Vorurteile abbauen, Verständnis aufbauen

Der türkische Imam der Gemeinde, Emrullah Gündogdu (Zweiter von links), erklärte seinen Gästen sehr anschaulich den Islamischen Glauben und wie die fünf Säulen des Islams aufgebaut sind.

Seesens Grüne besuchen Moschee / Gespräche mit dem Imam Emrullah Gündogdu geführt

Dass es in Seesen eine Moschee gibt, ist zwar kein Geheimnis, aber wohl den wenigsten Bürgerinnen und Bürgern bekannt. Anlass genug für Sven Ladwig und Karl Heinz Weidanz von der Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen sowie Grünen-Urgestein Joachim Stuffel, bestehende Kontakte zu nutzen und die Seesener Moschee einmal zu besuchen.
Die Seesener Mosche gehört dem Ditib Dachverband in Hannover an, der eng mit dem Türkischen Konsulat zusammenarbeitet. Der türkische Staat wiederum entsendet und finanziert die Imame. Alles darüber hinaus, also die Renovierungskosten der Seesener Moschee wird durch Spendengelder und Mitgliedsbeiträge finanziert.
Begrüßt wurden die Gäste sehr herzlich vom Vorsitzenden des hiesigen türkischen Islamvereins Süleyman Ates. „Die erste Seesener Mosche“, so Atis, „gab es 1990 in der oberen Jacobsonstraße (Anmerkung: heute Tip Top). Ab 1998 haben wir dann dieses alte Fachwerkhaus in der Straße Sack erworben. Seit dieser Zeit wird die Moschee von den Gläubigen nach und nach umgebaut und renoviert.“
Davon konnten sich die Grünen und die Seesener Bürgerinnen und Bürger, die der Einladung gefolgt waren, im Anschluss überzeugen. Nach dem obligatorischen Ausziehen der Schuhe wurden die Gäste in den Gebetsraum geführt und konnten dort unter anderem auch den prächtigen neuen Teppich bewundern und fühlen.
Der türkische Imam der Gemeinde, Emrullah Gündogdu, erklärte dann seinen Gästen sehr anschaulich den Islamischen Glaubenund wie die fünf Säulen des Islam aufgebaut sind: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosengabe, Fasten im Ramadan und die Haddsch (Pilgerfahrt nach Mekka).
Ebenso ließ er es sich nicht nehmen, den Besuchern mit beeindruckender Stimme eine Sure des Korans vorzubeten. Gündogdu, der nur für zwei Jahre in der Harzstadt weilt, wurde bei seinen Ausführungen vom frisch gebackenen Bachelor für Wirtschaftswissenschaften und Masterstudenten Yasin Yilmaz unterstützt.
Wie auch die in arabisch und türkisch gehaltenen Freitagspredigten übersetzte er die Ausführungen des Imam fließend ins Deutsche. „Das ist nötig, da etliche Gemeindemitglieder auch aus anderen muslimisch-geprägten Ländern wie Ägypten, Saudi Arabien, Bosnien und so weiter stammen,“ erläuterte Yasin Yilmaz und Vorsitzender Süleyman Ates ergänzt „Wir haben zirka 60 Vereinsmitglieder, auch Frauen“, so der Vorsitzende Süleyman Ates, „und etwa 100 bis 150 Gläubige kommen am Freitag zum Gebet.
Dabei ist es egal, ob sie Sunniten oder Schiiten sind. Die Moschee ist nicht nur für Muslime jeglicher Glaubensrichtung, sondern auch für nicht-muslimische Besucher offen und das die ganze Woche über. Fünf Mal am Tag kann in der Moschee gebetet werden, was aufgrund von Berufstätigkeit aber nur wenige nutzen“.
Vom Gebetsraum ging es dann weiter ins Obergeschoss der kleinen Moschee, wo in einem Tagungsraum weiter interessante Gespräche geführt wurden. Erstaunt erfuhren die Moscheebesucher, dass auf dem Seesener Friedhof noch nie ein Muslim beerdigt wurde.
„Entweder werden Muslime in ihrem Heimatland begraben“, so Ates „oder in Goslar, wo es einen muslimischen Friedhof gibt“. Die gastfreundlichen Hausherren beantworteten bei Tee und Keksen alle Fragen über Allah und die Welt. Natürlich kam auch das Thema Flucht und Vertreibung zur Sprache. Derzeit stoßen auch in Seesen gestrandete Flüchtlinge zu der Gemeinde und werden herzlich willkommen geheißen.
Nach knapp zwei Stunden, aber noch lange nicht am Ende des Gesprächsstoffs, mussten sich die Grünen dann noch ihrer anschließenden Fraktionssitzung widmen. Beeindruckt zeigten sich Karl-Heinz Weidanz und Sven Ladwig von den gesammelten Eindrücken des Moscheebesuchs und der Möglichkeit, muslimisches Leben in Deutschland mit all seinen Besonderheiten kennenzulernen. „Nur im Gespräch und gegenseitigen Austausch können Vorurteile ab- und Verständnis für andere Glaubensrichtungen aufgebaut werden“, so das einhellige Fazit der beiden Grünen. „Toll, mit welcher Offenheit unsere muslimischen Mitbürger uns hier empfangen haben und wie viele Parallelen wir im täglichen Leben feststellen konnten.“
Der Imam und die Gemeinde laden am Sonntag, 11. Oktober, ab 12 Uhr zum Tag der offenen Moschee ein, bei Tee und weiteren Kleinigkeiten sollen alle interessierten Bürger und Bürgerinnen in der Straße, Sack 11 (hinter der Seesener Feuerwehr), ihre Fragen rund um den Islam stellen können. Ausklang findet die Veranstaltung gegen 17 Uhr. Zum offenen Dialog werden zahlreiche Gäste erwartet. bo