würde also mit der Raupe Nimmersatt?
Dr. Frassl machte sich immer wieder zum Anwalt Israel Jacobsons, dem im Verlauf des 19. Jahrhunderts Assimilationsbestrebungen zur christlichen Umwelt vorgeworfen wurden: „Israel Jacobson, und das wird immer wieder in den Texten zur Jacobson-Schule deutlich, will an keiner Stelle am jüdischen Gesetz rütteln.“
Frassl suchte in der Kleidung der Zöglinge, in ihrem schulischen Stundenplan und in den Erwartungen an die Hausmutter nach den Hinweisen zu der „jüdischen Beköstigung“, der geforderten „rituellen Reinheit“ und der „nach der herkömmlichen Sitte“ geleisteten Erziehung.
Selbstverständlich ließ es sich der gelernte Kunsterzieher und Kunstwissenschaftler nicht nehmen, auch anhand eines Gemäldes von Moritz Daniel Oppenheim („Die Heimkehr des Freiwilligen aus den Befreiungskriegen“) das Bild als Darstellung der Umbruchssituation des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert zu verstehen.
Ein assoziativer Vergleich gelang über das Oppenheim-Werk auch hin zu einer kleinen „Häuslichkeits“-Szene in der Bildwelt des Fensters aus dem ehemaligen Direktorenhaus, das im Obergeschoss des Städtischen Museums ausgestellt ist.
Der Vortrag endete mit den Feststellungen: „Im Seesener Schulinstitut wurden zu Zeiten Israel Jacobsons die Speisegesetze eingehalten“ und die Definition von „koscher“ ist eigentlich immer Interpretationssache gewesen. Diese Interpretationen verdeutlichen noch einmal einige jiddische Witze.