Unterricht wie in einer Dorfschule

Politiklehrer Dr. Thomas Droste beim Unterricht mit Flüchtlingskindern. Aufgrund der unterschiedlichen Alters- und Leistungsstufen vergleicht der Pädagoge die Arbeit mit der in einer „Dorfschule“.
 
Die 17-jähriger Syrerin Omeima Alhosini begreift Deutschland als Chance. Das tut auch der 14-jährige Hamid Abdulahmad aus Afghanistan.

Wie die Oberschule Seesen die schulische Integration von Flüchtlingskindern meistert

Der Zustrom von Flüchtlingen aus aller Welt ist schon länger kein Phänomen mehr, das wir in bequemer Haltung vom Sofa aus im Fernsehen verfolgen sollten. Die Menschen, die aus von Kriegen zerrütteten Ländern wie Syrien und Afghanistan nach Europa fliehen, oder die Zuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen aus den Balkanstaaten gehört inzwischen zum europäischen und somit auch deutschen Alltag.
So werden beispielsweise die Zahlen der alleine im Landkreis Goslar zu erwartenden Flüchtlinge regelmäßig nach oben korrigiert. Stand jetzt können wir davon ausgehen, dass wir bis zum Ablauf dieses Jahres rund 1.000 Asylbewerber in Empfang genommen haben. Unterbringung und Finanzierung für einen Moment ausgeklammert, haben die Flüchtlinge laut der Genfer Flüchtlingskonvention im Aufnahmeland noch weitere Ansprüche.
Dazu zählt nicht nur die Versorgung im Krankheitsfall, sondern auch, dass beispielsweise Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter das Recht auf den Besuch einer Schule haben. Eine Herausforderung, die die Schulen im Landkreis nahezu ohne Vorbereitung trifft und jede Menge persönliches Engagement der Lehrkräfte erfordert. Wie Schulen mit dieser anspruchsvollen Aufgabe umgehen, kann am Beispiel der Oberschule Seesen gut veranschaulicht werden.
Wenn man Schulleiterin Annegret Tuchtfeld und ihren Stellvertreter Daniel Beyer fragt, wie viele Flüchtlingskinder die Schule noch aufnehmen kann, geben die beiden Lehrer eine bemerkenswerte Antwort: „Hätten sie uns das vor anderthalb Jahren gefragt, dann hätten wir wahrscheinlich gesagt, dass insgesamt nicht mehr als zehn Flüchtlingskinder zu stemmen sind. Inzwischen zählen wir aber rund 30 Flüchtlinge und trauen uns, wenn es die Situation erfordert, auch noch ein paar mehr zu.“

Oberschule wird von 30 Flüchtlingen besucht

Diese Aussage rührt jedoch nicht von einem überzogenen Selbstbewusstsein her, sondern ist Ergebnis eines Prozesses, den die Schule konsequent verfolgt. Mit viel Engagement, ein wenig Glück und gutem Improvisationstalent ist es dem Kollegium der Schule gelungen, einen Rahmen zu schaffen, der eine leistungsgerechte Beschulung der Flüchtlingskinder gewährleistet.
Die Kinder kommen aus Krisenländern wie Syrien, Afghanistan oder den wirtschaftlich schlecht gestellten Balkanstaaten. Manche von ihnen haben noch nie eine Schule von innen gesehen. Kenntnisse der deutschen Sprache sind nicht vorhanden und auch die Verständigung in der Weltsprache Englisch funktioniert eher leidlich.

Schule ist vollständig auf sich allein gestellt

Zudem erhält die Schule auch überhaupt keine Informationen darüber, wann ein neues Flüchtlingskind vor der Tür steht und was dieser junge Mensch schon alles durchlitten hat. „Es ist schon passiert, dass eines Morgens ein Kind vor dem Lehrerzimmer stand und sagt „Jetzt Schule!“, beschreibt Annegret Tuchtfeld die Situation. Und Daniel Beyer beklagt, dass es eigentlich so gut wie keine Netzwerke gäbe. „Die Strukturen, die Schulen benötigen sind nicht vorhanden oder werden erst geschaffen“, erläutert Daniel Beyer.
So würde das Seesener Kollegium beispielsweise gerne auf das Angebot eines „Übersetzerpools“ zurückgreifen, damit beispielsweise im Fall eines arabisch sprechenden Schülers schnell entsprechende Kontakte geknüpft werden können. Bisher musste sich die Oberschule stets selbst um Übersetzer kümmern, hatte dabei bisweilen jedoch stets das Glück auf ihrer Seite.
Glück im doppelten Sinn hat die Seesener Lehranstalt auch mit ihrer Kollegin Alisa Isic, die gebürtig aus Bosnien stammt, serbisch als Muttersprache spricht und in ihrem Studium eine Zusatzqualifikation für „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ) erworben hat. Die junge Lehrerin ist verantwortlich für den Deutschunterricht der Flüchtlingskinder und bietet einen Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene an.
Sie sagt, dass die Flüchtlingskinder in den Deutschkursen Stück für Stück auf die Teilnahme am regulären Unterricht vorbereitet werden. Das individuelle Leistungsvermögen der Kinder unterliege jedoch enormen Schwankungen. „Manche der Flüchtlingskinder haben noch nie eine Schule von innen gesehen oder haben Schulen besucht, die vollkommen anders arbeiten“, so Isic, und darauf müsse sie sich eben einstellen.

