Wann kann dieses Volk ein eigenes Volk sein?

Auch die Ordensritterburg in Cesis wurde angesteuert. (Foto: Greifen)

Kirchliche Lettlandhilfe Seesen veranstaltete achttägige Studienreise der anderen Art – Teil II

Auch wenn viele Reiseveranstalter in den letzten Jahren zunehmend Baltikumsreisen anbieten, beschränken sich diese meistens auf die Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallin. Das eigentliche Land – die Landschaft und die Menschen – bleiben den Reisenden dabei weitgehend unbekannt. Die Kirchliche Lettlandhilfe Seesen e. V. – vielen Seesenern durch diverse Hilfsmaßnahmen seit 20 Jahren zumindest theoretisch bekannt – veranstaltete nun eine achttägige Studienreise anderer Art. Mit dabei auch Renate Hoppe. Hier der zweite Teil ihres Berichts.

Herzlich begrüßt wurden wir von einigen Weberinnen in Rauna. Etwa zwölf Frauen haben im sogenannten „Dorfgemeinschaftshaus“ zwei Räume zur Verfügung, in denen sie in den Wintermonaten wunderschöne Dinge aus Leinen herstellen: Tischdecken, Läufer, Servietten und Kissenhüllen – aber auch Flickenteppiche aus Stoffresten und traditionelle lettische Trachten aus feiner Wolle. Gerade hatten sie mehrere solcher Trachten für die Schule gewebt – als Dank für die Überlassung der Räume.
In diesem Dorfgemeinschaftshaus, einem ehemaligen Verwaltungs- und Versammlungshaus einer großen Fabrikanlage, sind auch die Ärzte untergebracht, die regelmäßige Sprechstunden abhalten und auch Hausbesuche machen, unterstützt von einer Krankenschwester. Dieses medizinische Zentrum schien uns allerdings – gemessen an den Arztpraxen unserer Heimat – doch recht dürftig.
In dem ehemaligen Fabrikgelände befindet sich auch das Heizkraftwerk des Ortes, das eine ganze Reihe von Wohnblocks versorgt und mehreren Männern aus Rauna Verdienstmöglichkeiten bietet.
Auch ein junger metallverarbeitender Betrieb hat sich auf dem Gelände angesiedelt, der schöne, dekorative und praktische Dinge für Haus und Garten produziert und inzwischen auch fünf Menschen Arbeit gibt.
Die zu Rauna gehörende Töpferei hat sich sehr positiv entwickelt, besitzt offensichtlich einen guten Absatzmarkt und beschäftigt inzwischen zwölf Personen. Der Inhaber gab uns einen umfassenden Einblick in die einzelnen Arbeitsgänge und beeindruckte bei einem Rundgang durch seinen Unternehmungsgeist, der mitreißend wirkte.
Wichtig für uns alle war natürlich auch ein Besuch im Pensionat, wo wir sogar noch einige Bewohner vorfanden, die wir schon seit fast 20 Jahren kennen. Für diejenigen unserer Gruppe, die in den neunziger Jahren an den Aufbaulagern teilgenommen haben, war es eine große Beruhigung zu sehen, dass alle eingebauten oder angelegten Neuerungen noch immer gut funktionieren.
Beim Besuch der Kreisstadt Cesis beeindruckten vor allem die Reste der alten Ordensritterburg, wohl die besterhaltene von den unendlich vielen im ganzen Baltikum.
Im Burggelände gab es ein besonderes Kuriosum: das riesige eherne Leninstandbild, das früher den Ort zierte, lag in einer einfachen großen offenen Holzkiste und löst sicher bei den unterschiedlichen Besuchern auch unterschiedliche Gefühle aus. Für die Russen ist diese „Grabstätte“ sicher ein Pfahl im Fleisch – die Letten haben dabei eher ein gewisses Lächeln im Gesicht. Wir waren sehr bewegt von den persönlichen Erfahrungen unserer Dolmetscherin aus der Sowjetzeit, die sie uns an dieser Grabstätte berichtete und bei der ihr Tränen in die Augen traten.
Natürlich gab es auch einen Tag für Riga, wo nach einer gemeinsamen Stadtführung jeder für sich diese quicklebendige wunderschöne Innenstadt erkunden konnte. Einladende Straßenrestaurants, viele verschiedene Gruppen von Straßenmusikanten – es war ein ganz besonderes Flair. Und doch ist bei vielen Letten ein bitterer Beigeschmack zu spüren: Nach dem die Sowjetzeit lange hinter ihnen liegt, ist der neugewählte Ministerpräsident wieder ein Russe. Kein Wunder, wenn man bedenkt, das 60 Prozent der Einwohner Rigas Russen sind und fast ein Drittel der lettischen Bevölkerung in Riga wohnt. Nach dem wir an den Abenden vieles über die Geschichte Lettlands erfahren hatten, drängte sich uns die Frage auf: Wann kann dieses über 700 Jahre unter Fremdherrschaft lebende kleine Volk wohl endlich ein eigenes Volk sein?
Einen Hauch dieser Fremdherrschaft spürten wir hautnah noch einmal auf dem Rückweg von Riga nach Rauna, wo wir das im Wald liegende ehemalige Konzentrationslager Salaspils besuchten, das die Deutschen 1941 gleich nach dem Einmarsch in Lettland errichteten. Einen besonders tiefen Eindruck machte dabei der über das ganze Gelände hörbare Schlag eines riesigen Metronoms unter der Erde. Er symbolisiert den Herzschlag der 100.000 Menschen, die hier den Tod fanden. Über dem Eingang stehen die Worte: „Hinter diesem Tor stöhnt die Erde.“