"Wir wollen ja och fährdisch werden! - wie der Sachse sagt"

Seine Bewegungen sind klein, doch die Wirkung seiner Worte ist Groß. Uwe Steimle begeistert in Seesen.
 
Mit Uwe Steimler startete die Jubiläumssaison "25 Jahre Kulturforum Seesen e.V."

Mit dem begnadeten Kabarettisten Uwe Steimle startet die Jubiläumssaison beim Seesener Kulturforum – „gesächselt“ wird vor vollem Haus.

Von Antonio Mateo, Seesen

Mehr als 450 Zuschauer erleben mit Uwe Steimler den Auftakt in die Jubiläumssaison „25 Jahre Kulturforum Seesen e.V.“ in der fast ausverkauften Aula im Schulzentrum. Der Kabarettist und Schauspieler Uwe Steimle bot mit seinem Programm „Authentisch – ein Stück weit“ eine gelungene Mischung seines sächsischen Humors gepaart mit gekonnter Gesellschaftskritik.

Der sonst als „Polizeiruf 110“-Kommissar Jens Hinrichs bekannte Schauspieler und Kabarettist riss von Anfang an das Publikum mit seinem sächsischen Dialekt in seinen Bann. Sein Soloprogramm enthält gut verpackte Kritik, eine köstliche Bilanz zur Wiedervereinigung Deutschlands und heftige Sprüche. Auf der Bühne braucht Steimle keine großen Requisiten. Ihm reichen ein Tisch, ein Stuhl, Mineralwasser, Glas und seine Stimme. Seine Schauspielerfahrungen und sein Dialekt sind von besonderer Güte. „ Der Euro ist sicher – vor wem?“, fragt Steimle? Wandelbar, aktuell und mit spitzer Zunge skizziert er das Bild Europas: „Wenn Griechenland und andere Länder eh Pleite sind, können sie diese uns auch gleich überschreiben – wir bezahlen es ja eh!“. Die Zuschauer toben und wieder setzt Steimle einen bösen Nachsatz drauf: „Das würde auch das Ende des zweiten Weltkrieges korrigieren“. Angela Merkel und Beckmann kommen nicht gut bei Steimle weg, wenn er „synapsiert“. Mit - für Erich Honnecker- typisch überschlagenden Stimme, verglich er dessen politische Botschaft mit auffälligen parallelen zu Angela Merkel und sagt sich: „Mensch Uwe das hast du doch och schon mal gehört?“ Sein Rat: „Sie sollte ihre Reden nicht selber schreiben!“, es „gibt noch Überlebende der Wende.“ Er hat „Ein System untergehen sehen“ und „Es war nicht schlimm.“ „Ich habe ja nun auch die DDR überlebt, was soll mir noch passieren?“, fragt Steimle. Das ist Sarkasmus der sächsischen Art.

Ossis und Wessis als Hintergrundthematik. „Original sächsischer Crêpes“ weil „Wessis nicht wissen, was Blinsen sind“. Gespickt mit Seitenhieben in Richtung Medienlandschaft und tagespolitisch geht er durch sein Programm. Immer wieder verbindet er Humorvolles mit Tiefsinnigem. Er bringt eigenwillige Wortschöpfungen, wie „Hätsch-Fonds, müsste ich nicht arbeiten gehen“ oder „Standort Deutschland - Stand-dort-Deutschland?“ ein. Topaktuell sind seine komödiantischen Betrachtungen der Deutschen aus dem Blickwinkel der „Ossis“. Von EHEC bis zum Christstollen, Globalisierung, Integration und Atom-Ausstieg. Tagesbestimmende Themen wechseln sich mit Anekdoten aus dem sächsischen Alltag ab. Auch das Seesener Publikum wird abgeholt: „Auf der einen Seite haben wir Rettungsschirme über 180 Milliarden und was war im März diesen Jahres? – „Wir dürfen das nicht vergessen liebe Seesener“ – „Hier war das Streusalz alle. Ja! Oder? Das ist doch unfassbar!“ Er beobachtet, analysiert und zieht alle Vorurteile der „Wessis“ und „Ossis“ durch den Kakao. Immer wieder bedient er sich sprachlicher Delikatessen, zitiert auch „Versprechendes Denken“ bei einem SPD Politiker: „Es regiert immer noch Schwarz-Geld“. Den Zuschauern gefällt es, auch wenn sie manchmal über sich selbst lachen müssen.

In Sachsen, wo man „furschtbar“ und „nu“ sagt, leben Frau Bähnert und der arbeitsuchende Herr Zieschong. Beide Figuren sind fiktiv ausgedacht und von ihm gespielt. Zieschong: „Frau Bähnert, was ist der Unterschied zwischen Russland und dem Westen? Frau Bähnerts Antwort: Wir haben 40 Jahre gebraucht, um sie los zu werden. Wer sagt, dass es dieses Mal nicht auch so klappt?“ Immer sind humorvolle Sprüche inklusive: “Niemand kann etwas dafür, wenn er dumm geboren wird, aber wenn jemand dumm stirbt, muss der ja ganz schön blöde sein!“ Ein kurzweiliger Kabarettabend mit bestem Unterhaltungsgrad und hoher sächsischer Qualität. Der gebürtige Dresdner beschert dem Seesener Publikum und dem Jubiläumsverein einen gelungen Saisonauftakt.