Wo die Glocken noch per Hand geläutet werden

Sagenumwoben: Stonehenge. (Foto: Habich)

Harzer Gymnasiastin absolivert Praktikum in der Seesener Partnerstadt Wantage / Ein Erlebnisbericht von Julia Habich

Wie bereits berichtet, absolviert die Harzer Gymnasiastin Julia Habich durch die Vermittlung der beiden Partnerschaftsvereine ein Praktikum im Museum der Seesener „Twintown“ Wantage.


Seesen/Wantage (bo). Wenige Tage vor ihrer Rückkehr in heimische Gefilde hat die Oberschülerin ihre Eindrück zu Papier gebracht – hier ihr abschließender „Reisebericht“:
Mein Aufenthalt in Wan­tage neigt sich nun dem Ende zu. Hinter mir liegt eine sehr angenehme Zeit, in der ich viele Leute kennen und lieben gelernt habe. Zwei dieser Leute sind Martha und John Hudson, Mitglieder des Partnerschaftsvereins Wantage- Seesen, zu denen ich letzten Dienstag umgezogen bin und mit denen ich meine letzten Tage hier verbracht habe.
Während meiner Arbeit im Museum habe ich mich hauptsächlich mit der derzeitigen Ausstellung „Tranquil Brush“ beschäftigt, die Bilder von lokalen Künstlern enthält. Beim Erstellen von Gemäldelisten, Preisschildern etc. wurde mir bewusst, was für ein Aufwand hinter einer solchen Ausstellung steckt. Die Arbeit im Museum of Wantage hat mir großen Spaß gemacht, was nicht zuletzt daran lag, dass stets eine angenehme und familliäre Atmosphäre herrschte, und man sich Zeit für mich nahm. Ich hatte außerdem das Gefühl, als Praktikantin ernst genommen zu werden und dem Team des Museums mit den mir zugeteilten Aufgaben einen Teil ihrer Arbeit abnehmen zu können.
Was den kulturellen Aspekt meines Aufenthalts angeht, so wird mir neben der Besichtigung des „Stonehenge“ sicherlich auch der Besuch der Stadt Oxford als besonders aufregend in Erinnerung bleiben.
Überrascht hat mich in Oxford zunächst, dass es Besuchern nicht gestattet ist, mit dem Auto ins Zentrum der Stadt zu fahren. Ein gut organisiertes „Park and Ride“-Sys­tem bietet Touristen die Möglichkeit, ihr Auto außerhalb der Stadt zu parken und sich anschließend mit einem der im 10-Minuten-Abstand fahrenden Busse in die Innenstadt zu begeben.
Die Stadt Oxford selbst ist weltbekannt für ihre Eliteuniversität und dementsprechend geprägt von sehr schönen Lehrgebäuden und Bibliotheken im historischen Stil sowie Buchläden, die ihren Kunden ein schier enloses Sortiment an Büchern jedes erdenklichen Literaturgenres bieten.
Als ich Oxford besucht habe, wurde das Stadtbild außerdem ausgemacht von Hunderten von Studenten in ihren schwarzen traditionellen Gewändern, die vor dem Hintergrund ihrer bevorstehenden Immatrikulation zu einem Fototermin pilgerten.
Aufgrund des bereits erwähnten Autoverbots innerhalb Oxfords ist die Stadt verhältnismäßig ruhig, und es sind hauptsächlich Busse für Touristenfahrten, die man auf den Straßen sieht.

Froh und dankbar
für die Erfahrungen

Oxford bietet außerdem gute Shoppingmöglichkeiten sowie viele gemütluiche Res­taurants, in denen man sich nach einer Sightseeing-Tour stärken kann. In zahlreichen Souvenirläden können im Anschluss verschiedene Teesorten, Postkarten etc. erworben werden. Es war ein sehr schöner Tag in Oxford, der mir in positiver Erinnerung bleiben wird.
Bezüglich der Stadt Wantage lässt sich sagen, dass sie eine sehr gemütliche Atmosphäre ausstrahlt. Die meisten Häuser bestehen aus Backstein, ein paar seltene Gebäude sind reedgedeckt. Auf einem zentral gelegenen Marktplatz um die Statue von König Alfred findet einmal wöchentlich ein Markt statt, auf dem Einheimische Lebensmittel kaufen können. Sehr eindrucksvoll ist die Kirche der Stadt, direkt gegen­über vom Museum.
Die Glocken werden hier noch von Hand mit Muskel- statt Maschinenkraft geläutet. Da meine erste Gastmutter, Janet Parker, daran beteiligt ist, konnte ich letzten Sonntag vor der Messe einen kleinen Einblick in dieses Spektakel erhaschen. Vier bis sechs Personen läuten gemeinsam die insgesamt acht Glocken im Turm der Kirche. Gefragt ist dabei nicht nur Kraft, sondern ebenso Takt- und Rhythmusgefühl sowie Teamfähigkeit.
Janets Arbeit bei der Kirche und die vielen Arbeiten im Museum, die auf freiwilliger Basis und ohne Bezahlung erledigt werden, spiegeln meiner Meinung nach auch die Gastfreundschaft in Wantage wider: Die Menschen leben hier auf freundschaftlicher Basis miteinander, man hilft sich und kann im Gegenzug selbst mit Hilfe rechnen.
Alles in allem war mein Aufenthalt in Wantage eine sehr tolle und ausschließlich positive Erfahrung.
Ich bin froh und dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen, und sicher, dass die hier geknüpften Freundschaften auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland Bestand haben werden. Nicht zuletzt bietet der jährliche Aufenthalt der Engländer in Seesen im Rahmen des Austauschprogramms die Möglichkeit, diese Freundschaften zu pflegen.