Wenn nur noch Musik antworten kann

Ein unermüdlicher Botschafter für die synagogale Musik: Professor Andor Iszák.
 
Bürgermeister Erik Homann, Propst Thomas Gleicher, Professor Andor Iszák und Landtagsabgeordneter Rudolf Götz bei der Pressekonferenz in der Vila Seligmann in Hannover.

Konzert mit Sakralmusik am 21. November als Zeichen gegen antisemitische Ressentiments

Ende Juli raschelte es gewaltig im Deutschen Blätterwald als publik wurde, dass ein Seesener CDU-Ratsherr auf seiner Seite im sozialen Netzwerk „facebook“ eine Juden diffamierende Äußerung getroffen hatte. Dabei spielte es letztlich keine Rolle, in welchem Zusammenhang der Satz gefallen war, denn die verbale Entgleisung zeigte stellvertretend, dass antisemitische Ressentiments weiterhin unter den Decken der Republik lodern.

In der Seesener Politik und Gesellschaft wurde große Empörung ob dieser schändlichen Äußerung laut, und der Christdemokrat kam einem Parteiausschlussverfahren nur durch seinen freiwilligen Austritt zuvor.
Seither wird in Seesen, der Wiege des Reformjudentums, überlegt, wie auf diesen Skandal angemessen und mit Nachdruck zu reagieren ist. In Professor Andor Iszák, dem wohl größten Botschafter der synagogalen Musik, fanden die Seesener schnell einen engagierten Mitstreiter, der sich sogleich anbot zusammen mit der Stadt Seesen demonstrativ einen Abend mit jüdischer Sakralmusik zu veranstalten.
Zu dem Konzert, das am 21. November (20 Uhr) in der St.- Andreas-Kirche veranstaltet wird, fand gestern Vormittag die Pressekonferenz in der Villa Seligmann in Hannover statt. Neben Professor Andor Iszák stellten sich auch Seesens Bürgermeister Erik Homann, Rudolf Götz, Landtagsabgeordneter und Kreisvorsitzender des CDU-Kreisverbandes Goslar, sowie Thomas Gleicher, Probst der evangelischen Propstei Seesen, den Fragen der versammelten Journalisten.
Professor Andor Iszák, der in die ehrwürdige Villa Seligmann geladen hatte, erklärte einleitend, dass das Konzert in Seesen eine Veranstaltung sein soll, mit der man „Gesicht gegen antisemitische Ressentiments zeigen möchte“. Der Standort Seesen, und hier insbesondere die St.- Andreas-Kirche, eigne sich in besonderem Maß für eine solche Veranstaltung. Denn Seesen ist die Wiege des Reformjudentums und die Wiege der synagogalen Musik. Von Seesen ausgehend hat sich das liberale Judentum in der ganzen Welt verbreitet.
Iszák machte jedoch auch deutlich, dass es bei dem Konzert nicht allein um die verheerende Aussage des zurückgetretenen Lokalpolitikers gehe, sondern auch darum, ein aktuelles, politisches Problem, das der antisemitischen Vorurteile, aufzugreifen und zu thematisieren. „Antisemitismus ist kein typisch deutsches Phänomen. Antisemitische und rassistische Anfeindungen finden wir beispielsweise auch in Frankreich, Schweden, den Niederlanden und Ungarn“, so Professor Iszák. Deshalb soll das Konzert auch für Verständnis werben und mit Vorurteilen und „dummen Irrtümern“ aufräumen. „Es ist in Ordnung das Verhalten und die Handlungen Israels kritisch zu betrachten, es ist aber falsch Israel mit den Juden gleichzusetzen, denn der Staat Israel setzt sich nicht allein aus Juden zusammen. Dort sind auch andere Bevölkerungsgruppen, beispielsweise Araber beheimatet“, erläutert der Professor.
Auch Seesens Bürgermeister Erik Homann hofft, dass mit Hilfe des Konzertes ein öffentlich wirksames Zeichen gesetzt werden kann, und dabei deutlich wird, „das Antisemitismus keinen Platz in unserer Gesellschaft haben darf“. Ähnlich äußerte sich auch Propst Gleicher, der erklärte, dass das Konzert am 21. November „im Rahmen einer langen Tradition des Miteinanders steht“. Gleicher und Iszák sind befreundet. Zusammen haben sie in der Vergangenheit schon häufiger die jüdisch-christliche Kultur in den Fokus gerückt.
Rudolf Götz, der in seiner Funktion als Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes eng mit dem Skandal verwoben war, sagte, dass ihn bei den Überlegungen wie auf den Vorfall zu reagieren sei, ein Gedanke von Andor Iszák am meisten beeindruckte: „In einem Gespräch drei Tage nach dem gewaltigen Medienecho sagte Professor Iszák zu mir: Es gibt Momente, wo nur Musik eine Antwort geben kann. Und ich denke, dass Andor Iszák damit richtig liegt.“
Überdies hegt Götz die Hoffnung, dass von diesem Konzert eine Art Initialzündung ausgehen möge. „Vielleicht kann Seesen mit dieser Veranstaltung wieder ein Ausgangspunkt werden, die jüdisch-christliche Kultur von einer anderen Seite zu betrachten und zu beleuchten. Es sollte dabei auch nicht nur um Vergangenheitsbewältigung gehen, sondern auch darum, welche Chancen sich in Zukunft bieten können“, sagt Landtagsabgeordneter Götz.
Bezüglich des Musikprogramms am 21. November ist sich Professor Iszák sicher, dass es bei zahlreichen Zuhörern für angenehme Überraschungen sorgen wird. Geboten werden nach Aussage des Professors quasi die „Klassiker der synagogalen Musik“. So werden Werke von Komponisten wie Louis Lewandowski, Salomon Sulzer, Alfred Rose und Moritz Henle präsentiert. Zudem wird ein vollkommen unbekanntes Werk von Franz Schubert zu Gehör gebracht. Professor Andor Iszák, dem die Leitung des Konzertes obliegt, wird unterstützt vom Europäischen Synagogalchor. Und in einem Punkt ist sich der Musikenthusiast Iszák auch sicher: „Wer die synagogale Musik hört und mag, der kann auch kein Antisemit mehr sein“.