Sozio-kulturelle Unterschiede wiegen schwer

Es sind aber nicht nur die unterschiedlichen Sprachkenntnisse und Bildungshintergründe, die es Alisa Isic und ihren Kollegen nicht einfach machen, sondern es sind auch die sozio-kulturellen Unterschiede.
So berichtet Daniel Beyer von einem doch recht ungewöhnlichen Ereignis. Als eine Schülerin aus Syrien in der Pause geschubst wurde, verlangte ihr Vater, dass der Täter öffentlich verprügelt wird. In Syrien ist das offensichtlich eine übliche Vorgehensweise um Täter zu bestrafen. In Deutschland pflegen wir in solchen Fällen jedoch einen anderen Umgang.
Wie Direktorin Tuchtfeld erklärt, war es gar nicht so einfach den syrischen Vater von seinem Vorhaben abzubringen, da er nicht einsehen wollte, warum der Täter ohne Prügelstrafe davon kommen sollte. Dieses Beispiel ist vielleicht ein wenig drastisch, zeigt aber, wie vielseitig die Anforderungen an die Oberschule im Umgang mit Flüchtlingen sind.
Die Schüler, die bereits bessere Deutschkenntnisse vorweisen können, werden neben dem Deutschunterricht noch in einer Übergangsgruppe betreut, die sie gezielter auf den Unterricht im normalen Klassenverband vorbereiten soll.
In dieser Gruppe unterrichtet Dr. Thomas Droste Politik. Eigentlich, so der Grundgedanke, soll dieser Unterricht den Flüchtlingen auch helfen, gesellschaftlich und politische Zusammenhänge in der Bundesrepublik zu verstehen, aber Dr. Droste übt mit den Flüchtlingen im Alter zwischen elf und 19 Jahren auch Alltagssituationen wie den Einkauf im Supermarkt.

„Unterricht wie in einer Dorfschule“

Den Unterricht in der Übergangsgruppe beschreibt Dr. Droste als eine Art „Dorfschule“. „Wir haben hier Kinder von der 5. bis 10. Klasse und müssen alle unter einen Hut zu bringen. Das ist wirklich ein bisschen wie auf einer Dorfschule“
Dem Pädagogen Droste scheint das jedoch offensichtlich sehr gut zu gelingen. Die Schüler schätzen ihn. Das spürt man als sie ihn zum Unterrichtsbeginn begrüßen. Insgesamt unterrichtet Dr. Droste in dem Politikkurs am Freitag elf Schüler, die aus Afghanistan, Syrien, Albanien und Serbien stammen. Doch nicht nur das Leistungsniveau, sondern auch die Leistungsbereitschaft ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. „Es gibt Schüler, wie auch unter unseren deutschen Schülern, die haben überhaupt keine Lust. Dann gibt es aber wiederum auch solche, die großen Willen zeigen“, beschreibt Dr. Droste.

Omeima Alhosini begreift Deutschland als Chance

Da ist beispielsweise die 17-jährige Omeima Alhosini aus Syrien. Sie ist 2013 mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern über den Libanon nach Deutschland gekommen. An Deutschland schätzt die in Homs geborene Omeima die Freiheit und die herrliche Natur des Harzes. Ihre Deutschkenntnisse sind bemerkenswert und man merkt, dass sie ungeheure Freude am Unterricht hat. Sie will hier bleiben und nicht zurück in ihre Heimat. Bei einem Praktikum in der Sehusa-Apotheke hat sie ihren Wunschberuf kennengelernt. Sie will Apothekerin werden und verfolgt dieses Ziel mit großer Akribie.
Ähnlich verhält sich die Situation auch beim 18-jährigen Massoud Abdulahmad aus Afghanistan. Sein Vater hatte neun Jahre für die in seinem Heimatland stationierte Bundeswehr gearbeitet. Im Zuge des Truppenabzuges wurde der Familie von Massoud das Angebot gemacht nach Deutschland zu kommen. Zusammen mit seinem 14-jährigen Bruder Hamid besucht er die Oberschule.
Auch Massoud will in Deutschland bleiben. Um hier Fuß zu fassen, so erklärt es der 18-jährige Afghane, „muss er jedoch ganz viel Lernen und schnellstmöglich die deutsche Sprache beherrschen“. Sein jüngerer Bruder Hamid ist ebenfalls glücklich in Deutschland zu sein und begreift dieses auch als Chance.
Die 13-jährige Rana Fashwal aus Syrien sieht Deutschland mit gemischten Gefühlen. Zwar sei der Großteil der Menschen hier sehr nett, doch sie habe es auch schon erlebt, dass Schüler über sie gelacht haben, weil sie ein Kopftuch trägt. „Das macht mich traurig, denn es ist doch meine Religion“, sagt Rana. Ihre 15-jährige Schwester Sarah Fashwal wollte eigentlich gar nicht nach Deutschland, sondern in ihrer Heimat bleiben. „In Syrien konnte ich alles verstehen und hatte dort meine ganze Freunde. Der Bürgerkrieg hat jedoch alles verändert und wir haben alles verloren“, berichtet Sarah Fashwal, die ebenso wie ihre Schwester ein Kopftuch als äußeres Zeichen ihrer Religion trägt.
Die Oberschule Seesen beweist mit ihrem Angebot, dass die Integration von Flüchtlingen gelingen kann. Sie erfordert jedoch jede Menge Engagement und die Bereitschaft eigene Ressentiments auszuklammern.
Dass es für die Lehrer und Schüler der Oberschule Seesen selbstverständlich ist, die Flüchtlinge in ihrer Schule willkommen zu heißen, fasst am besten ein Satz von Daniel Beyer zusammen: „Die Flüchtlingskinder gehören zu unserer Stadt und somit natürlich auch zu unserer Schule.“