Vince Ebert beim Seesener Kulturforum

Inzwischen ist Vince Ebert zum dritten Mal zu Gast beim Seesener Kulturforum. Auf "Max & Moritz" wird das neue Datum hinzugefügt.
 
Kabarettist Vince Ebert erklärte seine Theorien zur Evolution in Seesen. Der Physiker unter den Kabarettisten, blieb seinem Image treu: Von Urknall bis Untergang war alles dabei

Diplomierter Physiker und Kabarettist? Geht das zusammen? Vince Ebert sagt: ja! Neben Angela Merkel und Oskar Lafontaine wäre er keine Ausnahme.

Inzwischen ist Vince Ebert zum dritten Mal zu Gast beim Seesener Kulturforum. Bei vollem Haus breitet er die „Evolution“ vor dem Publikum aus, es wird eine schulisch passend berechnete Doppelstunden-Vorlesung, hoch der Anspruch, verblüffend die Hinterfragungen und durchgängig gymnasial im Transferbereich:

Vom unhörbaren „Urknall“, von Galaxien hin zu Atomen, von „Zeit“ und „Raum“ und Einstein zu Unendlichkeit und Sterblichkeit und physikalischem Teilchen-Weiterleben: „Unsere Welt war schon in allen Einzelteilen zu 80% vorhanden, und das drei Sekunden nach dem Urknall, 13,8 Milliarden Jahre zurück.“ Von DNA-Ketten-Konstellationen springt er zum Borkenkäfer, von Starbucks zum „Fuck & Go-Prinzip“ im Animalischen, von der Inzucht bei den Blattläusen zu den Urstoffen des Lebens, von „fälschungssicheren Signalen der Männer an die Frauen“ gelangt er zur sexuellen Mimikri beim Tintenfisch: „Von Tinten- zum Tuntenfisch!“ Überlebensstrategien – Darwin lässt grüßen – werden verglichen: Der keulenschwingende homo brandenburgiensis mit den weitaus größeren Chancen gegen, bzw. über den labernden homo waldorfiensis („survival of the fittest“).

Der Kabarettist (oder Physiker?) wird anschaulich, nicht nur sprachlich. Sein tablet-Computer steht als „White Board“ in Fernsehgröße auf der Bühne. Vince Ebert wischt die illustrativen Bilder auf den Bildschirm. Wenn eine Wirklichkeit zu problematisch oder abgrundtief hässlich wird, besänftigen süße Kuschel-Kätzchen-Fotos die Menschheit im Saal.

Die erste Unterrichtsstunde ist die eines In-Frage-stellenden Physikers zur Vorstellbarkeit der Welt, nach der Pause ist es der Kabarettist Vince Ebert, der sich auf die Suche nach der kulturellen Evolution des Menschen macht. Kaum hat der Mensch das Feuer für sich entdeckt, beginnt drei Tage später die Grillsaison und „ohne die Erfindung der Glühbirne säßen wir heute noch bei Kerzenschein vor dem Fernseher.“ Die evolutionär anti-vegane Darmkonstellation des Menschen bekommt ihr Fett weg, das psychotische Schunkeln beim „Musikantenstadl“ erinnert Ebert an Zoo-Erlebnisse. Seine Erfahrungen mit Whiskas und die Ausrottung der Spitzmäuse in der Nachbarschaft lassen den Menschen Ebert über ethnische Säuberungen im Tierreich nachdenken. „Ja, Humanität ist eine typisch menschliche Eigenschaft!“

Die Frage nach einem „Plan“ der Evolution ist auch die nach dem „intelligenten Designer“ dieses Werks. „Wenn man sich im menschlichen Körper umschaut, muss man allerdings daran zweifeln: Das linke Ohr ist mit der rechten Hirnhälfte verbunden, Luft- und Speiseröhre sind gekreuzt, die Abwasserleitung läuft direkt durchs Vergnügungsviertel.“ So sieht es jedenfalls Vince Ebert.

Am Ende des Programms steht auch das Thema „Tod“ an. Sich unsterblich machen durch Kinder und Ideen, das sind die Vorschläge des Physikers, der Hinweis auf die am Wiener Zentralfriedhof eingerichteten Kurzparkzonen die Antwort des Kabarettisten. Die menschlichen Atome werden weiter bestehen, das ist echt galaktisch gedacht.

Nach zweimal 45 Minuten plus Pause sind die Unterrichtsstunden beim Seesener Kulturforum zu Ende. Man wartet jetzt eigentlich auf den Pausengong. Fazit: Naturwissenschaften und Weltformeln können sehr spaßig, aber auch bildhaft verkürzt, verfälscht und verstehbar sein. Das Publikum dankt dem kabarettistischen Physiker mit herzlichem Applaus.

Joachim Frassl