Zeitzeuge berichtet von Haft in Hohenschönhausen

22 Monate war der „Flüchtling“ in Haft.

Michael Lotsch saß 22 Monate in Stasi-Haft / Zehntklässler der Realschule Seesen interessiert an „spannender“ Biografie

Seesen (uk/bo). Michael Lotsch saß als junger Mann Ende der 80er Jahre insgesamt 22 Monate in Hohenschönhausen im Stasi-Gefängnis. Er hatte versucht, vor der Wende mit einem Freund über Ungarn aus der DDR zu fliehen. Dabei wurden die beiden jungen Männer erwischt. Von „seiner“ Flucht und der anschließenden Haft berichtete Lotsch jetzt als Zeitzeuge der Gedenkstätte Hohenschönhausen den Schülerinnen und Schülern der 10b der Realschule Seesen.
Die 10b war im Sommer auf Klassenfahrt in Berlin und hatte dabei die Gedenkstätte besucht. Im Geschichtsunterricht wurde das Thema anschließend von Klassenlehrerin Pascal le Blond ausführlich behandelt. Behandelt wurden dabei die Nachkriegszeit, die Teilung Deutschlands, der Alltag in der DDR und der BRD, die wirtschaftlichen Verhältnisse, aber auch wie die SED mit Hilfe der Stasi ihre Macht erhalten konnte und natürlich Mauerfall und was dazu führte. Pascal le Blond: „Wir versuchen Zeitzeugen mit in unseren Unterricht einzubeziehen. Manchmal waren auch schon Eltern im Unterricht, die von ihrem Leben in der DDR erzählt haben. Oral history ist für den Unterricht ganz wichtig.“
Die Klasse war sehr interessiert und durfte Michael Lotsch alles fragen. Lotsch berichtete von seiner Jugendzeit, so zum Beispiel, dass er kein angepasster Junge gewesen sei. Er spielte Musik in einer Punkband. Eine Lehrerin schrieb in sein Zeugnis eine Bemerkung über seine politische Einstellung, die dazu führte, dass er nicht studieren durfte.
Die Realschüler hatten auch die Gelegenheit, ihn zu seinen Eltern zu befragen, wie diese damals mit der Situation umgegangen sind. Lotsch berichtete, wie sich die Verhörmethoden im Laufe der Zeit verändert haben (in den 50er und 60er Jahren gab es körperliche Folter, zum Beispiel durch eine Wasserzelle und Strom) später wurde psychische Folter angewandt (zum Beispiel durch das Druckmittel „Familie“). Lotsch bilanzierte, dass er „zum Glück eigentlich relativ unbeschadet“ diese Haftzeit überstanden hat, aber dass viele damalige politische Häftlinge auch heute noch Folgen von ihrer Haftzeit haben.
Für ihn sei klar gewesen, dass er die Haft durchstehen müsse, und dass er unbedingt „raus aus diesem Land“ wollte. Am Ende der zweiten Stunde führte die Diskussion in die heutige Zeit. Michael Lotsch, so sagte er, sei es wichtig, mit der Zeit von damals Frieden zu schließen.
Er befand am Ende, dass die Täter halt auch Kinder ihrer Zeit waren. Wichtig sei aber, daraus zu lernen und sich für die Freiheit zu engagieren. Lotsch: „Jeder sollte das auf seine Weise tun.“