Volkstrauertag in Seesen: „Gedenken an Schrecken ist auch immer Warnung vor neuem Schrecken“ 

Bürgermeister Erik Homann gedachte zuvor der Opfer von Gewalt und Krieg.
 
Rolf Ballof hielt die Ansprache.

Rolf Ballof, Repräsentant des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, spricht mahnende Worte am Ehrenmal

Volkstrauertag 2012 in Seesen – die Gedenkfeier gestern am Ehrenmal stand wiederum nicht nur im Zeichen der Erinnerung, sondern auch im Zeichen der Mahnung. Rolf Ballof, der als Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge nach dem Totengendenken von Bürgermeister Erik Homann die Ansprache hielt, erinnerte zu Beginn seiner Rede an einen Ausspruch des ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss aus dem Jahr 1952: „Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.“ Rolf Ballof: „Diese mahnenden Worte heute hier wiederholt, machen uns die Unterschiede der Zeiten zwischen damals und heute deutlich. Theodor Heuss sprach aus der Erfahrung schrecklicher zweier Kriege und des jahrelangen Erlebens der Verfolgung durch die Nationalsozialisten für sich, seine Familie und seinen Sohn Ernst Ludwig, der zum aktiven Widerstand gehörte.“
Ballof thematisierte die Frage, welche Erfahrungen die Menschen heute mit den Worten „dass Frieden bleibe, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern“ verbinden. Realisiere man heute angesichts der Schrecken der Zeit bis 1945, die Änderungen sowohl zum Positivem wie zum Negativen – oder meine der Blick dieselbe Wirklichkeit wie Heuss sie damals sah?
Die heutige Generation habe Jahre des Zusammenwachsens Europas, des Endes von Verfolgungen im östlichen Teil Europas, den Tag des Falls der Mauer und die Tage der Wiedervereinigung erlebt und war zu großen Teilen davon überzeugt, dass mit der Wende in Europa das Zeitalter des Friedens auf dieser Welt angebrochen sei.
Ballof stellte die Frage auf: „Sind heute nicht auch Worte der Dankbarkeit für die so lange Abwesenheit von Krieg und für den Zustand des Friedens in Europa angebracht?“ Er habe sich oft gefragt, was „wir mit unserem Gedenken am Volkstrauertag bewirkt haben und bewirken“.
Habe man Kriege verhindert, die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen, gefördert, menschlichere Zustände herbeigeführt? Was ist der persönliche Beitrag zum Friedensnobelpreis für die EU? Er sei sicher, dass die Empfindlichkeit gegen Gewalt, Bereitschaft zu gewaltlosen Regelungen und ein Mitgefühl für diejenigen, die in dieser Welt Unrecht erleiden, gewachsen seien.
Auch wenn direkter Einfluss nicht nachweisbar sei, man habe mit den Gedenken einen Beitrag geleistet. Seit Mitte der 90er Jahre hat die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen abgenommen, Forscher sagen, die Zahl der Kriege sei um 40 Prozent zurückgegangen. Sie führen den Rückgang auch auf die Interventionen der UNO zurück. Deutsche Soldaten stehen in Afghanistan und in der deutschen Öffentlichkeit wird über ein Mandat in Mali diskutiert.
Ballof: „Neue Gewaltauseinandersetzungen drohen; es sind nicht mehr Kriege, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen und die uns vor Augen stehen, wenn wir heute hier gedenken. Man spricht von asymmetrischen und entgrenzten Kriegen, in denen wie zum Beispiel bei Terror nicht zwei Gegner eindeutig auszumachen sind und keine klaren Grenzen zwischen ihnen zu ziehen sind.“

„Eigentlich schon ein dritter Weltkrieg“


Im weiteren verwies der Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge auf Claudio Magris. Magris, der 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Dieser hatte 1986 in seinem Werk Danubio (Donau), eine Vision eines von Stacheldraht und Mauer freien und ungeteilten Mitteleuropas entworfen, was bald darauf Wirklichkeit wurde. Er hatte angesichts von 20 Millionen Toten in kriegerischen Auseinandersetzungen seit 1945 darauf aufmerksam gemacht, dass eigentlich schon ein dritter Weltkrieg stattgefunden habe.
Aber, so Ballof, welche Kriege meint er, in wessen Namen werden sie geführt? Für Magris sei der Kampf um Grenzen Ursache von kriegerischen Auseinandersetzungen – damit meine er aber nicht die Kämpfe um die Grenzen zwischen Staaten – auch wenn es die noch gibt und leider auch weiter geben wird – sondern Grenzen zwischen Arm und Reich, satt und hungrig, zwischen Wasserbesitzern und Wasserbedürftigen, zwischen Gruppen, die in einem auskömmlichen Klima leben und denen, deren Lebenschancen durch das Klima gefährdet sind.
Ballof: „Die Bilder von Kriegen sind anders geworden, die Gefahren für Menschen müssen anders, als wir es mit unserem Gedenken tun, wahrgenommen werden.
Für Magris sind die Opfer der modernen Kriege nicht die Gefallenen von Kämpfen und Schlachten, sondern Menschen aus Gruppen mit und ohne nachhaltige Lebenschancen in dieser sich ändernden Welt.“
Arbeit für den Frieden bedeute daher nicht mehr nur Versöhnung der Nationen, sondern Überwindung der neuen Grenzen, die den Frieden gefährden können und es schon tun. Viel sei geleistet worden, Nationen miteinander zu versöhnen. Den Völkern sei eine große Leistung gelungen, auf die die Nationen in Europa zu Recht stolz sein könnten.
Man sei nun aufgerufen, mit Fantasie und Tatkraft die Not der Anderen zu sehen, wachsam und mit Zivilcourage – auch im persönlichen Leben - den neuen Gefahren entgegenzutreten – so entstehe aus dem Gedenken die Mahnung zur Mitmenschlichkeit in aller Welt.
Im Anschluss wurden die Kränze niedergelegt und die Deutsche Nationalhymne gesungen. Musikalisch umrahmt wurde der Volkstrauertag 2012 vom Posaunenchor unter Leitung von Andreas Pasemann.