„Vielleicht erfahren Sie ein bisschen, wie ich ticke“

Reinhold Messner berichtet über seine Erfahrungen im Klettern und Bergsteigen. Fotos: Kiehne (2) / Mateo (Foto: Mateo)
 
Extrembergsteiger Reinhold Messner erfüllte sämtliche Autogrammwünsche...

Reinhold Messner beim Kulturforum Seesen zu Gast / Heute Nachkletterer hinter seinem Sohn

Am Limit sind die Sitzplätze in der voll besetzten Aula beim Seesener Kulturforum. Dichtes Gedränge am Bücherstand um den Extrembergsteiger herum: lange vor Beginn des Vortrags und auch hinterher. Mit stoischer Ruhe reagierte Reinhold Messner auch auf die Sonderwünsche des Publikums: Hier ein Autogramm auf den Schaft eines bergerfahrenen Eispickels oder auf mitgebrachte Südtirol-Urlaubsbilder.
Man möge in seinem Vortrag über Berge – so Messner zu Beginn – „keine Sensationen“ erwarten, „aber vielleicht erfahren Sie ein bisschen, wie ich ticke.“ Im Scheinwerferspot auf der Vorbühne, neben der riesigen Projektionsleinwand, führt er in seine Welt und seine Berge ein. Die Vision beginnt beim Mt. McKinley in Alaska (1976) in Mitternachtssonne bei 50 Grad minus; weist in eine vergangene Einsamkeit dorthin, „wo heute Tausende von Touristen“ zu finden sind. Messner führt das Publikum in die antarktische Welt: „Ich fühle mich zurückversetzt in die letzte Eiszeit.“ So muss es damals auch in Südtirol ausgesehen haben, nur die Geisler-Spitzen ragten heraus.
Er sei schon früh zum Felskletterer geworden, begründet aus „kindlicher Notwendigkeit“. Im Klettern erreiche er einen „Fließzustand in großer Konzentration“. Das „Felsklettern“, die „Vertikale“ und schließlich auch die „Horizontale“ sind die drei Themengebiete des Vortrags. Dabei redet Messner nicht nur von sich selbst. Der Kampf um den Mount Everest bietet spannende Geschichten um Mallory (1920er Jahre) und Hillary (1953). Im Jahre 1978 schaffen Messner und Peter Habeler den höchsten Berg der Erde erstmals ohne Hilfe von Sauerstoffgeräten. Oben war kaum Platz zum Stehen, die Gipfel­euphorie kam erst später, nach dem Abstieg: „Es war wie eine Wiedergeburt“.
Reinhold Messner hat alle 14 Achttausender der Erde bezwungen; was gäbe es da für weitere neu setzbare Limits? Besteigung der höchsten Berge im „Alpenstil“, „im Alleingang“, Messner als „Grenzgänger an den Polen“ (2800-Kilometer-Überquerung der Antarktis). Es sind auch Berichte vom Scheitern „Ich bin ein ganz normaler Mensch!“, aber danach müsse man das Vergangene durchdenken und neue Versuche starten. Nach einem Unfall am heimischen Haus nutzt er als Abgeordneter seine „Zeit als Invalide im Europa-Parlament“; mit 60 führe er nur noch „kleine“ Expeditionen durch, wie zu Beispiel nach Patagonien. Das Thema zuletzt widmet Reinhold Messner der „Erinnerung“: Das immer noch wachsende (!) Eis der Antarktis berge alle Klimadaten der vergangenen Millionen Jahre; er selbst habe Erfahrungen in sich gespeichert und versucht, durch seine Museums-Projekte in Süd­tirol Welt-, Menschen-, und Bergerfahrung zu vermitteln.
In Juval setzt er sich mit den „heiligen Bergen“ auseinander; die Objekte sind Kunst, Reliquien und „Aussagen“. Beiläufig erfährt das Publikum beim Seesener Kulturforum auch, dass Messner die Yeti-Legende als „ursus arctos“ aufgeklärt hat. Messner ist älter geworden und klettert heute als „Nachkletterer“ hinter seinem Sohn her.
Am Ende des Lebens sei es nicht wichtig, was man selbst habe; wichtig sei stets das eigene Aneignen. Respekt und Demut klingen den ganzen Abend über an, nicht die Höchstleis­tungen. Joachim Frassl