Wilfried Schmickler beim Seesener Kulturforum

„Das Letzte“ als Programm wird nicht das Letzte bleiben, das Wilfried Schmickler bei seinem „absoluten Lieblings-Kulturforum“ in Seesen auf der Bühne präsentierte.

Der Kabarettist trägt einen Blechkasten unter dem Arm. Schmickler erklärt, er sei seit ein paar Wochen, quasi nebenberuflich, auch im Finanzgewerbe tätig, und das Behältnis stellt sich als Briefkasten heraus.

Nach einer kurzen Witz-und-Foto-Session zu Beginn kommt Schmickler zu den ernsten Themen. Harmlos ist noch die Frage, was zuerst käme, die Kunst oder der Mensch. Das Argumentationsresultat am Ende der Kette heißt dann: Der Mensch kommt immer zuletzt!

Immer wieder brandmarkt der Kabarettist Intoleranz, Gejammer und Gleichgültigkeit. Es sind drei Perspektiven in drei Personen, die Schmickler auf die Bühne bringt: den erklärenden und predigenden Kabarettisten, den moralischen Sänger („Ein Treiber, der die Träume treibt“ oder „Rabenschwarz...“) und schließlich immer wieder der Tagebuchleser als „Gratwanderer“ („Sollte man den Leuten im deutschen Osten doch einmal zumuten, endlich mal Ausländer kennenzulernen?“).
Die AfD bedeutet für Schmickler die „Abschiebung von allem Nicht-Deutschen“. Das endet in der Forderung der Farce „Rettet das deutsche Hackfleischbällchen!“

„Gibt es noch einen aufrechten Gang durch die Institutionen?“ Die Frage fordert Rückgrat. Die Wiedererstarkung der FDP ist Thema, Mutter Merkel und die Flüchtlinge, aber auch „der größenwahnsinnige Sultan aus Ankara“ auf dem Foto neben der Kanzlerin, die Hasstiraden neben brennenden Asylantenheimen.
„Das Letzte“ ist der Programmtitel. Der Kölner Kabarettist kommt nicht am Thema Karneval vorbei. Und das sei wirklich „das Allerletzte“, dass neben dem afrikanischem Querhornblasen und der Kleidung aus Baumrinde nun auch der Kölner Karneval zum Weltkulturerbe gehöre. „Ich habe mir alle Sendungen im Fernsehen angeguckt: Karneval ist nichts anderes als Blutwurst essen, Bier trinken und die vage Aussicht auf Geschlechtsverkehr.“

Wilfried Schmickler ist brilliant in seiner Sprache, die in scharf geschliffenen Wortkaskaden auf ihr Ziel hinsteuert. Das Tempo reißt mit und plötzlich poltert aus seinen Pegida-Schmähungen der hässliche Hitler-Duktus heraus, in Stabreimformen vorbereitet. Schmicklers lyrische Wortakrobatik ist anspruchsvoll, auch die eingestreuten Lesungen ereignen sich in höllischem Tempo, pausenlos. Eine lange Leitung darf der Zuhörer nicht haben.

Als Kabarettist ist Schmickler tagespolitisch aktuell, nicht nur beim Briefkasten und bei Erdogan, als politischer Satiriker muss er das nicht. Da legt er die Finger in die Dauerwunden, gerissen aus Angst und Hass, aus Gier und Neid. Erst analysiert er, dann predigt er, dann singt er Balladen, dann parodiert er, dann ist er wieder Kassandra-Rufer. Wenn er am Ende des Programms seinen Klassiker „ich bin wir, und du bist wir, und er ist wir ...“ als Zugabe bringt, geht es schließlich um die Ausgrenzung der anderen, und sein Gedicht von fast gestern ist brandaktuell. Das Publikum beim Seesener Kulturforum dankt begeistert mit viel Applaus.

Dr. Joachim Frassl