Von Gewalt, großer Liebe und Tod

Daniel (links) und die anderen Chormitglieder wollen die am Boden liegende Gabriella vor ihrem gewalttätigen Ehemann schützen.
 
Ehrgeizig übt der Chor für den Wettbewerb in Wien.

Mit dem Schauspiel der oscarnominierten Filmvorlage „Wie im Himmel” gastiert das Theater für Niedersachsen in Seesen

Mit nur einem Koffer bepackt kommt Dirigent Daniel Daréus (Martin Molitor) in der Kirche seines schwedischen Heimatdorfs Ljusåker an. Sichtlich gezeichnet von seinem Nervenzusammenbruch begegnet er Pfarrer Stig (Jens Koch), der ihn mit kritischem Blick willkommen heißt.

Eine mit Gottesbildern bemalte Holzwand und mehrere Holzbänke bilden die Kulisse für Daniels Ankunft auf der Bühne in der Aula des Seesener Schulzentrums. Das Theater für Niedersachsen gastierte dort am Dienstag mit dem Schauspiel „Wie im Himmel” von Kay Pollak. Über zwei Stunden gab das Ensemble das Stück – nach einem der erfolgreichsten schwedischen Filme – zum Besten und sorgte bei den Zuschauern für begeisterten Jubel.
Teilnahmslos, den Blick auf den Boden gerichtet, schlendert Daniel mit seiner Einkaufstüte durch die Straßen von Ljusåker, als er fast mit einer Fahrradfahrerin zusammenstößt. So lernt er Lena (Joelle Rose Benhamou) kennen. Lena singt im Kirchenchor. „Sie wären der Richtige um mit uns zu proben! Uns ein bisschen aufzupolieren!”, sprudelt es aus der hiesigen Sängerin heraus. Diesen Vorschlag lehnt der Profimusiker zuerst strikt ab. Doch dann erinnert er sich an den Traum seiner Kindheit: Musik machen.
Szenenwechsel. Der Laienchor trifft sich zur ersten Übungsstunde mit Daniel als neuen Kantor. Da stellt sich schnell heraus, dass der Chor zwar motiviert aber auch disziplinlos ist. So klingelt andauernd Lenas Handy, Erik schmatzt auf einem Kaugummi vor sich hin, und auch der Rest der Truppe hält das Treffen wohl eher für eine Spaßveranstaltung. Den Zuschauern gefällt´s und so geht ein Lachen durch die Reihen der Aula.
„Jeder sucht seinen eigenen Grundton. Der Ton, der du bist!”, motiviert Daniel seine Truppe. Bald beginnen sich die Sänger auf die eher außergewöhnlichen Methoden ihres Kantors einzulassen und so treten ungeahnte Veränderungen bei jedem Einzelnen ein: Gabriella (Michaela Allendorf) gewinnt neues Selbstbewusstsein und wehrt sich endlich gegen ihren cholerischen und gewalttätigen Ehemann Conny (Fabian Joel Walter). Lena entdeckt ihre Liebe zu Daniel. Der behinderte Tore (Moritz Nikolaus Koch) wird in den Chor aufgenommen, nachdem er Tage lang immer wieder gebettelt hat: „Auch mitmachnen!”, und erfährt so das erste Mal Anerkennung. Holmfrid (Dennis Habermehl) schafft es ebenfalls, sich nach jahrelangem Mobbing gegen den dominanten Arne (Gotthard Hauschild) zur Wehr zu setzen. Inger (Simone Mende), die Frau des verklemmten Pfarrers, offenbart diesem endlich ihre Gefühle und Sehnsüchte. Dem ist das so gar nicht recht. Nun ist neben Gabriellas Ehemann auch noch Pfarrer Stig schlecht auf Chorleiter Daniel zu sprechen. Die beiden machen nämlich ihn für die Veränderungen ihrer Frauen verantwortlich.
Der Chor hat jetzt nur noch eines im Kopf: Die Teilnahme an einem Chorwettbewerb in Wien. „Das ist gegen meine Überzeugung! Druck ist nicht gut!”, wehrt sich Daniel Daréus gegen das Vorhaben seiner Truppe. Pfarrer Stig unterstellt dem Dirigenten Missbrauch seines Amtes und will ihm die Leitung entziehen. „Ein Kantor darf seine Stellung nicht missbrauchen, um intime Beziehungen aufzubauen”, mahnt er Daniel.
Als ihm dann die Chorleitung entzogen wird, entschließt er sich, wenigstens noch den Chorwettbewerb mit seinen Sängern zu bestreiten. Doch ein Husten macht Daniel schon seit einiger Zeit zu schaffen.
Voller Euphorie in Wien angekommen, wartet sein Chor auf ihn. Doch Daniel wird nicht mehr auf die Bühne treten. Während die Sänger zu improvisieren beginnen, stirbt ihr Kantor hinter der Bühne.
Nicht nur das Ende des Schauspiels berührt den Zuschauer. Dem Ensemble gelingt es, das komplette Stück über, große Emotionen bei den Zuschauern hervorzurufen. Vor allem Moritz Nikolaus Koch, in seiner Rolle als behinderter Tore, erntet am Ende Jubelschreie vom Publikum. Ein Stück über die großen Schwächen der Menschen: Eifersucht, Wut, Angst, Misstrauen, Schikane und Gewalt. Aber auch darüber, wie jeder Einzelne in einer Gemeinschaft zu sich finden und sich so durch Liebe und Leidenschaft „Wie im Himmel” fühlen kann.