Wellness auf der Bühne mit dem „Theater an der Kö“

Hugo Egon Balder und Jeanette Biedermann sind die Aushängeschilder für das Theaterstück „Aufguss“ von René Heimersdorf. Kein Wunder also, dass die Seesener Aula ausverkauft war.

Das Publikum des Seesener Theater-Abos erwartete eine schmissige „Boulevard“-Komödie. Wenn auch „Boulevard“ in der Theaterlandschaft heute manchmal etwas verstaubt erscheinen mag, wirkte das auf der Seesener Bühne Gebotene doch frisch, frech und anziehend (oder: ausziehend?), anders als die üblichen Verwechslungskomödien.

Die farbige Paravent-Architektur des Bühnenbildes von Tom Grasshof ist tourneegerecht transportabel, aber postmodern dem klinischen Ambiente angepasst. Davor entwickeln sich die Auftritte vordergründig, während die Aufgüsse bei Sauna, Dampfbad und Kühltauchbecken im Hintergrund bleiben. Die Bühne wird hier zum Kreuzungspunkt paarweise dikutierter, aber missverstandener Interessen. Die egalitären weißen Mäntel der Bademantel-Diplomaten kontrastieren zur Buntheit der Glasfenster-Wände.

Im Wellness-Hotel überrascht der alternde Waschmittel-Fabrikant Dieter Möller (Hugo Egon Balder) seine Partnerin Mary (Madeleine Niesche) mit einem besonderen Geschenk: mit der bereits arrangierten Idee für eine fremde Samenspende. Und dann ist da noch Lothar (René Heinersdorf), Chef einer florienden Kinderklinik, begleitet von seiner Assistentin Emelie (Jeanette Biedermann), der ein besonderes Geschenk erwartet. Ist Alain (Jens Hajek), Mathematiker und „The Brain“, der Samenspender oder der großzügige Geldspender für die Klinik? Auf jeden Fall entwickelt sich auf der Seesener Wellness-Bühne ein langer und komplizierter Spenden-Marathon, der noch an Brisanz gewinnt, als Mary gegenüber Alain von ihrer Schwangerschaft erzählt.
Das Publikum ist in der glücklichen Situation, mehr zu wissen als die Akteure auf der Bühne. Begriffe mit Potential zu Missverständlichkeiten werden von den wahrlich tiefer Sitzenden im Saal immer in der Zweideutigkeit – perspektivisch: unter Gürtel-Höhe – verstanden und von Beginn an wissend belacht.
Die Wortspiele der fünf Well-Nässer kreisen nach der Pause um das Abendessen und bewegen sich zwischen „Düsseldorfer Dillsüppchen“ und „Guglhupf mit Grand Marnier“. Zum Finale hin lösen sich die Missverständnisse langsam und mühsam auf und wie zu erwarten werden sich die Paare finden: Klinikchef Lothar zieht mit Marie ab (Typisch: Regisseur Heinersdorff schnappt sich die beste Schauspielerin!) und Emelie findet sich mit Alain zusammen. Einsam bleibt Dieter (H. E. Balder) übrig: Keiner mehr da, der sagt, was ich machen soll.“ Das Telefon klingelt. „Hallo, Mama!“

Szenenapplaus gab es genug, trotz der teilweise Randständigkeiten guten Geschmacks zwischen „Aufguss“ und „Erguss“. Nach dankbarem Schlussapplaus und mehreren „Vorhängen“ - oder Aufgüssen? – dampfte das Seesener Publikum ab in die kalte Seesener Nacht.

Dr. Joachim Frassl